Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

6. Motivation, Information, Organisation 
Viele, aus vorindustrieller Zeit übernommene Verhaltens- 
regulationen, die die soziotechnischen Systeme stabilisie- 
ren sollten, wirken heute retardierend. Gewohnheit, Angst 
vor Neuem und Privilegsicherung schützen diese Regula- 
tionen vor Änderung. Es sind deshalb akzelerierende Ver- 
haltensregulationen zu erfinden, auf ihre Wirksamkeit zu 
prüfen und institutionell den soziotechnischen Systemen 
einzufügen. Neue Formen des Rollenwechsels in verschie- 
denen Entscheidungssituationen sind einzuüben. Es werden 
taktische und strategische Entscheidungssituationen unter- 
schieden. 
Planen heißt, methodisch in die Zukunft eingreifen. Art 
und Anzahl der einzelnen Tätigkeiten sowie ihre Abhängig- 
keiten untereinander müssen bekannt sein. Die Komplexi- 
tät rührt daher, daß an einer Aufgabe mehr als ein Fachas- 
pekt beteiligt sein muß, um den zu lösenden Problemen ge- 
recht zu werden. 
Planung soll die Leistung von Systemen steigern. Leistung 
ist aber nicht meßbar; ganz allgemein kann man dazu sa- 
gen, daß Leistung das Erreichen eines sozial anerkannten 
Zieles bedeutet, Ob dieses eintrifft, ist auch durch einen 
sozialen Wertekatalog, eine Ideologie bedingt. 
Ein Organisator soll an eine bestehende Ideologie und an 
bestehende Orgonisations- und Kommunikationsformen an- 
knüpfen. Er soll die bestehenden Verhältnisse analysieren, 
sie aber nicht kopieren, sondern stetig in Frage stellen: 
Planen heißt primär Planen der Planung: es ist ein ziel- 
orientierter Vorgang, mit Hilfe dessen versucht wird, Ziele 
abzustecken. Erst nach dieser Phase ist Planen wegorien- 
tiert: sucht nach Mitteln und Wegen, um die gesteckten 
Ziele zu realisieren. 
Dieser Vorgang kostet Zeit und Geld. Ein armes System 
muß schnell entscheiden können und ist auf Improvisieren 
angewiesen. Aus ökonomischen Gründen ist die Zeitspanne 
bis zum Handeln kurz, und es kann daher nur über wenige 
Informationen verfügen. Die Ideologie dieses Systems ist 
mit dieser faktischen Notwendigkeit im Einklang. Die Ideo- 
logie hat instrumentellen Charakter: Entschlußfreudigkeit 
und Mut zur Initiative werden zu Tugenden erklärt. Ein 
reiches System ist imstande, die Zeitspanne bis zum Hand- 
lungsbeginn zu verlängem und während der längeren Perio- 
de vor dem Entscheiden viele Informationen zu sammeln: 
es hat die Möglichkeit zu planen. 
Von allen Situationen, die zum Handeln auffordern, kann 
also nur ein Teil durch Planung bewältigt werden: 
verfügbare Informationen 
wenige | viele 
B 
D 
Planung a 
Zeitspanne 
bis zum 
Handlungs- 
beginn 
kurz | 
12 
Erläuterung: 
A: Situationen, die Sofortentschei- 
dungen verlangen 
B: Konferenz-Situationen 
C: Situationen, die z.B. eine Delegie- 
rung des Entscheidungsrechtes an un- 
tergeordnete Instanzen erlauben 
D: Situationen, die komplexes Planen erlauben; 
strategische Entscheidungssituationen 
taktische Entschei- 
dunassituationen 
19 
Häufig aber bleibt eine Gelegenheit zum Planen unausge- 
nutzt, da sie am Kostendenken scheitert. Dazu einige Aus- 
führungen? 
Kostendenken neigt dazu, den Preis der verschiedenen Tä- 
tigkeiten fixieren zu wollen. Dies ist ein ziemlich mühse- 
liger Aufwand, der zwar notwendig, aber von untergeord- 
neter Bedeutung ist. Eine Organisation ist eine Zusammen- 
ballung von Aktivitäten, die Möglichkeiten eröffnet, die 
weit über die Grenzen des Einzelnen hinausgehen. 
Die dabei eingehende geistige Energie ist nicht meßbar, 
ebensowenig das Resultat des Kooperierens. Das heißt; daß 
das wirkliche Geschehen nicht an Hand von Kostenzahlen 
abgebildet werden kann, Wenn zwischen Abteilungen keine 
Kooperation stattfindet, wird der Gesamterfolg geringer 
sein; der Gesamterfolg kann nicht an den Kosten abgelesen 
werden, da diese gleich oder sogar höher sein können. Da- 
zu kommt, daß Kostenrechnungen unumgänglich auf die 
Vergangenheit ausgerichtet sind, da sie nur mit einem 
time-lag "fest"-gestellt werden können. 
Das Kostendenken ist konservativ, es beraubt sich der Aus- 
nutzung der Möglichkeiten des Kooperierens, des komple- 
xen Planens auf die Zukunft hin. Es läuft auf Bequemlich- 
keit hinaus: nur die Routinen sind zu verbilligen, anson- 
sten ändert sich nichts. Ein dynamisches Denken ist unbe- 
quem, weil es zum Lernen zwingt, d.h. zum Anpassen von 
Handlungen an neuartige Situationen, 
7. Instanzen , 
die die Wandlungsfähigkeit der soziotechnischen Systeme 
verbessern sollen. 
In einem gegebenen und nicht infragegestellten Wertesy- 
stem sind in taktischen Entscheidungssituationen Hierar- 
chien, die billigste Organisationsform, um die Aktions- 
fähigkeit eines soziotechnischen Systems bei Handlungs- 
zwang sicherzustellen. Dieser Vorteil wird in einer sich 
schnell wandelnden Umwelt zu einem gefährlichen Nach- 
teil: Anpassung kommt durch Krise und Krieg zustande. 
Neben den hierarchischen, für repetitive Vollzüge durch- 
aus geeigneten Organisationsstrukturen sind andere zu 
entwickeln zum Finden langfristiger komplexer Ziele. Als 
bereits erprobte Methode gilt Teamarbeit, die jedoch nur 
in der Kleingruppe (2-5) praktiziert werden kann. Jedes 
Team wird mit dem soziotechnischen System, für das es 
plant, durch 3 - sporadisch wirksam werdende - Planungs- 
instanzen verbunden. Das Team selbst arbeitet voll zeit- 
lich. Es löst sich auf, wenn die Aufgabe, die sich das 
Team in der Einarbeitungsphase selbst stellt, von allen 
Beteiligten als "befriedigend" gelöst gilt. Als praktische 
"Lebenszeit" für ein Team gelten 6 - 18 Monate. Weitet 
sich die Aufgabe über die Leistungskapazität eines Teams 
aus, so sind weitere zu bilden, die zwar selbständig arbe‘ 
ten, auch über eigene Planungsinstanzen verfügen, mit 
dem Ausgangsteam jedoch "vermascht" werden. So ent- 
steht ein vermaschter, fluktuierender Teamkomplex. Die 
Planer rekrutieren sich aus dem Vollzugsapparat. Der 
während jeder Planung auftretende Lernbedarf wird von 
Lehrorganisatoren ermittelt und mit Hilfe einer "Fliegen- 
den Akademie" gedeckt. Das eindimensionale Aufstiegs- 
system wird erweitert zum revolvierenden Planungs-Voll- 
zugssystem. Plänen wird so zum systematischen Lernen an 
konkreten Aufaaben. Die spezielle Vor- und Weiterbil- 
ARCH + 1(1968)H2
	        

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