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Unsere Welt zwischen Mangel und Überfluß*
Energie, Rohstoffe, Umwelt
Von GERHARD BıscHoFFr, Köln
Ein Teil der Welt, ich meine damit vor allem viele Menschen in der Europä-
ischen Gemeinschaft, in Japan, Australien, in Nordamerika u. a., lebt im Über-
{luß, während der weitaus größte in der Dritten Welt im bitteren Elend dahin-
vegetiert und wir uns fragen müssen, ob aus diesem Elend nicht eines Tages
Krisen erwachsen, die für uns alle von dramatischer Bedeutung sein können.
Seit dem 2. Weltkrieg haben sich die politischen Konturen der Welt geradezu
drastisch verändert. In zeitlicher Übereinstimmung mit spontaner Industriali-
sierung in den Industrieländern und einer Technik, die zu vorher unvorstellba-
ren Leistungen avancierte, erlangten die Völker der dritten Welt ihre Unab-
hängigkeit. Mit dem Einzug dieser Technik erreichte der wohlhabende Teil
der Welt einen bis dahin unvorstellbaren Lebensstandard, den man als Über-
flußgesellschaft bezeichnet, während das Wohlstandsgefälle zwischen den Rei-
chen und den Armen immer größer wurde. Ihrer Verzweiflung folgend greifen
die Menschen der dritten Welt zu den Waffen, und Konflikte eskalieren. Hier
seien repräsentativ Vietnam, Naher Osten, Afghanistan, Nicaragua usw. ge-
nannt. Man könnte sich an dieser Stelle die Frage stellen, ob wir uns nicht ei-
gentlich schon mitten im dritten Weltkrieg befinden und ob dieser dritte Welt-
krieg nicht lediglich andere Konturen trägt als die Kriege, die sich vorher
abgespielt haben. Daraus, so meine ich, resultiert die Angst der Menschen, daß
die Großmächte in irgendeinen dieser Konflikte mit hineingezogen werden
könnten. Zusätzlich greift die Angst angesichts krisenhafter Rohstoffversor-
gung und erheblicher Umweltschädigungen um sich, daß weitere Industriali-
sierung letztlich die Wohlstandsgesellschaft in Frage stellen könnte. Die Sorge
um die Zukunft, die Sorge um den Planeten, auf dem wir leben, ließ auch einen
tiefen Riß zwischen den Menschen unseres Landes aufreißen.
Der Begriff „Lebensangst“ (bezeichnenderweise in die englische Sprache
übernommen) wurde geboren in einer Zeit, da es den Menschen hierzulande
noch nie so gut ging wie heute. Pessimistische Betrachtungsweise hat Men-
schen und deren Medien erfaßt. Während aber realistische Ausführungen von
Naturwissenschaftlern kaum beachtet werden, werden Halbwahrheiten und
Perpetua mobilia am laufenden Band von einer großen Öffentlichkeit und
auch Politikern beklatscht, obwohl es Naturwissenschaft und Technik waren,
* Vortrag gehalten am 25. Sept. 1985 in Cuxhaven vor dem Elektrizitätsverband
Stade und der Überlandwerk Nord-Hannover AG.
Ih. Ges. Naturkde. Württ. 140 (1985