Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

heit des Volkes solle dadurch in die Lage versetzt sein, die Entscheidung 
über die künftige Regierungsform zu treffen. Aber wie die Parla- 
mentariſierung im Reich, so hatte auch der Umsturz im Reich bereits 
zurückgewirkt auf Württemberg. Schon am 9. November, während 
die neuen Minister vom König beeidigt wurden, hatte in Stuttgart 
der allgemeine Ausstand der Arbeiter und der Umsturz begonnen. 
Im Ständehaus bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat; Vertreter 
desselben, der Sozialdemokratiſchen und der Unabhängigen Sozial- 
demokratischen Partei traten ebenda zusammen, stellten die Ciſte einer 
neuen Regierung auf und verkündeten abends von desſen Altan aus 
die Republik und die Bildung einer neuen vorläufigen Regierung. Das 
Gleiche geschah gleichzeitig in einem gedruckten Aufruf der Proviſo- 
riſchen Regierung an das Volk. Das Kabinett Lieſching trat am 
10. November zurück. Der Zuſammentritt des Landtages am 12. No- 
vember war unmöglich. In ihrem hundertsten Lebensjahr, in einem 
Augenblick, wo der Uönig die Berufung einer Landesverſammlung 
bereits angeordnet hatte zu ihrer gesetzlichen Umbildung auf demo- 
kratiſcher Grundlage, war die Verfassung in wesentlichſten Punkten um- 
gestürzt von der fortgeschrittenſten Demokratie. Aber die Geſchichte 
der Verfassung in den abgelaufenen Jahrzehnten war, von den fünf- 
ziger Jahren abgesehen, bereits die Geschichte einer stetig fortſchreiten- 
den Demokratisierung des Staates gewesen. Und wie nach dem erſten 
Jahrzehnt, so darf auch nach dem zehnten gesagt werden, daß diese 
Verfaſſung alles in allem genommen ſich bewährt hat und daß Würt- 
temberg unter ihr glücklich gewesen und vorangekommen ist in jedem 
Betracht. 
Die am Abend des 9. November gebildete Provisorische Regie- 
rung besland nur aus Angehsrigen der Freien Gewerkschaften, der 
Sozialdemokratischen Partei, der Unabhängigen Sozialdemotkratiſchen 
Partei und des Arbeiter- und Soldatenrates; zu den alten sechs 
Ministerien war das Arbeitsministerium an Stelle des Ministeriums 
für Demobilisation und ein Ernährungsministerium als siebentes und 
achtes getreten. Die Fortlſchrittliche Volkspartei, das Zentrum und 
die Nationalliberale Partei erklärten sich indes bereit, die vorläufige 
Regierung mit allen Uräften zu unterstützen, solange das jetzige Regi- 
ment die Ordnung verbürge, die bürgerlichen Freiheiten, insbesondere 
Vereins-, Versammlungs- und Preßfreiheit gewährleiste und die Sicher- 
heit der Person und des Eigentums ſchütze; denn Bolſchewismus 
würde den Ruin bedeuten. Demgemäß trat am |1. November je 
ein Mitglied dieser drei Parteien in die Regierung ein; ein Aufruf 
vom gleichen Tag verkündete die veränderte Zuſammenſetzung der 
Regierung. Dagegen ſchieden die Unabhängigen bald aus den zwei 
ihnen überlassenen Ministerien des Innern und des URriegswesens aus 
und traten in Opposition zur neuen Regierung. 
König Wilhelm U., getreu seinem Wort vom 9. November, daß 
seine Person niemals ein Hindernis einer von der Mehrheit des Volkes 
 
	        

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