Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

  
~©T. 5355 
seitigen größeren Vertrauens hatte der Geheime Rat dem Uönig vor- 
geſchlagen, den Präfidenten der 2. Kammer zu: veranlassen, die Kammer- 
mitglieder, Minister u. a. hohe Staatsbeamte sfters zu Abendunter- 
haltungen einzuladen. Dies iſt nicht geſchehen ; vielmehr ſchlossen sich, 
wie schon bisher die Oppofsition, so nun die Regierungspartei unter 
Gmelin, die Mitte unter Hufnagel in getrennten Abendgesellſchaften 
zuſammen.!) Das erſchwerte die von der Regierung erstrebte Milde- 
rung der perſönlichen Gegensätze. 
Der Plan der Regierung ging dahin, bei dem jetzigen Brauſen 
aller Elemente der Staatsgesellſchaften der neuen Kammer mit Ver- 
trauen entgegenzukommen, die begründeten Wünſche des Volkes zu 
berücksichtigen ohne erſt Anträge der Kammer abzuwarten, auch alles 
zu vermeiden, was die Stellung der noch immer starken, mit In- 
telligenz und Beharrlichkeit ausgerüſteten Oppoſition stärken könnte, 
Übergriffen aber mit Feſligkeit entgegenzutreten. Der König genehmigte 
dies ; aber zu der vom Geheimen Rat angeratenen perſsnlichen Er- 
öffnung des Landtags fühlte er sich „nach allen bisher gemachten 
Erfahrungen nicht in der Stimmung“. Die Beſtreitung des monarchiſchen 
Prinzips in der Pfizeriſchen Motion hatte in ihm eine noch nicht ver- 
wundene Erbitterung zurückgelaſſen. Die dringendſte Aufgabe des 
am 20. Mai 1833 ersffneten neugewählten Landtages war die endliche 
Beratung des Staatshaushaltplanes. Daneben wurden die letztmals 
unerledigten und einige weitere, von der 2. Kammer gewünſchte Ge- 
setze angekündigt und eingebracht. Zurückgestellt wurden nur das 
Zehntumwandlungsgesetz, das den Volksabgeordneten nicht weit genug 
ging und doch von dem grundherrlichen Udel beider Kammern am 
meiſten angefochten worden war. Dieser wurde beruhigt durch die 
ihm unter der Hand ausgeſprochene Bereitwilligkeit der Regierung zu 
weiterem Entgegenkommen.. Als die 2. Kammer gleichwohl die Re- 
gierung um baldige Vorlage jenes Zehntgeſetzes bat, lehnte die 
1. Kammer den Beitritt ab, nachdem der Erbgraf Konstantin v. Wald- 
burg-Zeil (der sein volksfreundliches Herz erſt i. I. 1848 entdeckte), 
der Kammer ſchön bewieſen hatte, daß die Zehntumwandlung weder 
gerecht, noch notwendig, noch ~ ein Wunſch des Volkes sei! Eine 
Milderung der übrigen Ablöſungsgesete zugunsten des Adels wurde 
zwar im Geheimen Rat abgelehnt; ?) aber beim Landtag eingebracht 
wurde nur das unſchuldige Gesetzlein zur Aufhebung des besonders 
verhaßten Neubruchzehnten; und selbst dieses, von der 2. Kammer 
bereits angenommen, ward von der Regierung wieder zurückgezogen, 
als die Standesherren mit einmütiger Ablehnung drohten. Welches 
die Stimmung des Adels gegenüber diesen Ablssungsgeſetzen war, 
zeigt die hshniſche Frage, die Frh. Karl v. Welden, „der Pasquino 
der Kammer", bei ihrer Einbringung auf dem vergeblichen Landtag 
  
!) Geh. Rats Protokoll, 135. Mai 1833 und Gmelins Erinnerungen. 
?) Geh. Rats Protokoll vom 13. Mai 1833 u. a. 
 
	        

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