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nicht daran, daß bei Speise- und Getränkewahl alles Wissen stets
Stückwerk bleibt. J<h erinnere nur an die bekannte Thatsache: eine
Speise oder ein Getränke kann einem Menschen 20 mal ganz gut
befommen, wenn er aber nun glaubt, daß das Objekt ihm auch jedes-
mal gut bekommen müsse, so täuscht er sich, denn eines schönen Tag's
verdirbt er sich den Magen damit, auch wenn durc<haus keine Ver-
änderung des Objekt3 vorliegt. Nehmen wir ein spezielles Beispiel :
den Biertrinker, dem es ja hundertfach vorkommt, daß das gleiche
Bier, das er oft genug anstandslos getrunken, eines schönen Tags
eine Verdauungsstörung oder Kopfweh macht. Der Unverständige
beschuldigt kurzweg den Brauer oder den Wirth, ohne zu bedenken,
daß, wenn das richtig wäre, alle seine Mittrinker dieselben übeln
Folgen verspüren müßten, was ja vorkommen kann, aber meistens
nicht der Fall ist, sondern lediglich darin liegt, daß seine eigene Dis-
position, die ja allen möglichen Wechseln ausgeseßt ist, eine Aenderung
erlitten hat, die mit diesem speziellen Bier in Di8harmonie steht. Um
nun hier stets in allen Fällen mit dem Verstand und der Erfahrung
vor Mißgriffen sich zu schüßen, wäre ein förmliches Bierstudium noth-
wendig, das aber immer wieder lü>kenhaft bleiben würde. Und das8-
selbe Studium hätte der Mensch nöthig gegenüber allen seinen gewöhn-
lichen Speisen und Getränken.
Das fällt Alles weg, wenn der Mens<< seinen Instinkt zu Rathe
zieht; hiebei ist e8 ganz gleichgiltig, ob die Disposition gewechselt
hat, oder das Objekt -- ob in dem betreffenden Augenblick eine Speise
oder ein Trunk wohlbekömmlich sind oder nicht, darüber gibt der
Ger"-hseindruc> stet3 und sofort eine absolut richtige
Entstaeidung: Ist der GeruchSeindru> ein angenehmer und ruft das
Gemeingefühl der Eß- und Trinklust, gekennzeichnet durch Wässern des
Mundes und unwillkürliche Kau- oder Schlingbewegungen hervor, so ist
das Objekt wohlbekömmlic und kann, ohne daß man es weiter kennt,
ohne Gefahr genossen werden. Jst dagegen der Geruchzeindru> ein
unangenehmer, tritt statt Eß- und Trinklust Ekelgefühl, unwillkürliches
Schließen des Munde3, Nachlaß der Speichelabsonderung, oder Schnür-
ungsgefühl im Hals ein, so ist das Objekt, mag es an und für sich
sein, wie es will, ungesund, und wird sein Genuß entweder sofort,
oder während der Verdauung durch Krankheitsgefühle gerächt.
Das Entscheidende ist also der Geruchs3eindruF. Aber auch
der Sc<nupfen-Behaftete, seines Geruchssinns Beraubte, ist noc< im
Stande eine instinktgemäße Prüfung vorzunehmen, denn wenn auch
der eingeathmete Duft des Objektes auf seine Riechshleimhaut keinen
Eindru> mehr hervorzubringen vermag, so erzeugt er doc<h durch sein
Eindringen in die Säftemasse die obengenannten Gemeingefühle, die
selbst bei mäßiger Uebung deutlich genug zum Bewußtsein kommen.
Die Parole ist und bleibt also in erster Linie: zuerst riechen
und dann essen, beziehungsweise trinken, und Nicht3 zu ge-