Volltext: Die Volkswohnung : Zeitschrift für Wohnungsbau und Siedlungswesen (Jhg. 1, 1919)

JOST, Wohnungsbau und Siedlungstätigkeit in Württemberg. 
311 
zebürgert hatte. Dies bedeutet zweifellos die Rückkehr 
zu besserer Bauausführung, zum mindesten deswegen, weil 
nun auch die Meller, wie früher stets, wieder mit Natur- 
;teinen aufgemauert und eingewölht werden. 
Am größten ist die Wohnungsnot in Stuttgart und 
in seiner Umgebung. Hier liegt das Hauptgebiet der 
württembergischen Industrie, hier fehlte es schon vor 
dem Krieg dauernd an kleinen Wohnungen. Es mußte 
deshalb dieser Mangel zur Not werden, als über den 
Krieg die regelmäßige Wohnungsherstellung aussetzte, 
Aber auch anderwärts, wie beispielsweise in Ulm, wo 
doch, wie weithin bekannt, die Stadtgemeinde mit Ober- 
bürgermeister Wagner an der Spitze in vorbildlicher 
Weise für die Beschaffung von Kleinwohnungen seit 
langen Jahren schon besorgt war, herrscht Wohnungsnot: 
570 Wohnungssuchenden standen erst letzthin noch hloße 
16 Wohnungen zur Verfügung. 
Selbst bei dem besten Willen der Städte, durch den 
Bau von Wohnungen auf eigene Rechnung die Not zu 
lindern, waren doch Maßnahmen wie die Rationierung von 
Wohnungen vielerorts auch Zuzugssperren nicht zu ver- 
meiden. In Stuttgart wurden durch die Beschlagnahme 
von Wohnungen bis Monat August 600 Familienwoh- 
nungen verfügbar gemacht. Gesucht waren aber 2200. 
Unter diesen Umständen ist jede Verzögerung in der 
Fertigstellung der von 
der Stadt in Bau’ ge- 
nommenen Wohnungen 
bedauerlich. Bei den 
gegenwärtigen Verhält- 
nissen aber ist sie kaum 
zu vermeiden. Immerhin 
waren von den 20 Millio- 
nen Mark, die bisher 
von der Stadt Stuttgart 
für die Behebung der 
Wohnungsnot bewilligt 
wurden, im August be- 
reits annähernd 3 Millio- 
nen Mark für rund 100 
Dauerwohnungen aus- 
gegeben worden. Neben 
diesen 100 neuerstellten 
Wohnungen waren um 
diese Zeit weitere 265 
Wohnungen in städtischen und in privaten Gebäuden 
als Notwohnungen eingebaut und weitere 100 Woh- 
nungen als Notwohnungen provisorischer Art in 
sinstöckigen Fachwerkhäusern errichtet worden. Die 
\usgaben für die eingebauten Notwohnungen betrugen 
1/2 Million, für die provisorisch erstellten 1 650 000 Mark. 
In neuester Zeit bezugsfertig geworden, bezw. der 
Fertigstellung entgegengehend, sind an Dauerwoh- 
nungen in dreistöckigen Mietshäusern rund 230 Woh- 
nungen mit einer Kostensumme von über 6 Millionen 
Mark. Weitere 310 Dauerwohnungen werden bis April 
1920 voraussichtlich fertiggestellt sein. Man rechnet für 
diese mit einem Aufwand von über 8 Millionen Mark. 
Trotz der bald erkannten Tatsache, daß provisorische 
Bauten durchaus nicht besonders billig sind, hat man, 
am überhaupt rasch Wohnungen zu beschaffen, außer 
den vorgenannten 100 Wohnungen provisorischer Art 
nochmals weitere 52 Notwohnungen in Baäracken zu er- 
richten begonnen, deren Fertigstellung noch im Oktober 
zu erwarten ist. Die Ausgaben hierfür sind mit ı Million 
Mark angesetzt worden. 
Insgesamt wird von 1920 an die Stadt Stuttgart über 
{000 Wohnungen auf eigene Rechnung erbaut haben. 
Diese Wohnungen sind teils in dreistöckigen Mietshäusern 
als Dauerwohnungen, teils in einstöckigen Fachwerk- 
bauten als Notwohnungen und teils auch in bestehenden 
Gebäuden untergebracht. . 
Bei dem berechneten Gesamtaufwand von 20 Milli- 
onen Mark — eine Summe, die überschritten werden 
lürfte — kommt der Stadt jede der neubeschafften Woh- 
jungen auf rund 20000 Mark zu stehen, wenn man 
lie Wohnungen einrechnet, die in bereits bestehenden 
sebäuden eingebaut wurden. Ohne diese lassen sich die 
<osten für die einzelne Dauerwohnung im Massirhaus 
nit durchschnittlich 26 000 Mark und für die einzelne 
Votwohnung im Fachwerkflachbau mit durchschnittlich 
'5 000 Mark ermitteln. Typische Grundrisse für heide 
\rten geben die Abb. ı u. 2. Den hohen Kosten ent- 
‘prechen natürlich auch die Mieten. trotzdem die Woh- 
ıungen besonders für Kriegsverletzte und Kriegs- 
yeschädigte bestimmt sind. Sie betragen 660 Mark für 
lie Zweizimmer- und 770 Mark für die Dreizimmer- 
vohnung. . 
Die Pläne zu den Dauerwohnungen verschaffte sich 
lie Stadt zum Teil durch Wettbewerbe unter den Stutt- 
zarter Architekten. Besonders hervorragende Lösungen 
ıat sie zwar hierbei nicht gewonnen, weniger vielleicht 
lurch die Schuld der Wettbewerbsteilnehmer als durch 
lie der Preisrichter. Immerhin ist auf diese Weise die 
iusführung der Bauten an Stuttgarter Privatarchitekten 
zelangt. In der von Architekt Eitel entworfenen und 
zebauten Anlage mit dem hier abgebildeten Grundriß 
ainer Zweizimmerwohnung mit Wohnküche ist sogar erst- 
mals ein Typ ausgeführt worden, der den von Einsichtigen 
schon längst geforder- 
ten belichteten Flur 
bringt. Es ist bedauer- 
lich, daß bei den spä- 
teren, vom städtischen 
Höchbauamt entworfe- 
ıen Anlagen dieser Fort- 
schritt nicht gewahrt 
alieb, 
Außerhalb Stuttgarts 
hat nach anfänglichem 
Stöcken die Bautätigkeit 
im Laute des Sommers 
loch noch verschiedent- 
lich eingesetzt. Von 
einer Bautätigkeit aber, 
wie sie dem Bedürfnis 
und der Baulust ent- 
spräche, kann nicht ent- 
fernt die Rede sein. 
Was man hie und da im Lande an Neubauten sieht. 
vird von den Resten an Zement, Backsteinen, Dach- 
jegeln und den anderen Baumaterialien gebaut. die sich 
ıoch im Lande befinden und im Schleichhandel zu haben 
ind. Mie und da greift man wohl auch zur Wieder- 
‚erwendung von Abbruchmaterial. Zum Bau ganzer 
sjedlungen reicht es aber selten. Es sind deshalb auch 
ıur ganz wenige Neuanlagen von Siedlungen im Bau. 
\ußer den verschiedenen Unternehmungen der Stadt Stutt- 
zart und einiger Bauvereine in Stuttgarts Umgebung 
ind im Lande neu in Angriff genommen Siedlungen 
ir Kochendorf und Sindelfingen (Arch. Prof. Schmitt- 
ıenner). Göppingen, Neckarsulm, kleineren Umtangs in 
/railsheim (Arch. Regierungsbaumeister Jost). Schorndorf. 
Detisheim und anderwärts. 
Von besonderer Bedeutung für die mit nächstem 
Jahr hoffentlich verstärkt einsetzende Bautätigkeit ist das 
Wirken des Schwäbischen Siedlungsvereins (vgl. Heft ı2 
1. BL, S. 158). Seine Tätigkeit erstreckt sich zunächst 
larauf, überall im Lande durch die Gründung von Zweig- 
vereinen und Förderung bestehender Baugenossenschaften 
owie durch Beratung in allen Siedlungsfragen den Ge- 
tanken des Kleinhausbaus in möglichst weite Kreise zu 
ragen. Vorbildliche eigene Siedlungen baut er gegen- 
värtig nach den Plänen von Prof. Bonatz und Scholer 
nit Arch. Eitel in Weilimdorf bei Stuttgart, sowie ın 
Stuttgart selbst nach dem Entwurf des Vereinsarchitekten, 
Prof. Wagner, so daß bis zum kommenden Baujahr 
manches Vorbildliche schon stehen wird. +» Tost. 
\hh. 
“eizimmerwohnung. Abb. 2. Ureizimmerwohnung. 
Arch. EITEL. M.1:300. Arch. STEIGLEDER. 
Abb. ı u. 2. Kleinwohnunvyven der Stadt Stuttgart.
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.