IL. Funktionen eines Europäischen Look-out Instituts
(a) Gewinnen der umfassenderen Vorstellung
Die Wahl des Personenkreises, der ein Europäisches Lookout
Institut leiten sollte, hat mehr als die übliche Bedeutung.
Obwohl jede Person auf einem Spezialgebiet qualifiziert
sein sollte, wird es um so wichtiger sein, dass
sie ein "Streuer" (Beherrschung mehrerer Gebiete) oder
besser ein "Generalist" ist,
In den USA zirkulieren Vorschläge, ein "Zukunftsinstitut"
zu gründen, das mit einem Stab von 65 Personen (etwa
50% von ihnen Forscher) beginnen und im zweiten Jahr
auf 160, im dritten Jahr auf 240, im vierten Jahr auf 320,
und im fünften Jahr auf 400 Personen anwachsen soll, Ob-Obwohl
dieser Aufbau für amerikanische Verhältnisse
recht bescheiden klingt, wo einige industrielle und militärische
"Denkfabriken", die sich mit der Zukunft beschäftigen,
Stäbe zwischen 3000 (Stanford Research Institute)
und 1200 (Rand Corporation) Personen haben,
klingen solche Zahlen für europäische Ohren ziemlich
erschreckend.
gerade durchgeführt werden - intelektuelle Anstrengung
ist heute zu wichtig, als dass man sie durch doppelspurige
Forschung vergeuden dürfte,
(b) Einrichtung eines gesellschaftlichen Warmsystems
Eine der wichtigsten Funktionen der ELOI, die sich aus
der Bemühung nach "umfassender Vorstellung" ergibt,
wird die Einrichtung eines "gesellschaftlichen Wamsystems"
sein, das die Aufmerksamkeit der exekutiven und
legislativen staatlichen Stellen ebenso wie die öffentliche
Meinung auf voraussichtliche soziale und kulturelle
Krisen, Gefahren und neue Möglichkeiten lenken würde.
Solche Warnsysteme existieren bereits in ökonomischen
und militärischen Bereichen, teilweise wurden sie von einigen
Spezialabteilungen der UN, wie WHO und FAO,
entwickelt,
Aber - wie das Desaster eines riesigen Öltankers nahe
der britischen Küste gezeigt hat - existiert noch kein
Warmsystem, das die ungeheuren Gefahren "blinder Technologie"
erfasst, die die Ökologie unseres Planeten bedrohen.
Man kann argumentieren - diesen Standpunkt vertritt
der Verfasser dieser Studie - dass ein kleiner ständiger
Kern von "Generalisten'", der sich mit der Zukunft beschäftigt
und in erster Linie die bestehenden Gruppen
koordiniert, korreliert und anregt und der auch zeitweilig,
wenn nötig, Spezialistenteams zu Rate zöge, in den
meisten Fällen überragende Resultate erzielen könnte.
Eine derartige Vorstellung mag aus psychologischen wie
aus praktischen Gründen klug sein. Sie würde die verständliche
Abneigung gegen die Errichtung einer mächtigen
neuen "Superbehörde", einer Bürokratie an der
Spitze anderer Bürokratien, beseitigen. Es würde weiterhin
viel leichter sein, für die unterschiedlichen Zwecke
des Europäischen Look-out Instituts die best-beschlagenen
Männer und Frauen der speziellen Gebiete zusammenzubringen,
die zwar sicher auf kurzfristiger Basis verfügbar
wären, die jedoch wohl kaum daran dächten, ihre einmal
geschaffene berufliche Basis für immer oder auf lange
Zeit aufzugeben,
Tatsächlich wird schon eine Unmenge zukunftsorientierter
Arbeit in der ganzen Welt und in Europa geleistet,
Was noch immer fehlt, könnte mit einem modemen Terminus
als "Systembetrachtung", "umfassendere Sicht",
"Uumfassendere Vorstellung" bezeichnet werden.
Die ELOI (European Look-out Institution) sollte nicht verversuchen,
mit bestehenden Einrichtungen zu konkurrieren,
sondern ihnen beizustehen und zu helfen durch Aufnahme
von zwei neuen Dimensionen in das Programm: die
"Gesamtsicht" und die "Vorausschau". Das kann sie am
wirkungsvollsten leisten, wenn sie alle bestehenden verfügbaren
Informationsquellen benutzt, sie zu kombinieren
lernt und zusätzliche Informationen, sofern ein Mangel
festgestellt wird, selbst erarbeitet oder (noch besser)
ihre Erarbeitung fördert,
Sie sollte organisatorisches Geltungsbedürfnis vermeiden
und es sich zur Aufgabe machen, andere Organisationen
zu beraten und Arbeiten einzustellen, die entweder gerade
von "Konkurrenten" durchgeführt worden sind oder
Ein dicht besiedelter Kontinent wie Europa, konfrontiert
mit einer Verdopplung seiner gegenwärtigen Bevölkerung
innerhalb der nächsten 30 Jahre, wird sich in besonderer
Weise ökologischen Fragen widmen müssen, deren Ursprung
der zweifelhafte Anstoss wachsender technischer
Macht und demographischer Druck sind.
Eine weitere Gefahr, die nicht nur Sache von Demographen
und Urbanisten, sondem auch von Sozialpsychiatern
sein sollte, ist die Gefahr der Übervölkerung. Verhaltensstudien
in den USA und in Deutschland haben gezeigt,
wie Überfüllung Massenneurosen und irrationale Ausbrüche
verursachen kann, Wie lässt sich das in Einklang
bringen mit der gleichermassen wichtigen Forderung, die
Landzersiedelung, insbesondere durch Siedlungen hoher
Dichte, zu verhindem,.
Viele Gefahren, die die Zivilisation bedrohen, sind mittlerweise
bekannt. Aber wenn der Warndienst des Europarates
aufgrund sorgfältiger Untersuchungen die offizielle
Kassandra unseres Zeitalters würde, so würden seine
Meldungen über mögliche kommende Katastrophen wohl
sehr viel ernster genommen werden, als wären sie nur von
kleinen privaten Gruppen oder von ad hoc-Vereinigun—-gen
geplagter Wissenschaftler ausgesprochen. Femer
sollte die ELOI versuchen, Alternativen zu gegenwärtigen
Entwicklungen und ihren voraussichtlichen katastrophalen
Folgen vorzulegen,
Der wichtigere Teil der Aufgaben des Warndienstes würde
in der Ermittlung möglicher zukünftiger Krisen und ihrer
Anfangsstadien bestehen, Bis heute wurde mit der Bekämpfung
negativer Entwicklungen erst. dann begonnen,
wenn sie bereits wirksam geworden waren. Das ist viel zu
spät. Dies war der Fall bei der Luft- und Wasserverunreinigung,
beim Automobilverkehr in städtischen Gebieten,
bei der Bodenerosion und der unbedachten Flussregulierung.
Mit Hilfe des vorgeschlagenen Warnsystems wären
wir in der Lage, mögliche unerwünschte oder schwerwiegende
Entwicklungen zu kontrollieren, lange bevor sie
einen gefährlichen Zustand annehmen,
ARCH + 1(1968)H1