Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Wirkungsweise im Bereich der Ausbildung hin unter- 
sucht werden: 
Disziplinierung eigener Wünsche und Interessen 
Fremdbestimmung. 
Fremdbestimmung wird ermöglicht durch die gelungene 
Disziplinierung eigener Wünsche und Interessen. Unter 
Auslassung der gesamten vorpubertären Entwicklung 
des Kindes - sie soll hier als die, vom augenblicklichen 
gesellschaftlichen Selbstverständnis her, "normale" an- 
genommen werden - kann man hinsichtlich der schuli- 
schen Erziehung und der Interessenverwirklichung des 
Heranwachsenden vom Prinzip der Vertröstung spre- 
chen. Es besteht letztlich in den vielgehörten Aussprü- 
chen der Erzieher: "Das haben wir noch nicht" und 
"Nach der Schule könnt Ihr Euch beschäftigen mit was 
Ihr wollt". Sie bewirken beim Schüler den fortgesetzten 
Aufschub der Realisierung des sich spontan entwickeln- 
den Wissensinteresses, der zusammen mit der für ei- 
nen späteren Zeitpunkt in Aussicht gestellten Befriedi- 
gung der Wissbegierde für den Augenblick Unlust und 
Verdruß bereitet. Deren Überwindung wird in oft reali- 
tätsfremder, phantastischer Ausmalung der Berufspra- 
xis geleistet. Mit dem Erreichen des Abiturs, dem 
"Hinaustreten ins Leben'', setzt die Ernüchterung und 
verwirrte Verlorenheit ein, die bei den meisten Studen- 
ten in den Anfangssemestern zu beobachten ist. 
Neigung zum Beruf 
Im Hinblick auf die Konkretisierung der weiteren Aus 
sagen bietet sich die Beschränkung der Untersuchung 
auf den Beginn der Architektenausbildung an. Ausge- 
hend davon, 
- daß der Architektenstand eine Selbstrekrutierungs- 
quote von über 50% hat, folglich eine "Tendenz 
zur Gruppenhomogenität mit dem Resultat, daß die 
traditionelle Aufgabendefinition zum Dogma erho- 
ben wird" (Schütte, ARCH + 4), aufweist, 
daß es über den Problembereich Architektur fast 
gar keine populärwissenschaftliche Literatur gibt- 
wenn man von Bildbänden bzw. historischen Schöp- 
fertheorien absieht-, die es einem Schüler ermög 
licht, sich vor der Berufswahl mit den auf ihn zu- 
kommenden Fragen auseinanderzusetzen, 
daß das Berufsberatungswesen in der BRD seine 
Aufgaben auf sehr niedrigem Niveau erfüllt, 
daß noch immer der Architektenberuf als eine der 
wenigen Tätigkeiten angesehen wird, die es er- 
möglichen, ein freies, schöpferisches, durch 
Selbstverwirklichung charakterisiertes Leben zu 
führen, 
daß aufgrund der, durch Rückkoppelung visueller 
K riterien entstandenen, Doppelbedeutung des Wor 
tes (Gebautes sowie die Tätigkeit bezeichnend) Ar- 
chitektur noch immer zur ästhetischen Kategorie 
gehörig betrachtet wird, 
läßt sich verallgemeinern, daß der Architektenaspirant 
mit einem verzerrten, realitätsfremden Berufsbild das 
Studium aufnimmt. 
Das psychologische Phänomen der Neigung ist zu ver- 
stehen als "willensmäßig organisierter Komplex von 
Triebkräften, welche die individuelle Leistungsstruktur 
im Sinne strukturadäquater Berufsbilder ausrichtet oder 
aktiviert' (Scharmann). Die in der Schule erlebte Ver- 
tröstungspraxis, deren Ziel die Disziplinierung des 
Schülers im Hinblick auf die von ihm geforderten Lei- 
stungen ist (inklusive der Beeinflussung der triebbe- 
dingten Leistungsstruktur durch Form und Inhalt der 
abverlangten Leistungen), zusammen mit der am Stu- 
dienbeginn erfahrenen Desillusionierung hinsichtlich 
der aus der Neigungsentwicklung heraus abgeleiteten 
Berufserwartungen, entstanden durch das Auseinander- 
klaffen des tradierten Berufsbildes und den tatsächli- 
chen Anforderungen an die Architektentätigkeit, bestim- 
men weitgehend die Gefühlslage des Studienanfängers. 
Jedoch die für die Berufwahl determinierende Kraft des 
Neigungsfaktors kann sich in vielen Fällen gegenüber 
exogenen Einflüssen nicht durchsetzen, eine Tatsache, 
die im Hinblick auf die heute an den Hochschulen noch 
vielfach verbreiteten Lehrmeinungen nicht bedauerlich 
ist. Hier scheint insofern ein Widerspruch vorzuliegen, 
als jene Lehren dem tradierten Berufsbild, mit dem deı 
Architekturstudent das Studium beginnt, kongruent sind, 
es aber trotzdem zur Desillusionierung kommt. 
Anpassung und Lernmotivation 
Das Nachhinken der offiziellen Lehrmeinung hinter 
den realen Anforderungen des Berufes hat zur Folge, 
daß auf informellen Kommunikationskanälen anders- 
lautende Informationen über die Architektentätigkeit - 
auf dem Umweg der Schilderung der Studienpraxis - 
aus höheren Semestern zu Studenten der Anfangsseme- 
ster gelangen. Solche Unterrichtung muß sich informel- 
ler Wege bedienen und erreicht trotz polemischer Form 
ihr Ziel, weil der Lehrende, häufig im Wissen über 
die Divergenz zwischen den Lehrinhalten und den Rea- 
litätsanforderungen und in resignierender Erkenntnis, 
diesen Bruch nicht heilen zu können, seine Lehre un- 
ter gleichzeitiger Ausübung von Zwang, begründet 
durch Hinweise auf seine Autorität, Verantwortung, 
Erfahrung etc., zu vermitteln sucht. 
Das effektivste, institutionalisierte Mittel im Reper- 
toire der akademischen Zwänge ist wohl die Prüfung. 
Durch unbewußten, teils bewußten Vorschub von Lern: 
motivationen zweifelhaften Charakters (Konkurrenz- 
kampf!), vor allem jedoch durch Rückgriff auf erneut 
Vertröstung leistende Praktiken der schulischen Er- 
ziehung, wird die Haltung gegenüber Lehrer und Lehr- 
stoff erzeugt, die allgemein für den höhersemestrigen 
Studenten charakteristisch ist: Anpassung. 
Der Vorschub zweifelhafter Lernmotivationen wird da- 
durch wirksam, daß durch sie im Erziehungsprozeß 
eingeübte psychische Mechanismen der Überwindung 
von Verzichtforderungen aktiviert werden. Die For- 
derung nach Verzicht auf Befriedigung von Trieban- 
sprüchen wird vom Kind als Unlust produzierend em- 
pfunden. Gelingt es dem Erzieher, den Befriedigung 
anspruch auf andere Objekte oder Personen abzulen- 
ken, spricht man von einer gelungenen Sublimierung 
beim Kinde ("Wenn du nicht mehr Daumen lutschst, 
bekommst Du auch ein Bonbon''). Es wird also die von 
der Gesellschaft verachtete oder als minderwertig be: 
griffene Triebenergie und deren Abbau auf ein höher 
eingestuftes Objekt gerichtet. So betrachtet bedeutet 
Erziehung: Übertragung gesellschaftlicher Wertord- 
nung und Normen auf das Kind. Wenn Kritik an der 
ARCH +2 (1969) H. 6
	        

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