Full text: Deutsche Konkurrenzen (1900, Bd. 11, H. 121/132)

  
  
  
  
  
  
—_ 6.2 
Die Grundrissanordnung mit den gut bemessenen Zugängen ist zweckmäfsig. 
Die Anordnung der Sitze und die tiefe Lage der Sängerempore sind im allgemeinen 
zu loben. Die Konstruktion der Holzdecke ist bedenklich. 
Die in der Variante an Stelle der breiten Tragebögen gezeichnete Stützen- 
stellung hat architektonische Vorzüge, entspricht aber nicht dem Grundsatz, einen 
evangelischen Predigtraum möglichst mit einheitlicher Decke zu überspannen. Im 
übrigen sind an der Architektur ruhige Schlichtheit und glückliche Verhältnisse her- 
vorzuheben. 
Die Baukosten überschreiten die ausgesetzte Summe nicht, auch die übrigen 
Bedingungen sind erfüllt. 
  
Es erübrigt zum Schluss diejenigen Baugedanken kurz zusammenzufassen, . die 
der vorliegende Wettbewerb mit seinen zahlreichen guten, zum Teil vortrefflichen 
Arbeiten zu Tage gefördert hat, und die teils für die Verwirklichung im vorliegenden 
Falle besonders geeignet erscheinen, teils für den evangelischen Kirchenbau im all- 
gemeinen Wichtigkeit haben können. 
Was die Lage des Gebäudes betrifft, So verdient die freie Stellung der Kirche, 
von der Strasse zurückgelegen, parallel den Nachbargrenzen den Vorzug, da das 
Kirchengebäude weniger zur Strassenflucht, als zu den mit Hintergärten versehenen 
Nachbargebäuden in architektonische Beziehung treten wird, die an den Querstrassen 
der Reuterstrasse errichtet sind oder in Kürze errichtet werden.. Diese Querstrassen 
laufen aber parallel den Nachbargrenzen des Kirchengrundstückes. Die Schiefheit 
der Lage der Kirche zur Strasse wird, da das Gebäude von letzterer zurückgeschoben 
werden soll, durch Baumpflanzungen gemildert werden können. 
Eine geschlossene Bebauung der Kirchenstrassenbauflucht erscheint in dem 
vorliegenden Falle nicht geeignet, weil die Bauart des ganzen Stadtteiles verhältnis- 
mäfsig niedrige bürgerliche Häuser bevorzugt, die die geschlossene schiefwinkelige 
Baumasse der Kirche unschön hervortreten lassen würde, 
Was die Kirchform selbst betrifft, so hat auch dieser Wettbewerb ergeben, 
dass für Predigtkirchen von geringerer Grösse die Saalform das Zweckmässigste und 
Nächstliegende ist. Ueberwiegend machte sich dabei in dem Preisgericht die Ansicht 
geltend, dass die Orgel angesichts der Gemeinde unterzubringen und die wünschens- 
werte klare Anordnung der Gemeindesitze am sichersten zu erreichen sei, wenn Altar 
und Kanzel in der Längsachse vor der Orgel ihren Platz fänden. Daneben liess man 
der eigenartigen Lösung der Altargruppe in dem mit dem I. Preise bedachten Ent- 
wurfe volle Gerechtigkeit widerfahren. Hier ist die Kanzel in niedriger Lage neben 
dem Altar symmetrisch zum Taufstein angeordnet, der sich auf der andern Seite des 
Altars befindet. Durch die ungewöhnliche Niedrigkeit der Kanzel ist hier für das 
Auge eine Gleichwertigkeit mit dem Taufstein erzielt, so dass eine annähernde Sym- 
metrie der Gesamtgruppe erreicht ist. Diese niedrige Stellung der Kanzel ist dem 
Verfasser, falls er letztere dem Anblick der Sänger nicht völlig entziehen wollte, nur 
durch eine Anordnung möglich geworden, die von mehreren Verfassern in diesem 
Wettbewerb vorgeschlagen worden ist, bisher in solcher Allgemeinheit noch nicht 
zur Darstellung gelangte und als ein Fortschritt in den Versuchen, Orgel und Kultus- 
stätten in Beziehung zu setzen, zu bezeichnen ist, 
Die Neuheit der Anordnung besteht in dem Senken der Orgelempore, die in 
geringer Höhe über dem Altarfussboden beginnt und nach hinten ansteigt. Die Vor- 
züge dieser Anordnung bestehen nach Ansicht des Preisgerichtes darin, dass der auf 
der Kanzel oder am Altar amtierende Geistliche auch den Sängern gut vernehmbar 
und sichtbar ist, dass ferner letztere enger mit der Gemeinde verbunden erscheinen 
und sich der Geistliche in idealer Weise dadurch inmitten der Gemeinde befindet, 
dass ausserdem die Sänger in geringer Weise als bei hoher Empore zur Schau gestellt 
werden und die Orgel in der Erscheinung weniger übermächtig die Raumwirkung 
beherrscht, und dass schliesslich der Geistliche nahe über der Gemeinde von ambo- 
artiger Kanzel aus sprechen kann, deren gesteigerte Höhe von vielen Rednern als 
ein Uebelstand empfunden wird. 
(Fortsetzung auf Seite 32.) 
 
	        

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