im Fachwerk- oder Ziegelbau vertragen.
Gegenakzente gegen die bauindustrielle
Werbung könnten reichen von der
schlichten Entlarvung falscher Verspre-
chungen wie etwa der pflegeleichten und
langfristigen Fassadensanierung durch
Eternisverblendungen, unter denen das
Gebälk verfault, bis hin zu Denkanstö-
ßen, ob in den betreffenden Gemein-
den wirklich Bedarf für „Punkthoch-
häuser” oder andere Modernitätssymbo-
le besteht.
Prinzipiell müßte es bei der — drin-
gend erforderlichen — breiteren Berück-
sichtigung denkmalpflegerischer Belan-
ge in den Wettbewerben eher darum
gehen, die Qualitäten der historischen
Bausubstanz wieder verstehbar und er-
lebbar zu machen, als ein denkmalpfle-
gerisches Reglement einzuführen. Ge-
lingt eine solchermaßen aufklärerisch
orientierte Popularisierung des denkmal-
pflegerischen Standpunkts nicht, so be-
steht die Gefahr, daß das etwa per denk:
malpflegerischem Dekret in seiner For-
menvielfalt und historischen Gestalt
zwar erhaltene Dorf doch zur entfrem-
deten historischen Kulisse gerät, die un-
vermittelt mit den Bedürfnissen und
Empfindungen der gegenwärtigen Be-
wohner bliebe. Andererseits freilich er-
scheint ein gewisses Reglement unum-
gänglich, um vorausschauend wenigstens
die materielle Substanz für ein Angebot
an alternativen Wahrnehmungsmöglich-
keiten zu erhalten, selbst wenn dieses
zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht
von allen Teilen der Bevölkerung voll
aktualisiert werden kann.
Dorfverschönerung — Medium für An-
eignung oder Entfremdung der dörf-
lichen Alltagsumgebung?
starken Hervorhebung von Gemein-
schaftsaktionen, bei denen ja jeweils ein
Prozeß der Konsensfindung über Ziele,
Bedeutungen und formale Ausdrucks-
mittel von Umweltgestaltung stattfin-
det, und die so offenbar als Medium zur
Erzeugung einer sozialen Heimat, einer
Dorfgemeinschaft, einer Ortsidentität
sehr hoch eingeschätzt werden. Treten
diese erwarteten Effekte der Gemein-
schaftsaktionen tatsächlich ein, so wäre
eine kollektive Übereinstimmung zwi-
schen der realen Welt und den Vorstel-
lungen und Bedürfnissen der Beteiligten
hergestellt, mit anderen Worten: es hätte
ein Prozeß der Umwelt-Aneignung statt-
gefunden.
Aneignung der räumlich-materiellen
Umwelt meint ja allgemein gesprochen
die Art und Weise, wie sich Betrachter
und Nutzer ihre Umwelt zu eigen ma-
chen, wie sie, materiell und geistig, von
ihr Besitz ergreifen, indem sie in eine
übereinstimmende Beziehung zu ihr tre-
ten. Analytisch läßt sich der Prozeß der
Aneignung trennen in die Ebenen der
materiellen Nutzung der kognitiven
Orientierung und der affektiven Bezie-
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Aneignung als materielle Nutzung
meint zunächst konkrete Verfügungsmög-
lichkeiten über Baukörper, Räume und
deren Gestaltung. Hier tritt die auch
schon im Begriff liegende aktive Kompe-
tente stark in den Vordergrund — es
wird deutlich, daß der bloß rezeptive
Genuß von Umweltschönheit nur ein
Schritt zur Aneignung sein kann. Das
In allen drei Gestaltungsschwerpunk-
ten des Dorfverschönerungsrepertoires
zeichnet sich als gemeinsames Grundpro-
blem die Frage ab, ob die Verschöne-
rungsmaßnahmen der Grüngestaltung,
der vereinheitlichenden Modernisierung
und der Traditionspflege aus dem Dorf
einen Lebensraum schaffen können, der
Bewohnern und Besuchern vermehrte
Chancen der äthetischen Aneignung von
Umwelt bietet, oder ob nicht durch
eine meist äußerlich bleibende ästheti-
sierende Dekoration das Dorfbild zu
einem fremden, ja entfremdeten Image
umstilisiert wird.
Übersetzt man das Wettbewerbsziel
von der Steigerung dörflicher Attrakti-
vität in die Forderung, die Chancen zur
Aneignung von dörflichem Lebens- und
Erlebensraum müßten vergrößert wer-
den, so würde dies voraussetzen, daß
die ästhetische Gestaltung adäquate Lö-
sungen zur Befriedigung der individuel-
len sinnlichen‘ Genußfähigkeit und zur
Erleichterung des sozialen Zusammen-
lebens bietet.
Die zuletzt genannte Kommunikation
über Umweltzeichen, die über allgemein-
verständliche Orientierungsmerkmale
und Symbole innerhalb einer sozialen
Gruppe integrierende Anstöße und Iden-
tifikationsprozesse in Gang bringen soll,
wird in den Wettbewerben sehr bewußt
mit angesprochen. Das zeigt sich an der
Sicherlich hat diese Gemeinde mit den Beton-Fertigteilen keinen glück-
lichen Griff getan. Auch eine Baumbepflanzung kann das nicht verdek-
ken.
Holz ist im ländlichen Raum oft das stilgemäßere Material. Hier
wurde für die Haltestelle eine gute Lösung gefunden.
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