Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

nicht quantifizierbaren Daten, Planungstechniken und 
Pseudowissenschaft zu unterscheiden. Kein Laboratorium 
auf anderen Gebieten des Problemlösens würde den Mangel 
von Zieldefinitionen, das Fehlen von Grunddaten und das 
Fehlen technischer Unterstützung dulden, der hier zuge- 
lassen wird (6). Heute braucht Städtebauausbildung technische 
Ausstattung des Raumfahrtzeitalters. Das würde bedeuten, 
Television mit Wandbildschirmen, Möglichkeiten für 
Computer-Grafik, experimentelle umwelterzeugende 
Erfindungen, Sensoren, fotosensitive Zellen und andere 
Simulationsmöglichkeiten, computerisierte Datenerarbei- 
tung und Abrufmöglichkeiten, Ausrüstung zur Filmherstel- 
lung und Entwürfe elektronischer Spiele. Besondere 
Experimentierprojekte mit neuen Medien sollten angeregt 
werden (7). Methoden, die in den USA als Ergebnis strate- 
gischer und militärpolitischer Problemstellungen entwickelt 
wurden, wie operations research, Informationstheorie und 
Systemanalyse sollten Werkzeuge des Stadtplaners sein. 
Diese Methoden sollten den Studenten ebenso vertraut 
gemacht werden wie neue Gedankenprozesse (z.B. Zu- 
falltheorien u.a.). Zukünftige Techniken der Prognose 
und Simulations- und Spieltechniken sollten häufig ange- 
wendet werden. 
Belehrung durch eigene Anschauung - Exkursionen und 
Reiseseminare 
Städtebauerziehung erfordert die Möglichkeit der Mobilität 
von Fakultät und Studenten. Sie sollten Einrichtungen von 
nöchstem technischem Entwicklungsstand und beispiel- 
gebende städtische Agglomerationen rund um die Welt 
sehen. Sie sollten die Brennpunkte der technischen Ent- 
wicklung, Anlagen der Raumfahrt und Forschungsabteilun- 
gen großer Industrien kennenlernen, um zu erahnen, wie 
rückständig ihre eigene Berufssparte ist. Studenten und Lehrer 
sollten die Möglichkeit haben, die zukünftigen Probleme 
dort zu studieren, wo sie am ehesten ablesbar sind, in den 
großen Weltstadtregionen, die auf dem Weg der städtischen 
Entwicklung schon sehr weit fortgeschritten sind; sie sollten 
nicht nur beispielgebende Lösungen studieren, sondern 
auch die städtischen Fehlentwicklungen mannigfacher Art, 
die die Existenz der Stadt aufs äußerste bedrohen. 
Die University of California in Los Angeles ermöglicht 
jedes Jahr ihrer ganzen Studentenschaft des Urban Design 
Studiums in Reiseseminaren durch eigene Anschauung 
wichtige Orte zu besuchen und mit den auf der Welt 
führenden Leuten des Berufs zusammenzukommen. Solche 
Exkursionen wurden z.B. durchgeführt nach Cape Kennedy, 
Expo’ 67 Montreal, New York City, Tokyo, Kyoto und 
anderen japanischen Städten. 
Unverantwortliche Vernachlässigung zukunftsträchtiger 
Forschung 
Parallel zum städtebaulichen Studienprogramm müssen aktive 
Forschungsprogramme entwickelt werden. 
Unter Forschung soll in diesem Zusammenhang nicht ge- 
schäftiges Katalogisieren überholter Weisheiten verstanden 
werden, sondern aufgabenorientierte Datenerarbeitung für 
schöpferisches Tun (7). 
Projekte innerhalb des Forschungsprogramms erhöhen das 
Lehrpotential der teilnehmenden Lehrkräfte, sie erweitern 
die Theorie und das Wissen über städtische Zusammenhänge, 
leisten einen Dienst an der Öffentlichkeit und schaffen 
Forschungsmöglichkeiten für hochqualifizierte Studenten 
oder Absolventen. die als Forschungsassistenten an solchen 
Forschungsprogrammen mitwirken können (8). 
Die Relation, die die Forschung in bezug auf die Raumfahrt- 
projekte in USA einnimmt, sollte zwischen der Stadtforschung 
und städtebaulichen Projekten auch erreicht werden. In der 
BRD sind wir noch Welten davon entfernt. 
Als Vergleich sei erwähnt, daß in der Forschungsabteilung 
einer einzigen Automobilfabrik (Citroen) 1000 Leute be- 
schäftigt sind, während in der BRD lediglich ein geringer 
Bruchteil davon in der Stadtforschung tätig ist. Daß Stadt- 
forschung multidisziplinär betrieben werden muß, ist offen- 
sichtlich. Probleme solch komplexer Art können durch 
einzelwissenschaftliche Bemühungen nicht mehr gelöst 
werden . 
Zusätzlich zu den traditionellen Fachdisziplinen sollten 
die übergreifenden "Metawissenschaften'" dazukommen, 
die die Aufgaben auf ihre wissenschaftstheoretischen und 
methodologischen Aspekte hin überprüfen. 
Es sollte jedoch ausgedrückt werden, daß interdisziplinäre 
Arbeit im allgemeinen nicht sehr effektiv und kostspielig 
ist. Klar strukturierte aufgäbenbezogene, zielorganisierte 
Projekte können ein Weg sein, die Effektivität zu er- 
höhen (7). 
Führungstechniken, die auf dem Gebiet der Luft- und 
Raumfahrt entwickelt wurden, haben gezeigt, daß im 
Zusammenhang mit klar definierten Zielen verschiedene 
Disziplinen sehr effektiv zusammenarbeiten können. 
Leistungsspezifizierung städtischer Bestandteile (Elemente) 
und Entwurf von Verknüpfungssystemen als vordringlichste 
Aufgabe nn 
Die Technik hat heute durch funktionelle Veralterung die 
Abnützung als Hauptantrieb der Veränderung ersetzt. Lange 
Lebensdauer wird zu Gunsten einer hohen Funktions- und 
Leistungsfähigkeit sowie Verlässlichkeit aufgegeben. 
Die wirkliche Aufgabe für den Städtebauer ist die Aufstel- 
lung von Leistungskriterien für den städtischen Bereich oder, 
um es anders auszudrücken, die Leistungsfähigkeit des 
städtischen Systems zu entwerfen. Das Output des Systems, 
das manchmal als "städtische Form" falsch bezeichnet wird, 
ist ein zufälliges Ergebnis der Leistungsfähigkeit eines 
Systems zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. 
Städtebauausbildung mit dem Ziel, städtische Elemente 
hoher Leistungsfähigkeit zu entwerfen, könnte effektivere 
Ergebnisse bringen als der gegenwärtige Versuch, komplexe 
städtische Systeme ohne ausreichende Daten und Kontrollen 
zu entwerfen. Es ist lächerlich, zu versuchen, ein Straßen- 
system zu entwerfen, ohne harte Tatsachen über das Einzel- 
element - das Automobil - zu kennen. Es ist ebenfalls 
nutzlos, neue komplexe städtische Systeme zu entwerfen, 
ohne wohldefinierte Gedanken zu den Leistungscharakte- 
ristiken oder durch neues Arrangieren veralteter Elemente. 
Der Städtebauer ist an der Leistungsspezifikation städtischer 
Bestandteile (Elemente) interessiert als der Hauptvoraus- 
setzung für den Entwurf des Gesamtsystems der neuen 
Elemente. Eine weitere Konzeptionsänderung, die Städtebau 
relevant macht für unsere Epoche, ist, antwortende Systeme 
zu schaffen. Das ist, was Warren Brodey "soft architecture" 
oder "intelligent environment" nennt. Ein Bestandteil eines 
städtischen Systems, der aktiv antwortet auf die Forderung 
des Benutzers, ist einem statischen Gebäude überlegen, 
das nur in vorprogrammierter Weise benutzt werden kann. 
Die Qualität eines Environments kann angesehen werden 
als seine Fähigkeit, auf Benutzerforderungen zu antworten 
und Antworten von seinen Benutzern zu erzeugen (7). 
ARCH +2 (1969) H.5
	        

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