Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

projekt, das im Auftrage des Senators für Bau- und 
Wohnungswesen von Berlin durchgeführt wurde. Aufgabe 
des Forschungsauftrags war es, Optimierungsmodelle für 
die Planung städtischer Wohngebiete zu entwickeln und 
diese Modelle an Daten aus Wohngebieten, die in den 
letzten zehn Jahren errichtet wurden, zu überprüfen. 
Das Modell minimiert die Gesamtkosten je Einwohner bzw. 
Quadratmeter Wohnfläche in Abhängigkeit von einer Viel- 
zahl technischer und normativer Grenzbedingungen. Die 
Gesamtkosten enthalten die Bodenkosten, die Straßenbau- 
kosten, die Kosten der Wagenabstellplätze und die eigent- 
lichen Gebäudekosten. Die Grenzbedingungen schließen 
solche normativen Festsetzungen ein wie Mindestabstand 
der Gebäude, Mindestfreifläche je Einwohner, Grund- 
flächenzahl und Geschoßflächenzahl sowie technische und 
architektonische Bindungen, wie zum Beispiel die Ab- 
hängigkeit des Wohnungstyps von der Haustiefe, die Ab- 
hängigkeit der Haustiefe von der Orientierung des Gebäudes 
zur Himmelsrichtung (Nord-Süd oder Ost-West) oder die 
besonderen Bestimmungen für Hochhäuser. Einige Parame- 
ter, wie zum Beispiel der Bodenpreis und der Motorisierungs- 
koeffizient, werden als Variable behandelt, Das Modell 
gibt eine optimale Lösung hinsichtlich der Geschoßzahl, 
der Gebäudestruktur (Sechseck, Quadrat, Zeile, Punkt- 
haus), der Haustiefe und des Parksystems. Im weiteren 
Verlauf wird dieses Modell in ein größeres Modell für die 
optimale Planung größerer Flächen als Wohngebiete über- 
geführt. Verschiedene (z.B. stochastische, statistische) 
Strategien für die Planung von Wohngebieten mit gemischter 
Gebäudestruktur werden untersucht und hinsichtlich der 
Gesamtkosten je Einwohner verglichen. 
Das Modell wurde tatsächlichen Werten aus 53 Bauab- 
schaitten aus vier größeren städtischen Wohngebieten 
gegenübergestellt. Abweichungen vom Optimum wurden 
untersucht und analysiert. Infolge des vertraulichen 
Charakters dieser Daten kann im vorliegenden Referat 
nur eine allgemeine Beschreibung der angewendeten Ver- 
gleichsmethode gegeben werden." 
Das studentische Unbehagen an dieser Forschungsarbeit 
erscheint ebenso berechtigt wie die Notwendigkeit, solche 
Untersuchungen durchzuführen, Die große Gefahr liegt 
in einem Mißverständnis der " Optimierung". Sie ist 
immer nur gültig hinsichtlich der jeweiligen Voraussetzungen. 
Politische Entscheidungsträger, aber auch unkritische 
Planer könnten all zu leicht versucht sein, Optimalwerte 
zu mißbrauchen, indem sie diese verallgemeinern und 
ihre Randbedingungen vergessen. Das hätte besonders zu 
Anfang einer solchen Entwicklung verheerende Folgen. 
Wäre zum Beispiel |! in einem besonderen Falle das sechs- 
geschossige Wohnhaus das Optimum, und die gesamte Wohn- 
bebauung würde entsprechend verwirklicht, das Ergebnis 
spräche für, nein gegen sich selbst. 
Welche Aussagekraft besitzen die Optimalwerte? Je mehr 
Einflußgrößen sie berücksichtigen, desto höhere. Erst wenn 
alle ausreichend in die Rechnung eingegangen sind, 
könnte man diesen Werten allgemeine Bedeutung zuer- 
kennen. Davon ist man heute noch sehr weit entfernt, 
denn welche Bedürfnisse der "psychischen Bewußtseins- 
struktur" sind schon berechenbar? Ein richtiger Ansatz 
dazu ist die quantifizierende , mathematische Ästhetik. 
Weitere Forschungen wären nötig, etwa auf dem Gebiete 
der Psychologie, Soziologie, Verhaltensforschung usw. 
Selbst mit den Kosten ist nur erst begonnen. Ist man bei 
den städteplanerischen Kostenüberlegungen mit statistischen 
Verfahren einer großen Zahl von Daten nachgegangen, 
so müßten noch die für die Kostenplanung und -Optimierung 
der einzelnen Gebäudes wirksamen Gesetzmäßigkeiten 
untersucht und in das Verfahren einbezogen werden. 
Allein dadurch würde es sich sehr wahrscheinlich stark ver- 
ändern. Ein außerordentlich schwieriges Problem ist die 
richtige Behandlung der Bodenpreise. Während alle durch 
das Bauen entstehenden Kosten von mehr oder weniger 
beliebig vermehrbaren Leistungen oder Gütern ausgehen, 
ist dar Grund und Boden eine unveränderbare Größe, Ist 
er verbraucht, ist er auch durch höchste Preise nicht zu 
vermehren. Während es im einzelnen trotzdem sinnvoll 
erscheint, wegen der unterschiedlichen Nutzbarkeit von 
Grundstücken den Boden auch unterschiedlich zu bewerten, 
so ist der tatsächliche Bodenpreis doch eine Zufälligkeit 
gemessen an der eigentlichen Unbezahlbarkeit des Bodens, 
Es müssen neue Bodenbewertungs-Verfahren für die optimieren- 
de Planung entwickelt werden, die das berücksichtigen, 
um dem Landverbrauch zu steuern. 
Ebenso schwierig wie die Bodenfrage sind Gestaltungspro- 
bleme in Optimierungsrechnungen angemessen einzubauen. 
Das gilt weniger für ‘die geometrische Form als vielmehr 
für die "Einsicht, daß Form eine Funktion hat. Die Funktion 
der Form ist auf der bisher unbeachteten Ebene der Beziehun- 
gen von Umwelt und Erlebnisstruktur zu suchen (2). 
Es ist deutlich, wieviel noch zu tun ist, bis die Gefahr 
abnimmt, daß eine zu oberflächliche, mechanistische oder 
gar technokratische Ökonomie durch Optimierung tatsäch- 
lich zu einer "Brutalisierung" der Planung führt. Auf 
keinen Fall dürfen die erarbeiteten "Optimalwerte" heute 
schon zur Richtschnur erhoben werden, denn sie berücksich- 
tigen zu wenig Einflußgrößen. Der begonnene Weg sollte 
jedoch weitergegangen werden. Gerade die Studenten in 
ihrem Suchen nach Rationalität müßten auch einen sochen 
noch bescheidenen und mit Mängeln behafteten Anfang 
begrüßen. Denn wenn der Architektenberuf überhaupt 
noch eine Zukunft hat, dann nur, indem er in der rationalen 
Durchdringung seines Aufgabengebietes auf der "Höhe der 
Zeit" ist, wenn seine Planung ebenso logisch, nachprüfbar 
und wissenschaftlich ist wie etwa die der Wirtschaft, 
Die Zeitumstände sind für die Weiterentwicklung der 
optimierenden Planung günstig, denn mit der elektronischen 
Datenverarbeitung ist ein Hilfsmittel gegeben, das erlaubt, 
nahezu unendliche Datenmengen bei einem umfassenden 
und daher mit Sicherheit sehr komplexen Verfahren zu ver- 
arbeiten. Wenn auch der weitere Geng dieser Entwicklung 
nicht in Einzelheiten vorausgesagt werden kann, so wird 
doch die Planungsfreiheit nicht notwendigerweise verloren 
gehen müssen. Die Einflüsse sind zu vielgestaltig, als 
daß engbegrenzte Optimalwerte zu erwarten sind. Es werden 
sich Planungsspielräume für günstige Entscheidungen herausbil- 
den, die auch der schöpferischen Tätigkeit des Architekten 
angemessene Freiheit geben. 
(1) "Der Computer in der Universität", Sommerkonferenz, 
veranstaltet vom MIT und der TUB, 22.7.-2.8.68, 
Katalog, Seite 95. 
(2) LORENZER, A.:Zielansprache, in: Bauwelt 31/32 
1968, S. 961/2; unter der Überschrift "Form und Funktion" 
im Katalog des Deutschen Beitrages zur XIV Mailänder 
Triennale erschienen. 
ARCH + 1(1968) H.4
	        

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