Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

sen, nur weil sich die Architekten die Denkweise und 
Methoden der modernen Wissenschaft nicht aneignen 
wollen. Sie werden nciht akzeptieren, dass das Bauen - 
weil keine wissenschaftliche Disziplin - wirtschaftlich 
unterentwickelt bleibt, immer teurer und zum Luxus wird, 
Die Architekten müssen daher ihre Einstellung radikal 
ändern .Sie müssen für immer ihren Halbwahrheiten, ihren 
Trugbildern und den Gewohnheiten aus vergangenen Jahr- 
hunderten entsagen, und sich auf das Niveau der Wissen- 
schaftler emporheben. Sie müssen sich von der Scholastik 
trennen, als einer Denkweise, die auf blossen Annahmen 
basiert, und anstelle dessen sich der wissenschaftlichen 
Methode bedienen, deren Wesen darin besteht, sich al- 
lein auf das zu gründen, was durch experimentelle Evi- 
denz vermittelt ist,Es muss soweit kommen, dass ihre 
Tätigkeit von der Forschung untrennbar wird. Das käme 
auch der Würde der Architektur zuaute . 
Erlauben Sie mir, hier eine Parenthese einzuflechten.Seit 
einigen Jahren verbreiten wohlmeinende und von der Tu- 
gend der Wissenschaft überzeugte Propheten die Hoffnung, 
dass der Computer alle unsere Probleme lösen wird. Zwei- 
fellos ist der Computer berufen, der unersetzliche Helfer 
des Architekten zu werden. Zunächst, um ihn von allen 
routinemässigen und langweiligen Arbeiten zu befreien. 
Dann, wo ihm bei der Durchführung der Aufgabe sein 
Verstand Grenzen setzt, ihn abzulösen. Die Computer 
können und müssen klassifizieren, analysieren, rechnen, 
abschätzen, integrieren, kontrollieren, korrigieren, zeich- 
nen. Sie sollten darüber hinaus selbst Lösungen finden 
können. Da sie in der Lage sind, Systeme mit grosser 
Komplexität zu behandeln, scheinen sie prädestiniert für 
die Lösungen von Architekturproblemen zu sein, die im 
allgemeinen eine grosse Zahl von Parametern und von 
Kombinationen besitzen. Aber wenn die Computer in der 
Lage sind, Operationen durchzuführen, die die Fähigkei- 
ten des Menschen übersteigen, können sie jedoch nichts 
ohne vorgegebene Daten bewerkstelligen. Allenfalls ver- 
arbeiten sie Daten, die nur von den Menschen eingegeben 
werden, Und dies Daten müssen vollständig und mit abso- 
luter Genauigkeit aufgestellt sein. 
Nun, das Drama in der Architektur ist der Mangel oder 
sogar das Fehlen exakter Daten, z.b. wieviel Einwohner 
muss eine Nachbarschaftseinheit zählen? Welches sind 
die Verhaltenstypen der Familien in der Wohnung ? Wie 
den Komfortgrad messen ? Welchen Bruchteil der Bela- 
stung übernehmen die Wände in einer Skelettkonstruk- 
tion ? Warum werden bestimmte Orte oder Räume bevor- 
zugt? Wie verlaufen die Vibrationen in einem Bau ? Was 
ist die Qualität und als Folge davon der Wert eines Hau- 
ses ? Welche Relationen bestehen zwischen den Kosten 
der Isolierung und der Heizung ? Wenn amn über Bewer- 
tungsziffern verfügt, welche Rangfolge nehmen sie ein ? 
Das Inventar unserer Unwissenheit ist leider unendlich. 
Es liegt nichts Verlässliches vor, das in dem Computer 
gespeichert werden könnte; infolgedessen kann dieser 
nicht vorteilhaft eingesetzt werden. Die Versuche auf 
diesem Gebiet überzeugen nicht, weil sie - von einigen 
Ausnahmen abgesehen - aus einer unverbindlichen Mani- 
pulation von Symbolen ohne gültige experimentelle 
Grundlage bestehen. Diese bedauerlichen Verfahren ver- 
leihen den Konklusionen den Anschein mathematischer 
Genauigkeit, obwohl sie auf den Prämissen von Intuition 
und Vermutung basieren. Wirkliche Lösungen, solche,die 
von den Computern schon geliefert werden könnten, hän- 
gen letztlich von unserer Fähigkeit ab, den Horizont un- 
seres Wissens zu erweitern. Das erfordert beträchtliche 
Anstrengungen, die Forschung vor allem bezüglich jener 
Phänomene zu intensivieren, die die Lösung der Archi- 
tekturprobleme bedingen. 
Aber warum wird diese Forschung nicht betrieben? Aus 
einer Reihe von Gründen, hier nur die wesentlichsten: 
die Architekten sind nicht vorbereitet, Forscher zu wer- 
den. Unter der Vorgabe, die Universalität,des Berufes zu 
bewahren, versteifen sich die Architekturschulen, nur ei- 
nen Typ von Architekten ausbilden zu wollen: den alles- 
wissenden und alleskönnenden Entwerfer. Wenn dieser 
Mensch tatsächlich den universellen Geist besässe, den 
die Schulen behaupten, ihm zu vermitteln, könnte er sich 
leicht auf andere Tätigkeiten als das Entwerfen umstellen, 
z.b. die Forschung. Da die Architekturschulen unfähig 
sind, Albertis auszubilden, einfach darum, weil wir nicht 
mehr in der Renaissance leben, werden sie sich entschlie- 
ssen müssen, die Studenten zu Spezialisten auszubilden. 
Eine dieser Spezialisierungen muss die Forschung sein. 
Damit die Arbeiten der Forscher nicht ungenutzt bleiben, 
muss die Ausbildung die Architekten trainieren, ihre Tä- 
tigkeit wissenschaftlich aufzufassen. Der groteske ideo- 
logische Plunder, der in den Architekturschulen vor- 
herrscht, muss durch eine ständige und radikale Kritik 
beiseite geschafft werden. Kurz und gut, die Ziele, der 
Inhalt, die Methoden, die Strukturen der Ausbildung sind 
ARCH + 1(1968)H1
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.