JOST, Wohnungsbau und Siedlungstätigkeit in Württemberg.
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zebürgert hatte. Dies bedeutet zweifellos die Rückkehr
zu besserer Bauausführung, zum mindesten deswegen, weil
nun auch die Meller, wie früher stets, wieder mit Natur-
;teinen aufgemauert und eingewölht werden.
Am größten ist die Wohnungsnot in Stuttgart und
in seiner Umgebung. Hier liegt das Hauptgebiet der
württembergischen Industrie, hier fehlte es schon vor
dem Krieg dauernd an kleinen Wohnungen. Es mußte
deshalb dieser Mangel zur Not werden, als über den
Krieg die regelmäßige Wohnungsherstellung aussetzte,
Aber auch anderwärts, wie beispielsweise in Ulm, wo
doch, wie weithin bekannt, die Stadtgemeinde mit Ober-
bürgermeister Wagner an der Spitze in vorbildlicher
Weise für die Beschaffung von Kleinwohnungen seit
langen Jahren schon besorgt war, herrscht Wohnungsnot:
570 Wohnungssuchenden standen erst letzthin noch hloße
16 Wohnungen zur Verfügung.
Selbst bei dem besten Willen der Städte, durch den
Bau von Wohnungen auf eigene Rechnung die Not zu
lindern, waren doch Maßnahmen wie die Rationierung von
Wohnungen vielerorts auch Zuzugssperren nicht zu ver-
meiden. In Stuttgart wurden durch die Beschlagnahme
von Wohnungen bis Monat August 600 Familienwoh-
nungen verfügbar gemacht. Gesucht waren aber 2200.
Unter diesen Umständen ist jede Verzögerung in der
Fertigstellung der von
der Stadt in Bau’ ge-
nommenen Wohnungen
bedauerlich. Bei den
gegenwärtigen Verhält-
nissen aber ist sie kaum
zu vermeiden. Immerhin
waren von den 20 Millio-
nen Mark, die bisher
von der Stadt Stuttgart
für die Behebung der
Wohnungsnot bewilligt
wurden, im August be-
reits annähernd 3 Millio-
nen Mark für rund 100
Dauerwohnungen aus-
gegeben worden. Neben
diesen 100 neuerstellten
Wohnungen waren um
diese Zeit weitere 265
Wohnungen in städtischen und in privaten Gebäuden
als Notwohnungen eingebaut und weitere 100 Woh-
nungen als Notwohnungen provisorischer Art in
sinstöckigen Fachwerkhäusern errichtet worden. Die
\usgaben für die eingebauten Notwohnungen betrugen
1/2 Million, für die provisorisch erstellten 1 650 000 Mark.
In neuester Zeit bezugsfertig geworden, bezw. der
Fertigstellung entgegengehend, sind an Dauerwoh-
nungen in dreistöckigen Mietshäusern rund 230 Woh-
nungen mit einer Kostensumme von über 6 Millionen
Mark. Weitere 310 Dauerwohnungen werden bis April
1920 voraussichtlich fertiggestellt sein. Man rechnet für
diese mit einem Aufwand von über 8 Millionen Mark.
Trotz der bald erkannten Tatsache, daß provisorische
Bauten durchaus nicht besonders billig sind, hat man,
am überhaupt rasch Wohnungen zu beschaffen, außer
den vorgenannten 100 Wohnungen provisorischer Art
nochmals weitere 52 Notwohnungen in Baäracken zu er-
richten begonnen, deren Fertigstellung noch im Oktober
zu erwarten ist. Die Ausgaben hierfür sind mit ı Million
Mark angesetzt worden.
Insgesamt wird von 1920 an die Stadt Stuttgart über
{000 Wohnungen auf eigene Rechnung erbaut haben.
Diese Wohnungen sind teils in dreistöckigen Mietshäusern
als Dauerwohnungen, teils in einstöckigen Fachwerk-
bauten als Notwohnungen und teils auch in bestehenden
Gebäuden untergebracht. .
Bei dem berechneten Gesamtaufwand von 20 Milli-
onen Mark — eine Summe, die überschritten werden
lürfte — kommt der Stadt jede der neubeschafften Woh-
jungen auf rund 20000 Mark zu stehen, wenn man
lie Wohnungen einrechnet, die in bereits bestehenden
sebäuden eingebaut wurden. Ohne diese lassen sich die
<osten für die einzelne Dauerwohnung im Massirhaus
nit durchschnittlich 26 000 Mark und für die einzelne
Votwohnung im Fachwerkflachbau mit durchschnittlich
'5 000 Mark ermitteln. Typische Grundrisse für heide
\rten geben die Abb. ı u. 2. Den hohen Kosten ent-
‘prechen natürlich auch die Mieten. trotzdem die Woh-
ıungen besonders für Kriegsverletzte und Kriegs-
yeschädigte bestimmt sind. Sie betragen 660 Mark für
lie Zweizimmer- und 770 Mark für die Dreizimmer-
vohnung. .
Die Pläne zu den Dauerwohnungen verschaffte sich
lie Stadt zum Teil durch Wettbewerbe unter den Stutt-
zarter Architekten. Besonders hervorragende Lösungen
ıat sie zwar hierbei nicht gewonnen, weniger vielleicht
lurch die Schuld der Wettbewerbsteilnehmer als durch
lie der Preisrichter. Immerhin ist auf diese Weise die
iusführung der Bauten an Stuttgarter Privatarchitekten
zelangt. In der von Architekt Eitel entworfenen und
zebauten Anlage mit dem hier abgebildeten Grundriß
ainer Zweizimmerwohnung mit Wohnküche ist sogar erst-
mals ein Typ ausgeführt worden, der den von Einsichtigen
schon längst geforder-
ten belichteten Flur
bringt. Es ist bedauer-
lich, daß bei den spä-
teren, vom städtischen
Höchbauamt entworfe-
ıen Anlagen dieser Fort-
schritt nicht gewahrt
alieb,
Außerhalb Stuttgarts
hat nach anfänglichem
Stöcken die Bautätigkeit
im Laute des Sommers
loch noch verschiedent-
lich eingesetzt. Von
einer Bautätigkeit aber,
wie sie dem Bedürfnis
und der Baulust ent-
spräche, kann nicht ent-
fernt die Rede sein.
Was man hie und da im Lande an Neubauten sieht.
vird von den Resten an Zement, Backsteinen, Dach-
jegeln und den anderen Baumaterialien gebaut. die sich
ıoch im Lande befinden und im Schleichhandel zu haben
ind. Mie und da greift man wohl auch zur Wieder-
‚erwendung von Abbruchmaterial. Zum Bau ganzer
sjedlungen reicht es aber selten. Es sind deshalb auch
ıur ganz wenige Neuanlagen von Siedlungen im Bau.
\ußer den verschiedenen Unternehmungen der Stadt Stutt-
zart und einiger Bauvereine in Stuttgarts Umgebung
ind im Lande neu in Angriff genommen Siedlungen
ir Kochendorf und Sindelfingen (Arch. Prof. Schmitt-
ıenner). Göppingen, Neckarsulm, kleineren Umtangs in
/railsheim (Arch. Regierungsbaumeister Jost). Schorndorf.
Detisheim und anderwärts.
Von besonderer Bedeutung für die mit nächstem
Jahr hoffentlich verstärkt einsetzende Bautätigkeit ist das
Wirken des Schwäbischen Siedlungsvereins (vgl. Heft ı2
1. BL, S. 158). Seine Tätigkeit erstreckt sich zunächst
larauf, überall im Lande durch die Gründung von Zweig-
vereinen und Förderung bestehender Baugenossenschaften
owie durch Beratung in allen Siedlungsfragen den Ge-
tanken des Kleinhausbaus in möglichst weite Kreise zu
ragen. Vorbildliche eigene Siedlungen baut er gegen-
värtig nach den Plänen von Prof. Bonatz und Scholer
nit Arch. Eitel in Weilimdorf bei Stuttgart, sowie ın
Stuttgart selbst nach dem Entwurf des Vereinsarchitekten,
Prof. Wagner, so daß bis zum kommenden Baujahr
manches Vorbildliche schon stehen wird. +» Tost.
\hh.
“eizimmerwohnung. Abb. 2. Ureizimmerwohnung.
Arch. EITEL. M.1:300. Arch. STEIGLEDER.
Abb. ı u. 2. Kleinwohnunvyven der Stadt Stuttgart.