Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

  
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und in Flugblättern der revolutionär Geſinnien bereits abgedroſchene 
Gerede über die Volksnot, den Ruin der Gewerbes, die Notwendigkeit 
allseitiger Erſparnisſe zum Uberdruß wiederholt wurde, wenn sich eine 
geſchloſſene Schar dem König entgegenſtellte mit der runden Erklärung, 
sie ſei das mahnende Gewiſſen des Staates, die öffentliche Stimme 
des unter Druck und Ungerechligkeit ſeufzenden Volkes. „Es war sehr. 
erbaulich, diese Leute (von Heslach) revolutionsſtürmend alltäglich nach 
Stuttgart zu den gemeinſchaftlichen Beratungen des Wohlfahrtsaus- 
ſchuſſes wallfahrten zu ſehen, in der Rechten einen bedeutſamen Knüttel, 
auf dem Rücken ſchleppten sie ſchweres. Mehl, um es in der Reſi- 
denz backen zu laſſen, und den Mund hatten sie faſt immer bis zum 
Ersticken mit Brot gefüllt, dabei räsonnierten ſie wütend über die 
Regierung und das Herrengeſindel, über die Not der Zeiten von jenem 
Gesindel "erzeugt, riefen nach Freiheit mit vollgeſtopftem Mund".') 
Gefährlich aber war es, daß ſich an die Spitze dieſer Opposition eben 
jene Männer ſtellten, die andere, allgemeine und berechtigte Ziele 
vertraten, ſo daß nun die gerechten Ulagen über die Vernachteiligung 
des ganzen deutſchen Vaterlandes verquickt wurden mit ungerechten 
Klagen über die württembergiſche Verwaltung.?) Bald hörte man, 
daß der König in übler Stimmung ſei und die Reſidenz nach Lud- 
wigsburg verlegen wolle, weil er die erhoffte Mäßigung vermißte; 
man erhebe Forderungen, die er bei seiner Stellung gegen andere 
Bundesstaaten nicht erfüllen könne, und mache ihn verantwortlich für 
ftttzfstns von Wünschen, die zu erfüllen nicht in seiner Hand 
iege.* 
Die Kammer begann also mit der Entwicklung der Motionen. 
Es war ein Fehler der Geſchäftsordnung, daß diese Anträge nach 
ihrer Einbringung nicht sofort an eine Kömmisſsion verwieſen werden 
konnten, sondern zuerſi in der Kammer ſelbſt zu entwickeln d. h. zu 
begründen waren, und zwar nicht nach ihrer Wichtigkeit, sondern in 
der Reihenfolge ihres Einlaufs. Das war eine zeitfreſſende Einrichtung ; 
man bedenke, daß diese Anträge mit der Begründung bis zu 90 Druck- 
t umfaßten, die nun unerbittlich in der Kammer ſelbſt herunter- 
gelesen wurden. : 
Eine der ersten Motionen betraf die Geschäftsordnung. Wie 
alles an der früheren Kammer getadelt wurde, ſo auch ihre Geſchäfts- 
ordnung, und faſt keine Sitzung verging ohne verdrießliche Erörterungen 
darüber. Man wollte darum die ganze Geschäftsordnung erneuern 
und dabei die bisherigen Kommissionen zum Teil ersetzen durch Ab- 
teilungen, Sektionen, nach französischem Muſter. Schott als Bericht- 
M sl %%: <3:50.::: L R 
  
; N Zoczerer: Buch vermiſchter Bezüge 1840, S. 89. 
3) QU U. Dres 10: a. O. 2, 152 ff. 
 
	        

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