Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

C. Riepl, H. Küsgen, A. Kleinefenn 
KEIN BISSCHEN PRÜFUNG 
Eine Kritik der Kritik zu verfassen ist kein schönes Spiel; 
da gibt es zuviel Exegese - und dann noch der eigenen 
Texte -, jeder möchte recht verstanden sein und mißver- 
steht den anderen. Weil wir recht verstanden sein wollen, 
hängen wir dem Beitrag "Prüfung nein - aber bißchen 
Prüfung doch!" von C. Feldtkeller und K-G Melville 
einen Nachtrag an. 
Der Angelpunkt in der Argumentation von F. & M. ist, 
uns nachzuweisen, daß wir mit unseren Vorschlägen zur 
Änderung des Prüfungswesens als technokratische Retter 
eines Systems auftreten, das die Emanzipation der Men- 
schen verhindert oder, anders ausgedrückt, das die Be- 
Friedigung der "vielfältigen Bedürfnisse der Individuen" 
verweigert, um eine bestimmte historische Form des ge- 
sellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses 
(Stichwort: Kapitalverwertungsprozeß) aufrecht zu er- 
halten. 
Diese Kennzeichnung unserer Position durch F. & M. ist 
unserer Ansicht nach die Folge von divergierenden Ein- 
schätzungen in zwei Punkten: Einmal teilen wir nicht in 
dem optimistischen Maß wie F. & M. die Ansicht, daß 
die industriellen Gesellschaften "schon heute ein Über- 
maß an materiellen Gütern" produzieren. Wenn wir die 
menschliche Gesellschaft als Weltgesellschaft sehen, 
müssen wir feststellen, daß von einem Zustand der ge- 
sicherten Bedürfnisbefriedigung keineswegs gesprochen 
werden kann. - Zum anderen divergieren wir in der 
Einschätzung eines begrenzten Gegenstandes wie "Prü- 
fungen". Solange der oben angesprochene Zustand nicht 
erreicht ist - und vieles spricht dafür, daß wir unabhängig 
vom Gesellschaftssystem noch einige Zeit dazu brauchen - 
bleiben die von uns angeführten Feststellungen über den 
Bedarf an qualifizierten Fachleuten und Wissenschaft als 
konstituierendem Bestandteil der Existenz unserer Ge- 
sellschaft bestehen. 
Da diese Forderungen aber auch vom bestehenden Gesell- 
schaftssystem erhoben werden, folgern F. & M. daraus, 
daß wir damit auch für diese Form des Gesellschaftssystems 
und die Gesamtheit seiner Forderungen und Zustände ein- 
träten ("reibungslose Eingliederung in den Produktions- 
prozeß" , "zügelloser Ausbau der materiellen Seite der 
Existenz"...). Hier verlassen F. & M. den Boden der 
Kritik und betreten den der Unterstellung. Warum soll 
mit Zitatschneiderei etwas kritisiert werden, was im Text 
nicht enthalten ist? 
Zum eigentlichen Thema "Prüfung" antworten wir mit 
einigen Zusätzen, etwa in Reihenfolge der Kritik von 
F. & M.: 
1. Wir wollen keine Reform der Prüfung, sondern ihre 
Abschaffung. 
2. Die gemeinsame Beurteilung von Studienarbeiten durch 
die Teilnehmer selbst ist keine Prüfung. Es handelt sich 
prinzipiell um den gleichen Vorgang, wie wenn F. & M. 
als Teilnehmer des gleichen Interessenkreises uns kriti- 
sieren. Wir fühlen uns jedenfalls nicht geprüft. 
3. Eine "Verteilerfunktion" hat die Beurteilung nicht. 
Berufseingangsprüfungen als Folge des Fehlens jeglicher 
Beurteilung wären jedoch die schlechteste Lösung. 
4. Nach dem Hochschulstudium wird die überwiegende 
Zahl der Absolventen einen Beruf ausüben. Neben der 
sachlichen sollte der Absolvent aueh eine "berufsumbil- 
dende" Qualifikation besitzen, die bis hin zu gesell- 
schaftlichen Veränderungen führt. Diese Qualifikation 
wird aber nicht durch abstrakte Forderungen, sondern 
durch ein entsprechend gestaltetes Studium erworben. 
5. Vor diesem Hintergrund ist die persönliche Identifi- 
zierung mit dem Arbeitsbereich möglich, auch wenn 
man nicht "Fachidiot" ist. 
6. Was "Ausreichend" oder "Nicht ausreichend" ist, 
wird nicht von einer außenstehenden Berufspraxis vorge- 
geben, solange die Beurteilenden - Lehrende und Lernen- 
de - eigene Bewertungsmaßstäbe aufzustellen in der 
Lage sind. Darum sollten sie sich bekümmern. 
In den abschließenden Sätzen fragten F. & M., warum 
der kritikfeindliche Effekt von Leistungskontrollen nicht 
zum zentralen Gegenstand der Auseinandersetzung ge- 
macht worden ist. Die Antwort kann man eigentlich vorne 
lesen: Weil wir versuchten, eine Möglichkeit für den 
Lehr- und Lernvorgang zu skizzieren, in dem die Lei- 
stungskontrolle unter Abhängigkeitsverhältnissen an der 
Hochschule (Stichwort: Herrschaft) überwunden wird. 
Diese Vorschläge mögen unvollkommen sein, aber wir 
denken, daß auch eine relativ begrenzte Aktion ihre 
Dialektik entwickeln kann, wenn in ihr genuine Ele- 
mente der Emanzipation angelegt sind. 
Fritz Stuber 
KOMMENTARE ZU "STÄDTEPLANERAUSBILDUNG" 
Beiträge von Hans Jürgen Frank und Roland Wick in 
Heft 3, 4 und 5 
"Kritik muß - wenn sie produktiv wirken soll - Änderbar- 
keit bzw. Nichtänderbarkeit feststellen" schreiben Rainer 
Ernst und Wolf Reuter in Heft 3. Obwohl ich diesem 
sicher richtigen Anspruch in bezug auf den Inhalt der 
erwähnten Beiträge nicht gerecht werden kann, möchte 
ich doch einige Bemerkungen über den Sinn einer sol- 
chen Beitragsreihe machen. 
Die Verfasser wollten, nach ihren eigenen Aussagen, mit 
diesen Beiträgen eine Diskussion anregen und wünschen 
sich Meinungsäußerungen, Kritik und Diskussionsbeiträge. 
Wer diesen Anspruch erhebt und ein Echo wünscht, sollte 
sich auch überlegen, für wen er die Beiträge verfaßt. 
ARCH+ ist eine Problemzeitschrift und versteht seine Funk- 
tion zwischen allen am Problem Beteiligten (siehe ARCH+ 
Nr. 1). 
Alle am Problem Beteiligten sind im Fall der Städtepla- 
nerausbildung Personen, die sich schon mit Städteplaner- 
ausbildung beschäftigten (Lehrer, Studenten, etc.), also 
damit mehr oder weniger vertraut sind, oder Personen, 
die sich damit beschäftigen möchten (z.B. Lehrer, die 
ein Lehrprogramm aufbauen oder Studenten, die Städte- 
planung oder Städtebau studieren wollen). Prüft man nun 
die vier Beiträge auf den Informationsgehalt für eine die- 
ser beiden Hauptgruppen, so ergibt sich folgendes: 
Es ist nicht klar, wovon eigentlich die Rede ist. Diese 
ARCH+ 2 (1969) H.7
	        

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