gräflichen Brokatgewande eine so wohlduftende Veilchenweise
anzieht, daß man Mund und Nase aufsperri. Und diese Künste
werden auch weiterhin betrieben. Gemeines Volk wie Schluck
und Jau reden, wie uns oder ihnen der Schnabel gewachsen ist.
Dafür überschlagen sich die hohen Herrschaften von Adel
in Jamben und Redensarten, die vor lauter Poesie bisweilen
gänzlich inhaltlos erscheinen. Shakespeare-Nachahmung?
Mag sein, daß Shakespeares Zeit den Standesunterschied auch
so im Stil betonen mußte. Nur scheidet Shakespeare Rüpelszenen
und heroische auch inhaltlich, denn ihm ist der gemeine
Mann nur Gegenstand des Lachens, nicht der Rührung.
Hauptmann scheidet nicht. Schluck rührt uns menschlicher
als irgendeiner der gespreizten Herren. Die ganze Zweiteilung
wirkt als ein Maskeradenscherz. Und als Maskerade wirken
alle historischen und symbolisierenden Dramen Hauptmanns.
Ein Mann kommt arm und krank aus der Fremde nach
Hause und siehe da, dort haben sie sich mit dem Kultus
seines Schattens eingerichtet und können ihn selber nicht
mehr gebrauchen. Warum nennt Hauptmann diese menschlich
gegenwärtige Geschichte den Bogen des Odysseus? Die
literarhistorische Maskierung verschleiert nur den menschlichen
Gehalt. Warum wird ein alter Mann, der eine schwere
Krise der Leidenschaft zu einer kindlichen Dirne durchmacht,
Kaiser Karl heißen? Wahrscheinlich, weil ein Aachener
Kaiserpalast eine bessere Dekoration ergibt? Darauf läuft
schließlich das Ganze hinaus: unter Maskerade und Dekoration
erstickt der menschliche Gehalt der Dichtung. Der
Dichter setzt das Leben in Glasvitrinen. So ist es minder
drängend und verpflichtend, mag’s auch dabei aus Mangel
an frischer Luft ersticken. Wir bleiben unbeteiligt. Und wie
stark Hauptmann das Bedürfnis hat, unbeteiligt zu bleiben,
zeigt sein Emanuel Quint. Die Geschichte des schlesischen
Christus, der ins 19. Jahrhundert kommt und wiederum verstoßen
wird, erzählt er in einem Tone der Halbironie. Man
weiß nicht, hält er seinen Helden für einen Narren oder einen
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