Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

von Lehrenden und Lernenden vertieft wird: Es werden ja 
verschiedene Tätigkeitsmerkmale unterschiedlicher Per- 
sonengruppen kontrolliert. Vielleicht wird die Zukunft 
erweisen, daß das kurzsichtig wäre. 
Es bleibt zu zeigen, daß in den Teilen "Die Prüfungs- 
situation", "Die Funktion des Abgangszeugnisses' und 
schließlich in den "positiven Thesen" die Konsequenzen 
aus der technokratischen Position der Einleitung sich 
widerspiegeln. 
Es ist notwendig, einige Zitate der drei mittleren Ab- 
schnitte aus dem verschleiernden Kontext herauszulösen, 
um sie miteinander in Beziehung zu bringen. 
A) Prüfung und Berufspraxis: 
1. "So überwiegen heute die wissenschaftsfremden Mo- 
mente das, was Prüfung sein sollte und könnte." 
In diesem Satz finden wir die Bestätigung, daß für die 
Autoren Prüfungen eine wie auch immer geartete Funk- 
tion haben. 
2. "...; beim Prüfling erzeugt sie eine eigentümliche, 
der späteren Berufspraxis fremde Lernmotivation:..." 
Prüfungen sollen also eine Lernmotivation erzeugen, 
die der späteren Berufspraxis nicht fremd ist? 
3. Die Autoren machen zu dieser Berufspraxis folgende 
Aussagen: Wenn auch "einheitliche Berufsbilder in der 
Architektur" in Zweifel gezogen werden, bleiben "die 
Adressaten eines Zeugnisses" "für Architekten" "Archi- 
tekturbüros, die Bauabteilungen der Industrie- und der 
Wohnungsunternehmen und die öffentliche Bauverwaltung." 
"Einsinnvolles Studium geht auf deren Anforderungen 
ein, wenngleich es keineswegs davon festgelegt sein 
darf, ..." (wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht 
naß). 
4. "Haben nun für diese Stellen Diplomzeugnisse mit 
Einzelnoten und Gesamtnote einen Wert?" 
Der Wert von Gesamtnoten wird von den Autoren aus 
pragmatischen Gründen bestritten. Selbst "Einzelnoten" 
sollen entfallen, an ihre Stelle tritt die "Aussage" (?-!)- 
"ausreichend" oder "nicht ausreichend". 
5. Die anfangs nicht spezifizierte Funktion der Prüfung 
wird präzisiert: Das Abgangszertifikat dient (natürlich 
u.a.) dazu, "die qualifizierte menschliche Arbeitskraft 
in den Produktionsprozeß einzuführen". (Die "neue 
Form des Lernens" hat eine ähnliche Funktion. Sie er- 
zeugt die "primäre Lernmotivation": "Die umfassende 
versönliche Identifikation mit dem Arbeitsbereich".) 
als Ideologie entlarvt ist, treffen sich die Autoren mit 
ihrer eigenen Kritik; sie verlagern individuelle Konkur- 
renz auf das Konkurrenzstreben solidarisch handelnder 
Gruppen. 
2. Als primäre Lernmotivation wird angegeben: "Die 
umfassende persönliche Identifikation mit dem Arbeits- 
bereich". Es wird wenig darüber gesagt, wie diese Iden- 
tifikation entstehen soll. 
3. Der Arbeitsbereich wird bestimmt durch die "gemein- 
same Wahl" der Objekte, an denen Arbeit vollzogen 
wird. 
Eine vertikale autoritäre Struktur wird in der Notwen- 
digkeit gemeinsamer Wahl durch ein horizontales Be- 
zugssystem gegenseitiger Verpflichtung zur Rechenschaft 
ersetzt; die umfassende persönliche Identifikation mit 
einem Arbeitsbereich, der so zustande kommt, ist geeig- 
net, die Behauptung der Autoren ad absurdum zu führen, 
daß der Grad der Selbständigkeit der Lernenden zunimmt: 
Die Identifikation, die unter diesen Bedingungen einen 
Anpassungsprozeß erfordert, läuft der Entwicklung eman- 
zipatorischer Fähigkeiten zuwider. 
ad B) 
Mit wohlmeinenden Proklamationen lassen sich die Kon- 
sequenzen liberaler Ideologie bestenfalls auf eine Ebene 
verlagern, auf der sich Neoliberalismus und Technokra- 
tie solicdarisieren. 
Warum ist der kritikfeindliche Effekt von Leistungskon- 
trollen nicht zum zentralen Gegenstand der Auseinan- 
dersetzung mit der Prüfungsproblematik gemacht worden? 
Warum wird die Freisetzung persönlicher Motivation 
unter Berufung auf die öffentliche Meinung und eine 
fragwürdige Solidarität in Zucht genommen durch An- 
forderungen eines zum Selbstzweck gewordenen techni- 
schen und industriellen Prozesses? 
Wenn es die Absicht der Autoren gewesen ist, den Ana- 
chronismus der Prüfung in einem System zu zeigen, das 
sie an sich schon ablehnen und für entwicklungsfeind- 
lich und dehumanisierend halten: Was hat sie daran 
gehindert, ihre Kritik daran, und wenn auch nur mit 
einem Satz, zum Ausdruck zu bringen? 
Bei Licht besehen, liest sich der Artikel, den wir kriti- 
siert haben, als Kritik an sich selbst. 
ad A) 
Aus der so gekennzeichneten Funktion der Prüfung und 
dem Werturteil, das durch die Aussage "ausreichend"- 
"nicht ausreichend" gefällt wird, kann man schließen: 
Der Standard, was "nicht ausreichend" ist, wird aus der 
Berufspraxis der Gruppe aufgezwungen werden. (Wir 
vermuten außerdem: Wenn eine Gruppe Standard und 
Arbeitszeit selbst bestimmen könnte, würde sie so lange 
arbeiten, bis sie sich das Zertifikat "ausreichend" zu- 
billigen könnte.) 
B) Soziale Massendemokratie? 
1. Sinngemäß wird gesagt: Das Konkurrenzstreben wurzelt 
im liberalen Denken des Konkurrenzkapitalismus und 
entlarvt sich - im Zeitalter der sozialen Massendemo- 
kratie - als Ideologie. 
Uns scheint, daß das Konkurrenzdenken nur ein Aspekt 
der liberalen Denkweise ist. Wenn liberales Denken 
ARCH+ 2 (1969) H.7
	        

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