Volltext: Bericht der Königlichen Technischen Hochschule in Stuttgart für das Studienjahr 1906/1907 (1906)

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WÜRTTEMBERGISCHE BAUZEITUNö. 
Nr. 51. 
dieselben an Sicherheit und Unterhaltungsaufwand den aus 
natürlichen Hausteinen bestehenden Brücken nachstehen. Die 
Baukosten der letzteren aber sind selbstverständlich wesentlich 
höher. 
Demzufolge wurde für das gesamte Mauerwerk dieser 
Brücken ausschließlich Stampfbeton in verschiedenen, der Be 
anspruchung der einzelnen Mauerteile entsprechenden Mi 
schungsverhältnissen teils aus reinem Kies, teils aus Quetsch 
kies oder geschlagenen und gequetschten Steinen, als Bau 
material verwendet. Eine Ausnahme hierbei bildet die 
Quaderverkleidung der Sockelkanten der Brücken, welche 
zum Schutz gegen Eis oder sonstige schwimmende Gegen 
stände vorgesehen wurde. Die Wahl der großen Spannweiten 
für die Brückenbogen war durch die örtlichen Verhältnisse 
bedingt, das Einbauen von Pfeilern in das Flußbett hätte 
außerdem eine Anstauung des Wassers zur Folge gehabt, 
gegen welche voraussichtlich die Besitzer von Fabrikwehren 
ober- und unterhalb der Brücken Einspruch erhoben hätten. 
Durch die Anordnung von drei Gelenken, zwei Kämpfer- 
gelenken und einem Scheitelgelenk, welche die Stützlinien 
der Bogen genau fixieren, läßt sich bekanntlich die Form der 
Bogen statisch genau bestimmen, deren Beanspruchung 
außerdem durch Temperatureinflüsse, Senkung der Fundamente 
und dergleichen sich genau berechnen läßt. Von Wichtigkeit 
ist bei Stampfbeton bezw. eisenarmiertem Beton die Berück 
sichtigung der Temperaturausdehnungen, welche wesentlich 
höher als bei reinem Steinmaterial sind und sich denjenigen 
des Eisens fast nähern. Die Kemptener Brücken vollziehen 
bei einem Temperaturunterschied von 40° Hebungen und 
Senkungen des Scheitels von zusammen 4 cm, es war daher 
nötig, über den Gelenken sogenannte Dilatationsfugen von 
mäßiger Dicke anzuordnen, welche bis zur Bahnkrone hinauf 
reichen und die Entstehung von Sprüngen und Rissen in der 
Uebermauerung, den Geländern, Brüstungen u. s. w. zu ver 
hüten haben. Bei den großen Hauptbogen der Kemptener 
Brücken werden durchweg Walzgelenke aus Siemens-Martin- 
Gußstahl verwendet von einer Bruchfestigkeit von mindestens 
5000—5500 kg/qcm. An den Berührungsflächen der Gelenke 
ist der Stahl gleichmäßig bis auf eine Tiefe von mindestens 
5 mm gehärtet. Der größte Druck an den Berührungsflächen 
der Gelenke beträgt ca. 1600 kg/qcm, an den Gelenkplatten 
62—68 kg/qcm. Die Gelenke berühren sich hierbei auf einem 
Flächenstreifen von 2,5—4,5 cm Breite und werden mit An 
strich versehen, zudem mit Gudron-Asphalt eingegossen, um 
vor schädlichen Witterungseinflüssen bewahrt zu bleiben. Sie 
sind ferner so zugänglich konstruiert, daß eine periodische 
Revision möglich ist. Der Gewölbebeton wird direkt an die 
Gelenke angestampft, wobei die Gelenkpaare vor der Ein 
bringung fest und unverschieblich miteinander verschraubt 
werden. Vor der Ausschalung werden die Schrauben alsdann 
wieder entfernt, um die Beweglichkeit der Gelenke nicht zu 
beeinträchtigen. Damit die Gelenke außerdem vor Verschie 
bungen gesichert sind, wird an den beiden Stirnen jedes 
Paares je ein 1,5 cm langer und 3 cm dicker Stahlzapfen an 
gebracht sowie der Gewölbebeton über die Gelenkfußplatten 
übergreifend anbetoniert. Der statischen Untersuchung wurden 
die bei den Kgl- bayrischen Staatsbahnen bestehenden Be 
lastungsvorschriften zugrunde gelegt, nämlich Lastenzüge, die 
aus zwei Lokomotiven, im übrigen aus Güterwagen bestehen, 
was einer Belastung von 8,16 t pro laufenden Meter Gleis auf 
die Länge der Lokomotiven und 3,81 t auf die Länge der 
Güterwagen gleichkommt. 
Die Brücken sind mit einem leichten Schlackenbeton von 
1500 bis 1600 kg/qcm Gewicht und etwa 50 bis 60 kg/qcm 
Festigkeit vollständig übermauert. Die Uebermauerung ist 
oben durch eine 20 cm dicke Betonschicht abgedeckt, auf 
welcher eine 60 cm starke Schotterschicht als Gleisbettung 
ruht. Behufs Entwässerung der Brücken ist die Gleisbettung 
derselben vom Mauerwerk durch eine doppelte Asphaltschicht 
isoliert, auf der das Niederschlagswasser abgeleitet wird. 
Große Sorgfalt wurde auf die Konstruktion, Dimensionierung 
und Ausführung der Fundamente gelegt. Der aus den ver 
schiedenen Belastungsarten sich ergebende Strahlenbüschel 
der Drucklinien geht durch die Mitten der Fundamente, so 
daß dieselben ziemlich gleichmäßig belastet werden. Der 
aus hartem, horizontal gelagertem Molassesandstein bestehende 
Baugrund wird bei den Fundamenten der großen Bogen mit 
nur 5 bis 7 kg/qcm angestrengt. Von den Fundamenten auf 
wärts nimmt die Inanspruchnahme des Betonmauerwerks zu, 
das Maximum derselben wird im Hauptbogen mit 30 kg/qcm 
erreicht. Den einzelnen Inanspruchnahmen angepaßt würden 
die Mischungsverhältnisse und die Wahl des Kies- oder 
Schottermaterials. Der Beton der Hauptbogen besteht aus 
Kleingeschläge von hartem Pfrontener Dolomit im Mischungs 
verhältnis 1:2,5:5 mit mindestens 240 kg/qcm Würfeldruck 
festigkeit nach 28 tägiger Erhärtung, der Beton der Haupt 
bogenwiderlager aus Quetschkies mit der Mischung 1:3:6, 
und für die übrigen Teile der Bauwerke wurde gereinigter 
Kies in verschieden abgestufter magerer Mischung gewählt. 
Der an die Gelenke anstoßende Beton wird mit Basaltgries 
hergestellt im Mischungsverhältnis 1:1; l'/ 4 - Um die Archi 
tektur und die äußere Erscheinung der Brücken möglichst 
vorteilhaft zu gestalten, wurden die kräftig hervortretenden 
Hauptbogen mit einem starken Anlauf bis zum Sockel ver 
sehen, während die kleineren Seitenbogen nebst ihren Pfeilern 
und die Brückenstirnen lotrecht begrenzt wurden. Die Form 
der Hauptbogen wurde dadurch möglichst gefällig gestaltet, 
daß eine tunlichste Annäherung an den Kreisbogen gesucht 
wurde, ferner, daß die aus konstruktiven Gründen erforder 
lichen Gewölbewulste nur im unsichtbaren Bogeninnern her 
gestellt wurden, während der äußere sichtbare Gewölbeteil 
bis herab zum Sockel eine gleichmäßig zunehmende Bogen 
form erhalten wird. Die Gelenkkaramern müssen natürlich 
seitlich mit dünnen Platten abgeschlossen werden, um die 
äußere Gleichmäßigkeit des Bogens nicht zu unterbrechen. 
Die Brücken erhalten als oberen Abschluß ein starkes Gesims 
aus weit vorspringenden Deckplatten, von kräftigen Konsolen 
getragen, auf dem ein leichtes, schmiedeeisernes Geländer 
zur Ausführung gelangt. — Das Lehrgerüst der Brücken be 
steht aus einem eisernen Unter- und einem hölzernen Ober 
gerüst. Eine Eisenrüstung unten anzuordnen war deshalb 
zweckmäßig, weil die Flußsohle aus hartem Fels besteht, so 
daß ein Einrammen von hölzernen Pfählen unmöglich er 
schien. Außerdem war von vornherein beabsichtigt, die vier- 
gleisige Brücke von mehr als 16 m Breite in zwei Hälften 
herzustellen, weil so breite Betonbogen durch die verschieden 
artige Ausdehnung infolge einseitiger Temperaturerhöhungen 
leicht Längsrisse erhalten können. Diese breite Brücke wird 
daher bis herab zum Sockel aus zwei, je zweigleisigen Hälften 
hergestellt, welche ca. 10 cm voneinander abstehen. Da 
durch ergab sich der Vorteil, daß das Lehrgerüst von der 
einen Bogenhälfte nach der andern verschoben und auch bei 
der oberen zweigleisigen und 9 m breiten Bahnbrücke wieder 
verwendet werden konnte, wodurch natürlich der Aufwand 
für die Rüstungen sich verringert hat. Das eiserne Unter 
gerüst wird deshalb auf provisorischen Betonpfeilern ab 
gestützt, die, zwischen Fangdämmen hergestellt, die Fahrbahn 
zur Verschiebung der Lehrgerüste bilden. Das Holzlehrgerüst 
der Brücken besitzt nur eine Etage von ca. 9 m Höhe und 
ist bei Vermeidung von Querschwellen derart konstruiert, 
daß die Ständer und Druckstreben unmittelbar auf starken, 
zwischen Doppelzangen gelagerten Hartholzklötzen ruhen, 
die ihrerseits auf je zwei Gerüstwinden gestellt sind. Letztere, 
192 an der Zahl, sind mit ihren Fußplatten auf die Obergurte 
der Eisenrüstungen aufgeschraubt. 
Die Querschwellen wurden unter der richtigen Voraus 
setzung vermieden, daß das Holz in seiner Beanspruchung 
quer zur Faser viel weniger Druck aushält als längs zur 
Faser, so daß ein Nachgeben des Gerüstes weniger zu be 
fürchten war, besonders auch, weil das Gerüst in allen seinen 
Abmessungen äußerst stark dimensioniert wurde. In der Tat 
haben sich die Rüstungen auch vorzüglich bewährt. Der 
Entwurf der Brücken stammt von dem Kgl. Regierungs- und 
Baurat Beutel, welcher Ende letzten Jahres im Münchner 
Architekten- und Ingenieurverein einen ausführlichen Vortrag 
über diese Arbeiten gehalten hat, die Oberleitung des Baues 
liegt in den Händen des Königl. Generaldirektionsrates 
Endres. Die spezielle Bauleitung ist der Kgl. Eisenbahn 
betriebsdirektion Kempten beziehungsweise dem Kgl. Direk 
tionsrat Gumprich anvertraut. Die Bauausführung wurde den 
Unternehmern Alfred Kunz & Co. in Kempten sowie der 
Betonbaufirma Dyckerhoff & Widmann in Nürnberg-St. Jobst 
im Akkord übertragen. Die Firma Dyckerhoff & Söhne in 
Mannheim hat die gesamte Zementlieferung übernommen, 
das eiserne Lehrgerüst lieferte die Brückenbauanstalt Gustavs 
burg der Vereinigten Maschinenfabrik Augsburg und Maschinen 
bau-Aktiengesellschaft Nürnberg. Die Baukosten betragen 
Ca. 1000000 M. Die bisher vorhandene alte Holzbrücke 
wird noch befahren, sie besteht aus einem Howeschen Fach 
werkträger und entspricht den Anforderungen der Neuzeit 
selbstverständlich nicht mehr. 
Stuttgart, den 6. November 1904. F.
	        
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