Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

Soziologisch gesehen ist es unerheblich, welches ästhe- 
tische Programm positiv oder negativ sanktioniert 
wird. Ausschlaggebend ist die Tatsache, daß auch der 
interne Markt seinen Spielregeln nach keine Prämien 
auf nicht-ästhetische Leistungen setzt. Die ideologi- 
sche Koppelung von Zweck und Gestaltung kann nicht 
über die dominanten Maßstäbe der Beurteilung von Ent- 
würfen hinwegtäuschen. Da der progressiv getarnte 
Konservativismus von allen Seiten als selbstverständ- 
lich empfunden wird, kann das Problem einer neuen, 
realitätsadäquaten Aufgabendefinition nicht einmal 
sichtbar werden. 
Diese polemisch verkürzten Bemerkungen treffen si- 
cher nicht mehr als Tendenzen. Soziologie ist eine von 
der Statistik infizierte Disziplin, und in Durchschnitts- 
berechnungen und Korrelationen gehen periphere, aber 
vielleicht richtungsweisende Tendenzen leicht unter. 
Das liegt in der Natur der Verfahrensweise. Es liegt 
mir auch wenig daran, Prognosen zu stellen. 
Immerhin ergeben sich vom - hier nur kurz skizzier- 
ten Standpunkt aus - einige vorläufige Argumente zu 
der Frage der Notwendigkeit von Forschung: von prin- 
zipiell eher wissenschaftlichen als gestalterischen 
Methoden. Damit meine ich nicht Überlegungen auf dem 
Gebiete der Technik, der Kalkulation und Planung oder 
der Organisation des Architekturbüros als wirtschaft- 
licher Einheit, ohne Bemühungen in dieser Richtung 
abwerten zu wollen. 
Bedeutungsvoller dürfte auf längere Sicht die Rationa- 
lisierung der zentralen beruflichen Aktivitäten sein. 
Rational handeln heißt aus der Erfahrung lernen, Ur- 
sachenforschung treiben, mit begrenztem Risiko ex- 
perimentieren (statt der totalen Utopie der Gesell- 
schaftsreform nachzutrauern), und erreichbare Infor- 
mationen sinnvoll verarbeiten. Das setzt eine kritische 
Einstellung voraus und eine systematische Kontrolle 
der Ergebnisse des eigenen Verhaltens nach dem Prin- 
zip der Rückkopplung, um die Strategie ändern zu kön- 
nen, wenn Zielvorstellung und Resultat sich nicht dek- 
ken. Das erst würde zu vernünftigen Entwürfen führen. 
Man muß einräumen, daß diese Forderung sich spezi- 
fischen Hindernissen konfrontiert sieht, weil vor allem 
die sozialen Konsequenzen der Tätigkeit des Architek- 
ten erst auf lange Sicht erkennbar werden. Das bedeu- 
tet von vornherein, daß ein unvermitteltes Lernen aus 
der beruflichen Praxis, auch wenn das Interesse an 
den latenten Folgen der eigenen Arbeit vorhanden ist, 
zu unzuverlässigen Resultaten führen muß. Der indi- 
viduelle Erfolg am externen oder internen Markt ist 
der Erfahrung unmittelbar zugänglich, während das 
Gesamtergebnis, in das eben auch soziale und politi- 
sche Konsequenzen eingehen, die damit wieder Rück- 
wirkungen für die Situation des Architekten zeitigen, 
nicht mehr auf diese Weise faßbar wird. Das Prinzip 
des Lernens am Erfolg ist hier nicht mehr anwendbar 
Daraus ergibt sich jedoch die Notwendigkeit, sich aus 
der Distanz der Forschung mit den Folgen der Archi- 
tektur auseinanderzusetzen. 
Die Formulierung vager gesellschaftlicher Ziele, wie 
man sie in Wettbewerbsentwürfen oder den Veröffent- 
lichungen von Architekten nachlesen oder auch im In- 
terview feststellen kann, ist nicht trennscharf genug, 
um die Reformulierung eines architektonischen Pro- 
gramms zu ermöglichen, wenn es scheitert - und es 
pflegt mit verdächtiger Häufigkeit zu scheitern. Die 
private Soziologie der Architekten ist allem Anschein 
nach an den mittelständischen - und puritanischen - 
Idealen von Hygiene, Licht und Luft, Ordnung und Über- 
sichtlichkeit orientiert. Das Leitbild homogener sozia- 
ler Gruppen vom Typ der Nachbarschaft, das nie ge- 
stimmt hat, ist immer noch dominant, auch wenn es 
mit einer gewissen Verlegenheit vorgebracht wird. Es 
entspricht keinesfalls der Wirklichkeit einer hochgra- 
dig arbeitsteiligen und politisch wie kulturell pluralis- 
tischen Gesellschaft. In diesem Sinne ist Architektur 
immer noch bürgerliche Baukunst für ein homogenes 
Sozialmilieu und trägt, sicher neben vielen anderen 
Faktoren, zur Privatisierung der gesellschaftlichen 
Verfassung bei. Der Sterilität moderner Wohnviertel, 
Bürobauten, Kirchen und Theater, entspricht das Le- 
ben, das sich darin abspielt und das nicht mehr öffent- 
lich relevant wird. 
Auf diesem Gebiet Ansätze zu einer rationalen Be- 
trachtungweise zu entwickeln, wäre eine dringliche 
Aufgabe, die natürlich eher die Hochschulen und Pub- 
likationsorgane angeht, als den berufstätigen Architek- 
ten. 
Die Übernahme kybernetischer Analogien und system- 
theoretischer Ansätze, die seit geraumer Zeit zu be- 
obachten ist und auf den ersten Blick jedenfalls wie 
ein Schritt zur Rationalisierung des Entwurfs aussieht, 
muß allerdings mit Skepsis betrachtet werden. Mathe- 
matische Kalküle spiegeln leicht eine Wissenschaftlich- 
keit vor, die nicht da ist. Sie können dann von großem 
Nutzen sein, wenn über ihre Interpretation Klarheit 
herrscht. Willkürliche Annahmen in eine formale 
Sprache zu verpacken, garantiert noch nicht die Erfas- 
sung der Realität oder ihre Beherrschung. Hier wird 
eine neue Sprache geschaffen, in der vorerst wenig 
gesagt wird. Völlig suspekt wird diese Tendenz, wenn 
etwa Städte oder Bürokratien als selbstregulierende 
Systeme aufgefaßt werden; der Widerspruch zu aller 
Erfahrung tritt nur zu deutlich zu Tage. Die Rationali- 
tät der Methoden wird dann zweifelhaft, wenn es sich 
nicht nur um Planungserleichterungen handelt, wie 
beim Gebrauch von Komputern, die ebenfalls Sinn und 
Unsinn nicht unterscheiden können. Die Rationalität 
liegt im Programm, nicht in der Elektronik oder der 
Mathematik. 
Ein sozialstrukturell verankertes System der Immo- 
bilität lernfähig zu machen, erfordert Analyse und 
Forschung; die Lösung des Dilemmas erfordert mehr. 
Sie verlangt nach der gleichzeitig kreativen und syste- 
matisch kontrollierten, der durchdachten Utopie. 
Anmerkungen: 
1. KA = keine Antwort 
2. Die Formulierung solcher und ähnlicher Fragen 
erfolgte auf Grund einer Auswahl aus den Schriften 
hekannter Architekten. 
Anmerkung der Redaktion: Herrn Schütte standen für 
seine Analyse lediglich die Stellungnahmen aus Heft 1 
zur Verfügung. 
ARCH + 1(1968) H.4
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.