Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

  
  
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und Ständen niemals verweigert wurden. Doch bei jedem späteren 
Verſuch einer Verfaſſungsreviſion begründete die Geistlichkeit ihren Siz | 
in der 2. Kammer mit der Sorge für das Kirchengut; in Wahrheit 
war sie i. J. 1819 dahin berufen worden zur Vertretung geistiger, 
nicht wirtschaftlicher Belange. 
Der Satz der Verfassung, daß die i. I. 1817 aufgehobene Leib- 
eigenschaft für immer aufgehoben bleibe, und die i. I. 1847 zugleich 
begonnene Ablösung der aus ihr fließenden Gefälle hat ebenfalls schon 
durch ein Gesetz von 1821 eine weitere Ausführung erhalien, aber 
nur soweit der. Staat der Gefällberechtigte war. Die Ablöſung in 
in weiterem Umfang verzögerte sich durch den Widerſtand des grund- 
herrlichen Adels bis in das Jahr 18536. 
Größeres Aufsehen indeß als alle anderen Verhandlungsgegen- 
stände des ersten Landtags erregte der Ausſchluß des berühmten volks- 
wirtschaftlichen Vorkämpfers Friedrich Liſt aus der 2. Kammer. Ciſt 
war am 7. Dezember 1820 durch Nachwahl als Abgeordneter der 
Stadt Reutlingen in die Kammer eingetreten. Sogleich in den nächsten 
Sitzungen stellte er eine Reihe von Änträgen zur Hebung des so tief 
gesunkenen Gewerbes und Handels, auf jährliche, statt dreijährlicher 
Landtage, auf einjährige, statt dreijähriger Staatshaushaltpläne, Ver- 
ringerung des Ständiſchen Ausſchuſſes von 12 auf 4 Mitglieder, end- 
lich auf Erhebung des Nationaleinkommens zu richtiger Bemessung 
der Abgaben. !) Darüber kam die Vertagung des Landtags, weil die 
Regierungsvorlagen nicht fertig waren, auch die Feiertage herannahten. 
Während Uhland es abgelehnt halte, auf die Faſſung der ihm aus 
seinem Wahlbezirk Tübingen zugestellten Volkswünſche einzuwirken, 
um nicht einen Widerſchein der eigenenen Meinung hervorzulocken,?) 
benutzte umgekehrt Ciſt die Zeit der Vertagung dazu, selbst im Namen 
seiner Wähler eine Eingabe an die 2. Kammer zu verfaſſen, worin 
nach einer bitter tadelnden Schilderung der beſtehenden Verwaltung - 
und der ganzen Beamtenſchaft 40 Anträge gestellt wurden auf größere 
Selbständigkeit der Gemeinden, Ersetzung der besoldeten Oberamt- 
leute durch unbesoldete Candräte, Zuziehung von Schöffen und Ge- 
ſchworenen in allen Zweigen der Rechtspflege, Ablssung der Feudal- 
laſten, Ersetzung aller indirekten Steuern durch eine einzige Vermögen- 
und Einkommensteuer uſw.?") Ciſt ließ diese Eingabe zur Maſſen- 
werbung lithographieren und hatte mit ihrer Versendung bereits be- 
gonnen, als das noch Vorhandene beſchlagnahmt und gegen Ciſt als 
Verfaſſer und Verbreiter eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet wurde 
„wegen Verläumdung der bestehenden Staatsgewali und ihrer Attri- 
bute", und weil er „in der Absicht Mißvergnügen zu verbreiten 
und die Untertanen zu grundloſen Beſchwerden zu veranlaſſen, die 
. Vergl. dazu Langs „Bürger", 1821, Ur. 1 und Schüblers „Bürger- 
freund ~) 'Reinshl : Uhland als Politiker, 1911,. S. 36. 
*) Die Eingabe abgedruckt bei Goeſer : Der junge Fr. Liſt, 1914, S. 112/17. 
 
	        

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