Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

2) Appraisoren (to appraise = den Wert bestimmen, 
abschätzen), die den bewertenden Gebrauch von 
Zeichen betreffen; 
3) Präskiptoren (to prescript = vorschreiben, ver- 
schreiben, verordnen), die den lenkenden, steuernden, 
bestimmte Reaktionen bewirkenden Gebrauch von 
Zeichen betreffen; 
4) Formatoren, die den systematischen Gebrauch (um 
das Verhalten des anderen zu systematisieren oder zu 
organisieren) von Zeichen betreffen. 
Ohne auf die Übereinstimmung oder die Abweichung von 
den Peirceschen Begriffen einzugehen, soll darauf hin- 
gewiesen werden, daß diese Klassifikation offensichtlich 
weniger von rein semiotischen als vielmehr von behavio- 
ristischen oder verhaltenspsychologischen Voraussetzun- 
gen ausgeht. So ist es ganz natürlich, daß Morris vor 
allem in behavioristischen Untersuchungen diskutiert 
wird und nicht ohne Einfluß auf die Bewegung der "Ge- 
neral Semantics" geblieben ist, die sich nicht mit Se- 
miotik, sondern mit dem menschlichen Verhalten, das 
durch Zeichen beeinflußt, geregelt, verändert, auch 
geheilt werden kann, beschäftigt. Selbstverständlich 
haben solche Untersuchungen, unabhängig von der 
Semiotik, ihren Wert, aber wir können hier auf diese 
Dinge nicht weiter eingehen. 
XII 
Syntaktik, Semantik, Pragmatik 
Peirce hat vorgeschlagen, das große Gebiet der Semiotik 
in drei Zweige zu unterteilen, und zwar in: 
1) Reine Grammatik 
2)Eigentliche Logik 
3) Reine Rhetorik 
Die "Reine Grammatik" (nach Duns Scotus auch "Spe- 
kulative Grammatik" genannt), in der die al Igemei- 
nen formalen Bedingungen der Zeichen festge- 
legt werden, soll als Propädeutik der Logik aufgefaßt 
werden. Hier sollten auch die Kategorien und die logi- 
schen Methoden der Deduktion, Induktion und Abduktion 
(Hypothese) erörtert werden. 
Die "Logik" (auch "Kritische Logik" oder "Kritik" ge- 
nannt) sollte von den formalen Wahrheitsbedin- 
gungen der Zeichen handeln. Peirce ist der Meinung, 
daß sich Logik, auch in der mathematischen Form, auf 
Welt, auf Erfahrung, auf Obiekte beziehen muß. 
Die "Rhetorik" (auch "Reine Rhetorik", "Spekulative 
Rhetorik" oder "Methodeutik" genannt) sollte von den 
formalen Bedingungen der Kraft der Zeichen 
handeln. Für Peirce ist dieser Zweig der Semiotik der- 
jenige, wo die heuristischen Prinzipien (z.B. in Mathe- 
matik, Wissenschaft und Philosophie) erfaßt werden, um 
die Entdeckung neuer Wahrheiten, um "eine Methode der 
entdeckenden (oder "erfindenden") Methode" zu gewin- 
nen. Auch das, was man Algorithmus nennt, gehört 
hierher. 
Man sieht, daß auch in diesem Aufbau der Semiotik der 
Zusammenhang der einzelnen Gebiete dadurch gegeben 
ist, daß die Grammatik die Grundlagen schafft, daß die 
Logik auf der Grammatik aufbaut und nicht ohne sie ge- 
dacht werden kann, sie zur Voraussetzung hat, und daß 
die Rhetorik sowohl auf Grammatik als auch Logik auf- 
baut, d.h. nicht unabhängig von den beiden vorangehen- 
den behandelt werden kann. 
Nun gibt es von Charles W. Morris noch eine andere 
Einteilung der Semiotik, die sich begrifflich inzwischen 
durchgesetzt hat, und die anstelle der Peirceschen Be- 
griffe gesetzt werden kann. 
Morris hatte von den drei Dimensionen des Zeichens ge- 
sprochen, die er die "syntaktische", "semantische" und 
"pragmatische" Dimension nannte. Teilen wir nach die- 
sen Vorstellungen die Semiotik in drei Bereiche, so 
sprechen wir von: 
1) Syntaktik 
2) Semantik 
3) Pragmatik 
Die Syntaktik, die die Zeichen nur im Mittelbezug 
(ohne Objektbezug und Interpretantenbezug) und ihre 
Verknüpfung oder Verkettung betrifft, ist derjenige Be- 
reich, der der "Grammatik" bei Peirce entspricht. Syn- 
taktische Forschungen sind hauptsächlich von Rudolf 
Carnap, der polnischen Logikerschule und Hans Hermes 
betrieben worden. 
Die Semantik wäre dann derjenige Bereich, der die 
Beziehung der Zeichen zu ihren Objekten betrifft, das 
heißt, er setzt die Syntaktik voraus und untersucht nun 
die Beziehungen der Zeichen zur Welt, zu ihren Objek- 
ten, kurz umfaßt das, was nach Bense die "Bezeichnungs- 
funktion" des Zeichens ausmacht. Es ist offensichtlich 
der bei Peirce mit "Logik" bezeichnete Zweig der Semio- 
tik. Hier wäre anzufügen, daß wir bei Carnap und Tarski 
eine "logische Semantik" (wo beide Begriffe verbunden 
sind) haben, daß es aber auch linguistische und medizi- 
nische, physikalische u.a. Semantiken gibt. 
Die Pragmatik setzt sowohl Syntaktik als auch Seman- 
tik voraus, handelt aber ihrerseits von der Beziehung der 
Zeichen zu ihren Interpretanten oder nach Bense von der 
"Bedeutungsfunktion" der Zeichen. Wenn auch bei Morris 
der Bereich der Pragmatik anders charakterisiert wurde, 
nämlich ganz behavioristisch dabei nur auf den Gebrauch 
oder die Verwendung, auf den Zweck und Nutzen abge- 
stellt wurde und in etwa das umfaßt, was in den vier 
Zeichenklassen von Morris behandelt wird, so erscheint 
uns die behavioristische Auffassung von Morris trotz allem 
und bei gewissen Einschränkungen der Peirceschen 
"Rhetorik" zu entsprechen. Daß es neben Syntaktik und 
Semantik etwas Drittes geben muß, das über beide hinaus- 
reicht und auch bei Carnap mit "Bedeutung" (in seinem 
"Meaning and Necessity", 1947) charakterisiert wird, 
könnte unsere Auffassung noch stützen. 
Fassen wir noch einmal zusammen: Die drei Bereiche der 
Semiotik, Syntaktik, Semantik und Pragmatik umfassen 
alle Fragen, die innerhalb der Semiotik gestellt und 
gelöst werden können. Der Syntaktik entspräche der Mit- 
telbezug. Die Semantik umfaßte Mittel- und Objektbe- 
zug und handelte vom Objektbezug. Die Pragmatik um- 
faßte Mittel-, @bjekt- und Interpretantenbezug und 
handelte speziell vom Interpretantenbezug. In der Bense- 
schen Terminologie hätten wir in der Syntaktik die 
"Mittelfunktion" des Zeichens, in der Semantik die 
"Bezeichnungsfunktion" des Zeichens und in der Pragma- 
tik die "Bedeutungsfunktion" des Zeichens vor uns. 
Diese kurze Charakteristik mag genügen, um Probleme 
semiotischer Art in einen dieser Bereiche einzuordnen 
ARCH+ 2 (1969) H.8
	        

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