Volltext: Stadtbaukunst alter und neuer Zeit und Friedhof und Denkmal (Jhg. 8, 1927-28)

Durchbruch der Französischen Straße mit Brücke und Glastunnel 
von Hans Scharoun. 
auf sich zu nehmen hat, mir untunlich erscheint. 
Die Weiterführung der Jägerstraße durch das Grund- 
stück der Reichsbank erscheint für die Verkehrs- 
bewältigung genügend, zumal durch den Nordsüd- 
durchbruch eine größere Anzahl weiterer Verkehrs- 
straßen von Osten nach Westen durchgeführt wer- 
den kann, so daß eine große Entlastung des Pots- 
damer Platzes und der Leipziger Straße eintreten 
würde. 
Diese kleine Städtebauausstellung beweist, daß es 
keine städtebaulichen Einzelaufgaben an sich gibt, 
mögen sie nun Fern- und Innenverkehr, Industrie, 
Wohnsiedlung, Erholung, Kultur usw. betreffen, son- 
dern daß alle diese Aufgaben unter die Einheit der 
Leistungsaufgabe einer Stadt zu stellen sind, daß 
also weder die Eisenbahnverwaltung ihre Verkehrs- 
fragen von sich aus lösen darf noch die Industrie 
ihre Industriesiedlung usw., sondern daß in jeder 
Großstadt eine Instanz geschaffen werden muß, die 
die Leistungsaufgabe bearbeitet. Wie das zu ge- 
schehen hat und wie die Leistungsaufgabe für 
sämtliche Gebiete des Städtebaues durchzuführen 
sein wird, darüber wird hier noch zu sprechen sein. 
Jedenfalls darf nach dieser Ausstellung die 
Frage des Wie nicht zur Ruhe kommen. Was auf 
dieser Ausslellung gezeigt wird, ist der Keim eines 
neuen Geistes im Städtebau, der fruchtbar werden 
muß. Wie bereits in der Eichel die Idee des mäch- 
tigen Eichbaumes enthalten ist, so.in dieser kleinen, 
unscheinbaren Ausstellung die Idee einer tiefgrei- 
fenden neuen Auffassung, das Wesen des Städte- 
baues zu sehen, ein Hinabsteigen zu den „Müttern“ 
les Werdens der Städte. 
Für unsere Generation handelt es sich darum, die 
Eichel nicht verschlossen ruhen zu lassen, sondern 
sie in fruchtbaren Boden zu versenken, daß der Eich- 
baum in Wirklichkeit entstehen kann, die Stadt in 
liesem neuen Geist. Daran sollten alle Städtebauer 
semeinsam arbeiten. 
DIE SONDERAUSSTELLUNG STÄDTEBAULICHER PROJEKTE GROSS-BERLINS 
IN DER GROSSEN BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG, VERANSTALTET VON DER 
ARCHITEKTEN -VEREINIGUNG >»DER RING«. 
Von Hugo Häring. 
Im Dezember vorigen Jahres regie der preußische 
Innenminister Grezinski an, für den Durchbruch 
durch die Ministergärten einige Projekte aufzu- 
stellen, um dieses Thema vorzugsweise nach der ge- 
slalterischen Seite hin einem Kreise von Parlamen- 
lariern naheführen zu können und um damit dem 
drängenden Problem der Durchbrüche einen Schritt 
weiter zu verhelfen. Für die gestalterische Behand- 
lung der Frage wurden alle denkbaren Arten der 
Durchführung dieses Durchbruchs zur Aufgabe ge- 
stellt. Die Aufgabe für die ausgestellten Projekte 
lag nicht im verkehrsiechnischen Problem der 
besten Linienführung, sondern beschränkte sich 
lediglich auf die Frage, wie die beiden Straßen, die 
Französische und die Jägerstraße, die zusammen- 
gefaßt werden sollten, zunächst in den Block 
zwischen Mohren- und Wilhelmstraße zusammen- 
geführt werden könnten und wie dieser Straßen- 
durchbruch dann über die Wilhelmstraße durch die 
Ministergärten, ferner wie er in der Friedrich-Ebert- 
nder in der Lennestraße zur Mündung gebracht wer- 
den könnte. Die von Peter Behrens, Adolf Rading, 
Hans Poelzig, Hans Scharoun und Heinrich Tesse- 
now versuchten Gestaltungen bewegen sich sozu- 
sagen zwischen den Polen des Möglichen*). Für die 
*) Die Frage ist: Dominiert eine architektonische Idee 
von Platz- und Straßenraum, unbeteiligt am Verkehr, 
>der ist die Gestalt der Platz- und Straßenwandungen 
ijas Ergebnis des Verkehrs? Poelzig und Behrens grup- 
»jeren kubisch strenge Baumassen zu geometrisch gebun- 
lenen selbständigen Platzgebilden, während Scharoun 
n einem seiner Projekte ganz rein die Verkehrsbahn ge- 
wissermaßen aus den Gebäudeblöcken herausschneidet, 
;omit die Straßenwandung als Bett des Verkehrsstroms 
zjestaltet. In anderen Projekten Scharouns sind noch 
\nsätze geometrischer Platzgestaltung enthalten, aber 
vorherrschend ist auch bei diesen die Würdigung des 
Verkehrsstromes. Ein Vorschlag von Behrens gibt dem 
iynamischen Moment einen gewissen Einfluß, bleibt aber 
jei der statisch bestimmten Platzfigur, eine Situation, die 
ıuch bei Rading schließlich entscheidend ist, wenn schon 
;jeine Lösungen erheblich näher zur Scharounschen 
*assung neigen, Die interessantesten und geistvollsten 
/berlegungen sind in Tessenows Projekten niedergelegt. 
Jie Straßenwandungen, die die Verkehrsgabelung der 
“ranzösischen und Jägerstraße begleiten, sind ebenfalls 
‚ollkommen auf den Verkehr bezogen, ja sogar so weit, 
laß an der Stelle der Gabelung in den Kurven die
	        
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