Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

Claude Schnaidt 
die formgestaltung der grenze an sich - die gestaltete 
konstruktion, die für die neuen bauweisen und materiali- 
en wesentlich ist, wird vom designer ausgeführt.die 
schöpferische tätigkeit des architekten wird dadurch 
nicht entbehrlich. 
architektonik ist der systematische inhalt der architektur. 
aufzeigen und formulieren dieses inhalts ist eine wissen- 
schaftliche tätigkeit.das resultat dieser tätigkeit ist eine 
architektur-theorie.-ohne die unterscheidung in methode 
und resultat wird der gesamtkomplex der architekturwis- 
senschaft mit architektonik bezeichnet. 
die neuformulierung der architektonik ist notwendig, da 
sie seit vielen jahrhunderten verloren gegangen ist. die 
eklektischen stilepochen haben sich empirisch an den 
bauwerken der vergangenheit unterrichtet und weitgehend 
nur in nachahmung oder nachempfindung betätigt. das 
neue bauen fordert deduktive neuentwicklung, nicht 
nachahmen eines baustils, auch nicht eines technischen 
oder eines kubischen stils. 
um selbständig deduktiv entwickeln zu können, müssen 
die grundsätze der funktion, des raumes und der raum- 
grenzen wieder klar formuliert werden, so, wie sie im 
klassischen altertum oder im frühen mittelalter bei den 
bauhütten bekannt waren. dabei handelt es sich um kla- 
re kategorien - wie in der malerei: z.b. linie - farbe - 
helldunkel, oder in der musik: z.b. rythmus - melodie - 
klang. in diesen künsten wird die theorie sehr sorgfältig 
gepflegt - in der baukunst nicht. 
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Ich weiss nicht recht, was der Begriff Architektur heute 
umfassen sollte, Sicherlich vieles, Ich teile jedoch nicht 
die Meinung von Auguste Perret, dass "alles das, was 
mobil und immobil im Raum ist, in das Gebiet der Archi- 
tektur gehört". Was ich aber weiss, ist, dass die bereits 
jetzt schon kränkelnde Architektur den Anspruch, umfas- 
send zu sein, aufgeben muss, wenn sie sich nicht auf die 
Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung stützt. 
Heutzutage hat der Architekt Aufgaben wahrzunehmen, 
deren Komplexität und Mannigfaltigkeit ohne Beispiel in 
der Vergangenheit sind, Er muss planen für eine anonyme 
Menge von Verbrauchern, deren Bedürfnisse er höchstens 
aus der Statistik kennt. Er muss die immer-zahlreicher 
werdenden technischen Möglichkeiten beherrschen. Sach- 
gerechte Lösungen für die Probleme, die aus dieser neuen 
Situation resultieren, sind nur durch wissenschaftliches 
Forschen und systematisches Experimentieren zu finden. 
Das eben Gesagte ist nicht Ausdruck eines Glaubens an 
die Unfehlbarkeit der Wissenschaften, sondern bezieht 
sich auf die Feststellung der Überlegenheit einer Metho- 
de, die Glauben gegen Tatsachen tauscht. 
Die wissenschaftliche Methode lehrt, dass bei konkurrie- 
renden Gesichtspunkten Tatsachen allein entscheiden 
müssen. Die Fakten müssen genau erkannt, gemessen, 
chiffriert und eingeschätzt werden. Die wissenschaftliche 
Methode beginnt mit der systematischen Beobachtung der 
Realität, von dieser Beobachtung führt sie durch Schluss- 
folgerung zur Hypothese, versucht, diese experimentell 
zu bestätigen, um zur Schlussfolgerung zurückzukehren, 
wenn sich die Hypothese nicht bestätigt. Deshalb sind 
wissenschaftliche Ergebnisse zuverlässig. Wenn sie dies 
nicht sind, so ist der Grad der Wahrscheinlichkeit be- 
kannt, Sie sind nicht unabhängig und isoliert, sondern 
in einem zusammenhängenden System integriert, in dem 
die Teile das Ganze - und umgekehrt - erklären. Auf 
diese Weise erlaubt die Wissenschaft eine immer präzi- 
sere Anpassung unseres Geistes an die Wirklichkeit. Sie 
vermittelt eine immer adäquatere Vorstellung von der 
Welt mit dem Ziel, aus dem Verständnis heraus zur Vor- 
hersage und Aktion zu gelangen. 
Sie werden entschuldigen, dass ich mit Nachdruck auf 
diese Banalitäten hinweise. Sie werden aber zugestehen 
müssen, dass das für die Mehrzahl der Kollegen notwen- 
dig ist. Die Menschen würden kaum Verständnis dafür 
aufbringen, in einer unbewohnbaren Welt leben zu müs- 
ARCH + 1(1968)H1
	        

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