Kurd Aisleben
FÜR PROGRAMMIERTEN UNTERRICHT GEEIGNETE
LEHRSTOFFE DER KUNSTAKADEMIEN
Für vorrangig verbal formulierte Lehrstoffe werden
schon verhältnismäßig häufig programmierte Lehrmittel
pder Lehrwege benutzt. Sie fehlen aber für piktisch formulierte
Lehrstoffe mit einer Schwierigkeitsstufe, die
Kunstakademien entspricht. Da dieses Fehlen nicht für
alle nichtverbalen, sinnlichen Lehrstoffe zutrifft, man
denke zum Beispiel an die Sprachlabors, ist es unwahrscheinlich,
daß ein prinzipieller Hinderungsgrund besteht,
programmierten Unterricht in Kunstakademien
einzuführen; es sind auch keine negativ verlaufenen Versuche
bekannt.
Die Diskussion über dieses Thema ist nicht fortgeschritten,
sie ist noch zu erwarten. Im folgenden werden
darum im Zusammenhang mit der Behandlung einer Ist-Untersuchung
über Lehrstoffe auch bestimmte allgemeine
Überlegungen mitgeteilt.
Lernen sei geordnet nach Vorgreiflernen und Nachhollernen.
Nur Lernstoffe des Nachhollernens sind dem
programmierten Unterricht zugänglich. Nachholiernen
habe folgenden Inhalt:
1) Der Lernstoff ist formuliert und dem Lerner zugäng
lich.
2) Der Lerner hat eine Lernintention.
3) In der Regel existiert ein Lehrsystem, das den Lern:
prozeß ökonomisiert.
Der Vorteil, der darin besteht, daß Erfahrungen oder
Erkenntnisse, die Mitmenschen gewonnen haben, in der
Regel in unvergleichbar kürzerer Zeit nachgeholt werden
können, als diese ursprünglich brauchten, um sie
zu sammeln, ist unbestritten. Andererseits können alle
nachgeholten Erfahrungen auch als etwas veraltete Werk
zeuge angesehen werden; und mit dem Nachholen verzichtete
man darauf, die besondere psychologische Situation
heuristisch zu verwenden, die mit dem Bedarfsfall,
der jedem Nachholen ja zugrunde liegt, eingetreten
ist. Das Nachholen hat auch Nachteile
Vorgreiflernen habe folgenden Inhalt:
1) Der Lernstoff ist neu, wobei allerdings nicht ausgeschlossen
zu bleiben braucht, daß er doch irgendwo
formuliert vorliegt. Dieser Sachverhalt ist dem Ler
ner aber unbekannt.
2) Eine Lernintention kann fehlen.
3) Es existiert kein Lehrsvstem, oder doch nur als Metapher.
Das Vorgreiflernen geschieht an der Praxis. Es ist das
Sammeln von Erfahrungen. Nicht selten wertet man es
als Nebeneffekt.
Die meisten Lernprozesse haben in unterschiedlichen
Anteilen sowohl Merkmale des Nachholens, als auch des
Vorgreifens; zum Beispiel das in Kunstakademien verbreitete
"Learning by doing", das vorrangig ein Nachhollernen
ist; wenn man es im Sinne einer Didaktik versteht.
Alles Nachhollernen enthält sogar in der Regel
Elemente des Vorgreiflernens, indem der Lerner im
Lermmnrozeß den Lernstoff interpretiert.
Die Prozesse, die unter dem einen Gesichtspunkt als
Lernprozesse gewertet werden, werden unter einem
anderen zum Beispiel als Lehrprozesse gesehen; oder
auch als Lernprozesse des Lehrenden, wobei die ursprünglich
Lernenden dann als stimulierende Umgebungseinflüsse
gewertet sind. Im Laufe der weiteren Diskussion
über das Thema, programmierten Unterricht an
Kunstakademien einzuführen, wird herauszuarbeiten
sein, ob oder welche Auswirkungen hier vernachlässigte
Betrachtungsunterschiede konkret haben.
Der weitere Text ist als Antwort auf drei Fragen gebildet:
1. Welche Bedarfe an Lernstoffen bestehen für Kunstakademien
?
2. Welche Lernstoffe sind für den programmierten Unterricht
geeignet?
3. Ist Vorgreiflernen für Kunstakademien relevant?
Antwort auf die 1. Frage:
Eine Planung der zeitgemäßen Bedarfe an Lernstoffen
ist erst noch im Zusammenhang mit einer Zielplanung
durchzuführen. Für diese Aufgabe müßten Schätzteams
periodisch aus Praktizierenden und Lernenden gebildet
werden. Hier soll darum kein Soll-Katalog entworfen
werden. Der Text basiert auf einer Ist-Untersuchung
aus dem Jahre 1968.
ARCH +2 (1969) H. 6