Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

5.2 Kein bestimmter Raum ist erforderlich, da "Schule" 
jederzeit möglich, überall wo Informationsmedien sind 
W. Koblin 
VERANSTALTUNG 
Vom 14.-16. April 1970 wird an der Brunel Universität 
in Uxbridge (im Westen von London) ein internationales 
Symposion für Computergrafik stattfinden. Der Schwer- 
punkt der Veranstaltung liegt auf dem Gebiet der prak- 
tischen Anwendung von Computergrafik für Management 
Schaltkreisplanung, Stadtplanung, Architektur- und 
Ingenieurdesign, Lagerhaltung, Arbeitslehre etc. Die 
Teilnehmergebühr beträgt DM 400, --. 1.000 qm Aus- 
stellungsflächen sollen zur Verfügung stehen, dazu 
500 qm für ein Electric Theatre. Vorträge sollen in 16 
Hörsälen in je vier parallelen Serien ablaufen. Der Wer‘ 
der Ausstellungsausrüstung wird auf 30 Mill. DM ge- 
schätzt. Man rechnet mit 1.000 Teilnehmern. Bisher 
haben sich 24 Firmen (u.a. Cossor, ICL, IBM, Time 
Sharing, IDL, Univac...) als Aussteller angekündigt 
Während der drei Tage sollen ca. 90 Arbeitspapiere 
herausgegeben werden. Als Redner sind bereits jetzt 
bekannt: Grosch (CCST), Machover, Newman, Knowl- 
ton (Bell), Coons (MIT), Chasen (Lockheed). 
Anfragen an: R.D. Parslow, Chairman, Computer 
Grafics 70, Brunel-University, Uxbridge, Middlesex, 
GB 
Andreas Strunk 
AESTHETISCHE AKTION 
"Christo-Adepten. Ein Super-Phallus wird imitiert. Das 
ganze Hochdach ist silbrig-grau in Bewegung, steigt, 
schlafft ab. Ableger werden über die Barriere gehängt. 
Handwerkliche Peinture. Der Phallus wird aufgerichtet, 
Schwieriakeiten durch den Wind. Hiah!" 
Dies sind ein paar Sätze aus den "Protokollen Hochga- 
rage", die von einem interessanten Versuch an der Uni 
Karlsruhe berichten. 
Auf Anregung von Prof. C.H. Kliemann und Assistent 
R. Busam, Lehrstuhl für Malerei und Grafik, ist im 
Sommersemester 1969 für die Grundlehre der Architek- 
turstudenten des 3. und 4. Semesters eine neue Form der 
"Lehre" versucht worden. 
Für ca. DM 650, -- pro Monat hat die Universität zwei 
Parkflächen einer Hochgarage in der Karlsruher Altstadt 
gemietet, 
Dort wurde den Kommilitonen die Möglichkeit gegeben, 
mit Materialien Raum- und Materialstudien zu machen. 
Zur Verfügung wurden gestellt Dispersionsfarben, Holz- 
latten, Ytong-Blöcke, Plastikfolien, Toilettenpapier und 
Wasser. 
Die Aktionen wurden in Filmen dokumentiert. Am Ende 
des Semesters berichteten die Studenten über den Erfolg 
des Unternehmens ."ARCH+ war dabei." Wir wollen aus 
der Vielzahl der gezeigten Aktionen, die wohl durchweg 
Dokumenta-reif sein dürften, über eine etwas ausführ- 
licher berichten. Sie mag ein Beispiel sein für die Ten- 
denz der Versuche. 
Christo-Adeption 5.5.1969, 15.00 Uhr 
Circa 40 Studenten stehen oben auf dem Dach der Hoch- 
garage. Eine Plastikhülle wird aufgerollt und mittels 
eines Staubsaugers aufgeblasen. 
Langsam bläht sich der Schlauch, liegt auf dem Boden 
und bewegt sich nervös. Ein Zwang, ihn anzufassen, 
geht von ihm aus. Die ersten Hände greifen zu. Bald 
hat ihn jeder in der Hand und spielt mit ihm. Die ersten 
Phallus- Assoziationen werden laut. Das Schauspiel wird 
eindeutiger. Greifen und Gleiten. 
Die Akteure halten des Riesen Glied über ihre Köpfe 
weg in den Himmel, eine eigenartig faszinierte Ge- 
meinschaft entsteht, fast kultisch. 
Ein Raumerlebnis von höchster Intensität wird hier zele- 
briert, bestehend aus einer Reihe integraler Einzeler- 
lebnisse . 
Optisch: das Licht bricht sich und wird immer wieder 
neu in dem Luft-Plastik-Gemisch reflektiert. Taktil: die 
Akteure begreifen das sehr weiche und anschmiegsame 
Material von allen Seiten. (Die Art der Handbewegun- 
gen erinnert stellenweise an Costards Streifen "Besonders 
wertvoll" .) Akustisch: das Quietschen der Hände auf der 
glatten Plastikoberfläche, literarische Bemerkungen zum 
Thema Phallus, Wind und Straßenlärm. Raumbezogen: 
eine "ausgesonderte" Situation zwischen den Wirklich- 
keiten, oben auf einem hohen Dach, unten die Altstadt 
über sich die Luft. Gruppendynamisch: die Aktion an 
einem von allen erkannten Symbol bringt die Leute in 
eine leichte Euphorie. 
Es ist penetrant, nach dem Wert solcher Unternehmen für 
die Ausbildung von Architekten zu fragen. Diese Frage 
mißversteht die Intention des Erlebnisses: Befreiung von 
den Zwecken. Die Aktion ist Selbstzweck. So versteht 
sich Happening. Es ist sich selbst genug. 
Aber als "Schatten" dieser Selbstgefälligkeit wird man 
gerade für die Umweltplanung mögliche Zwecke erken- 
nen können. 
Eine Rezeption der Auffassung neuester ästhetischer Ak- 
tionen (Happening, Environment, land-art) im Bereich 
von "Stadt"-Planung ist zu erwarten. 
Die "Protokolle Hochgarage'" berichten von einem Ver- 
such, Bewußtsein zu sensibilisieren für eine andere Art, 
"Stadt" zu konsumieren: Stadt als totaler Spielraum. 
ARCH+ 2 (1969) H.7
	        

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