Title:
Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung
Creator:
Adam, Albert Eugen
Shelfmark:
1J 55
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1568624571367/238/
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
geforderten Entwicklung sein werde, legte am 30. November 1919 die 
Krone nieder. Herzog Albrecht, der Nächste am Thron, schloß sich 
diesem Schritte nicht an; aber die vorläufige Regierung erklärte eine 
Thronfolge im Sinn des § 7 der Verfassungsurkunde für ausgeschlossen. 
Zugleich dankte sie im Namen des Volkes dem KRönige, daß er in 
allen seinen Handlungen von der Liebe zur Heimat und zum Volke 
getragen gewesen und daß er durch seinen freiwilligen Verzicht dazu 
beigetragen habe, die Bahn für die freiheitliche Entwicklung zu ebnen; 
das württembergische Volk vergesse nicht, daß der König mit seiner 
Gemahlin in Werken der Nächstenliebe stets edel und hilfreich gehandelt 
habe. Die Zuständigkeiten, die nach der Verfassung von 1819 von 
dem Usnig und dem Staatsministerium ausgeübt worden, waren nun 
auf die vorläufige Regierung übergegangen, aber im übrigen waren 
alle Gesetze in Kraft geblieben und von der vorläufigen Regierung am 
1 1. November ausdrücklich bestätigt worden. 
Der Ständiſche Ausschuß, dem nach § 188 der Verfassungsur- 
kunde obliegt, die ihm nach der Verfaſſung zur Erhaltung derselben 
zustehenden Mittel anzuwenden, sah sich dazu außer stande und mußte 
sich beschränken auf eine Verwahrung gegen die Verhinderung des 
Zusammentrittes des Landtags und auf die Erklärung, daß die ſchleu- 
nigste Berufung einer verfaſſunggebenden Landesversammlung als der 
einzig mögliche Schritt zur Wiederherstellung verfaſſungsmäßiger Zu- 
stände erscheine. Aber die vorläufige Regierung war selbſt von Anfang an 
bemüht, ihre revolutionäre Gewalt in eine rechtmäßige zu verwandeln. 
Sie hatte darum schon in ihrem Aufruf vom 9. November es als 
ihre erste Aufgabe erklärt, eine verfaſſunggebende CLandesverſammlung 
vorzubereiten. Am 2./11. Dezember erließ sie dazu eine Wahlordnung. 
Darnach wurden 150 Abgeordnete durch Verhältniswahlen in einem 
einzigen Wahlkreis mit gebundenen CLiſten unmittelbar und geheim 
gewählt; wahlberechtigt waren alle im Lande wohnenden 20jährigen 
Deutschen (nicht bloß Württemberger) beiderlei Geschlechts, wählbar 
alle Wahlberechtigten, die seit mindestens einem Jahr Deutsche sind. 
Öffentliche Beamte und Militärpersonen bedurften zur Bewerbung und 
zur Abgeordnetentätigkeit keines Urlaubs. Am Sonntag den 12. Ja- 
nuar 1919 wurde gewählt. Es fielen auf die Sozialdemokratiſche 
Partei 52 Sitze, auf die Deutsche Demokratiſche Partei und die mit 
ihr jetzt verſchmolzenen Nationalliberalen 38, auf das - Zentrum 341, 
auf Bürgerpartei (Konservative) und Bauernbund [11 und 14, zu- 
sammen 25, auf die Unabhängige Sozialdemokratie 4 Sitze. Die Landes- 
versammlung trat auf Berufung durch die vorläufige Regierung am 
23. Januar 1919 zuſammen. Zu ihrem Präsidenten wählte sie Keil 
mit 137 von 144 Stimmen. 
Als Aufgabe der Landesverſammlung war in der Wahlordnung 
bezeichnet, dem Lande Württemberg eine neue Verfaſſung zu geben; 
zugleich war aber der Landesversſammlung vorbehalten worden, weitere 
Aufgaben zu übernehmen. Ein von der Landesverſammlung selbst 
  
 
        

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