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SABINE ADOLPH
die sich durch deutlich divergente Karyotypen auszeichnen (FrREeDGA, 1977;
WHITE, 1978 a) führte WHITE zu seinem Modell der stasipatrischen Artbildung,
das er gegen das Modell der üblichen allopatrischen (geographischen) Artbildung
abgrenzt (WHITE, 1968, 1978 a). Er geht in seinem Modell davon aus, daß
Chromosomenveränderungen, wie Translokationen und perizentrische Inversionen,
spontan im Hauptverbreitungsgebiet einer Art auftreten und durch genetische
Drift homozygot werden. Da Translokationen und perizentrische Inversionen
im heterozygoten Zustand die Fertilität ihrer Träger vermindern,
können sie zu einer Unterbindung des Genflusses zwischen den Ausgangspopulationen
führen. Also nicht „äußere“ (geographische) Voraussetzungen rufen
bei diesem Modell die Isolation zwischen den Ausgangspopulationen hervor,
sondern „innere“ (Chromosomenkonstitution der Individuen). Die Voraussetzung
ist allerdings, daß in kleinen Populationen die Zufallsschwankungen
der genetischen Drift zum Tragen kommen.
Es ist aber auch WHITE, der in seinem Buch „Modes of speciation“ ausdrücklich
darauf hinweist, daß es eine ganze Reihe verschiedener Mechanismen der
Artbildung gibt, und was für die eine Art von Bedeutung ist, muß nicht unbedingt
für andere, auch nah verwandte Arten zutreffen. Es sind gerade die Nager
und unter ihnen die Echten Mäuse (Murinae), die einem diese Vielfalt vor
Augen führen. So schreibt z.B. DirTerRLEN (1979) über die Echten Mäuse, zu
denen auch die Hausmaus gehört: „Unter den lebenden Formen sind die mannigfaltigsten
Vorgänge der Entstehung von Gattungen, Arten und Unterarten
im Gange — ein Geschehen, das die Biologen und die zoologischen Systematiker
zunehmend in ihren Bann zieht. Wie nur wenige Säugetiergruppen bietet
gerade die Unterfamilie der Echten Mäuse den Zoologen die Möglichkeit, eine
voll in der Blüte ihrer erdgeschichtlichen Entwicklung stehende Gruppe zu erforschen.
Hier zeigt es sich, mit welchen Entwicklungskräften und -tendenzen
eine solche Gruppe fähig ist, sich auf der Erde in ihrem gegenwärtigen Zustand
zu behaupten.“
Auch die Gattung Mws, deren genaue Systematik und Phylogenie noch völlig
im Fluß sind, ist von dieser Vielfalt geprägt (ScHwArz und SCHWARZ, 1943; Zım-MERMANN,
1949; REICHSTEIN, 1978; ’THENIUS, 1979; MARSHALL und SAGE, 1981;
THALER et al., 1981). Diese Gattung, gegliedert in eine afrikanische, zwei asiatische
und eine eurasische Gruppe mit mindestens 25 Arten und ihren vielen
Unterarten, entwickelte sich wohl im frühen Pleistozän im asiatischen Raum
und erreichte Europa in zwei verschiedenen Formen (THENIUS, 1979). Zum einen
drang die östliche Hausmaus, (Mus musculus musculus) von Südosten bis an
die Elbe vor, zum anderen kam die westliche Hausmaus (M. m. domesticus) mit
den neolithischen Getreidearten von Südwesten und erreichte über Nordafrika,
Spanien und Frankreich Westdeutschland in der Bronzezeit (BROTHWELL,
1981). Es sind in erster Linie geographische und ökologische Unterschiede, die
die Mus-Arten in Europa voneinander trennen. Während die westliche Hausmaus,
der einzige Vertreter dieser Gattung in unserem Gebiet, als typischer
Kommensale in oder nahe bei menschlichen Behausungen lebt, leben die anderen
Arten, wie M. spretus in Spanien und Südfrankreich, M. m. musculus und M.
m. spicelegus in Mittel- und Südosteuropa mehr im Freien. Die westliche Hausmaus
bietet sich mit ihrem hohen Chromosomenpolymorphismus aber auch
Ih. Ges. Naturkde. Württ. 139 (1984)