Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

mut die Wünſche des Volkes dem neuen König vortragen solle. Aber 
er blieb vereinzelt; nicht einmal alle demokratischen Mitglieder hatte 
er und sein Entwurf hinter sich. Auch der Antrag der Linken, wenig- 
stens für die 2. Kammer die Aufhebung der Vorrechte der Geburt 
Pen des Amtes zu fordern, blieb in der Minderheit, obwohl auch 
die Deutsche Partei i. J. 1892 die 2. Kammer als reine Volkskammer 
wieder zur Parteiforderung machte. Die Mehrheit hatte aus Form- 
gründen abgelehnt; sie glaubte, daß brennende Fragen, dringende 
Volksbegehren diesmal nicht vorliegen, die zu einer Adreßdebatte großen 
Stiles aufforderten und überdies eine einmütige Stellungnahme der 
Uammier versſprächen; sie beschränkte sich daher auf eine Loyalitäts- 
adreſſe nach dem Vorgang des Reichstages im Dreikaiserjahr 1888. 
Das Gesetz über die Zivilliſte des neuen Königs wurde glatt 
angenommen; gegen die beantragte Erhöhung um 200 000 Mark wegen 
Sinkens des Geldwertes hatten nur drei Demokraten gestimmt. 
Der Rückgang des Partikularismus in der 2. Kammer zeigte 
sich darin, daß jetzt nach dem Tod des Königs Karl und ſeiner ruſſi- 
schen Gemahlin nicht bloß der Gesandtenposten in Petersburg gestrichen 
wurde auf Antrag der Regierung ſelbſt, sondern auch gegen ihren 
heftigen Widerspruch der in Wien. 
Auf dem kurzen Landtag von 1893/94 wurde die Verwaltungs- 
reform fortgeführt durch ein Gesetz zu leichterer Amtsenthebung dienſt- 
unfähiger Körperſchaftsbeamten. Ergänzend trat hinzu die Verleihung 
von Pensionsrechten an Körperſchaftsbeamte und ihre Hinterbliebenen, 
ein sozialer Fortschritt, den aber die Volkspartei abgelehnt hatte, nur 
weil sie ihn den lebenslänglichen Ortsvorſtehern nicht zuwenden wollte. 
Die vom neuen König zugesagte Verfasſſungsreform beſchäftigte 
ſchon im voraus lebhaſt die Gemüter. Der Staatsrechtslehrer Lud- 
wig Gaupp hatte am 8. Februar 1893 in der Nationalliberalen Partei 
einen Vortrag gehalten, worin er, unter scharfen Angriffen gegen die 
bisherige !. UKammier wie gegen das allgemeine Wahlrecht als alleinige 
Form der Berufung, nur eine einzige Kammer vorſchlug, darin o04 Be- 
zirksabgeordnete gewählt in allgemeinen unmittelbaren gleichen Wahlen, 
13 Abgeordnete Fer Städte über 10 000 Einwohner gewählt durch die 
Gemeindekollegien, 8 Abgeordnete der Ritterschaft, 100 12 Vertreter 
der Standesherren, 8 Abgeordnete der Handels- und Gewerbekammern, 
2 Vertreter der evangelischen, 1 der katholischen Kirche, 1 Vertreter 
der Universität, alſo 45 „Interessenvertreter“" neben 604 Volksabgeordneten, 
wobei er vorausſetzte, daß die Standesherren regelmäßig nicht erſchei- 
nen werden. Allein der Vorſchlag fand wohl starken Widerhall, aber 
nur ſchwachen Beifall. Auch die am s. April 1894 eingebrachte 
Regierungsvorlage lehnte das Einkammersystem vornweg ab als voll- 
kommen aussichtslos. Bei der Beratung freilich am 21. Mai 1894 er- 
klärte Mittnacht es nur noch für „zurzeit ausgeschloſſen“. Er betonte, daß 
eine einzige Kammer bei s durch die Gründung des Deutschen Reiches 
geminderten Zuſtändigkeit der Einzellandtage eine nicht unerhebliche 
  
 
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.