Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

sind, die andererseits aber mit Leidenschaft gegen die 
drohende kulturelle Wandlung abgeschirmt werden müssen. 
Dabei handelt es sich bei den ewigen Werten meist um 
herkömmliche Formen der Behandlung der Probleme von 
Konkurrenz und Konflikt sowie um Faustregeln der Ent- 
scheidung in Situationen mit unvollständiger Information. 
Und schließlich treffen wir auf die alle Fragen abschließende 
Prognose, daß ohnehin alles im wesentlichen gleichbleiben 
wird. Neues sei prinzipiell nicht zu erwarten, alles sei 
schon einmal dagewesen. Daß gerade diese wohl gewagteste 
Prophetie im vollen Widerspruch zu Vernunft und Erfahrung 
noch immer Zustimmung und Gefolgschaft findet, läßt sich 
nur aus einer fast schon neurotischen Zukunftsabwehr er- 
klären. 
Dabei ist auch ein anderer Sachverhalt interessant: Die 
große Mehrzahl der Utopien, in denen technisch völlig 
umgestaltete Welten konzipiert werden, lassen diese Welten 
von Menschen bewohnt sein, deren Motive, Gefühle und 
Erwartungen ungefähr für die Zeit zwischen 1930 und 1950 
charakteristisch waren. 
Keineswegs zufällig handelt es sich hier um die Periode, 
in der die science fiction-Schreiber selbst ihre Überzeu- 
gungen hinsichtlich der "menschlichen Natur" erworben 
haben. Nur selten berücksichtigen technikzentrierende 
Zukunftsprognosen, daß sich die Menschen der modernen 
Gesellschaft in kurzen, genau überschaubaren Zeiträumen 
sogar physisch weitgehend gewandelt haben, so daß sich 
das Vitalschicksal jetzt Heranwachsender von dem unseren 
bereits sehr erheblich unterscheidet. 
Die Vernachlässigung dieser Erkenntnis ist um so erstaunli- 
cher, als die so folgenreichen Lebenstatsachen 
- der Beschleunigung der physischen Reifung 
- des immer später einsetzenden Klimakteriums sowie 
der rasch zunehmenden durchschnittlichen Lebenser- 
wartung 
nur schwer zu übersehen sind. 
Alle drei Wandlungsprozesse erschließen sich bei hinrei- 
chender Wachheit und Aufgeschlossenheit sogar der un- 
mittelbaren Lebenserfahrung heute 50- bis 60iähriger 
Menschen. 
Es ist sozialpsychologisch aufschlußreich, daß die visionäre 
Extrapolation technelogischer Möglichkeiten sich oft genug 
einem extremen Konservativismus im Denken über den 
Menschen, die unmittelbaren menschlichen Beziehungen 
und zum Teil auch über die sozialen Ordnungen verbindet. 
Recht bedenklich aber ist es, daß nur wenige technomorphe 
Zukunftsmodelle eine zunehmende Demokratisierung und 
Humanisierung der Arbeitswelt, der politischen Entschei- 
dung und der Herrschaft erwarten. Viel häufiger wird eine 
Herrschaft kleiner technologischer und machtmäßiger Eliten 
erwartet, die ihren Platz auf den Kommandoebenen der 
Gesellschaft dadurch sichern, daß sie die Urteils- und 
Kritikfähigkeit.der Beherrschten immer mehr unterdrücken, 
dafür aber weitgehende Sicherheiten des Konsums und der 
Bedürfnisbefriedigung garantieren. Die. drohende Vision des 
autoritär gelenkten oder gar von Robotern beherrschten 
Ameisenstaates und das Bild der technologisch perfekten 
Gesellschaft willenloser Konsumidioten unter der Herrschaft 
asketischer Techniker der Macht dürfte in vielen Fällen 
die Aufgabe der Warnung und des human motivierten Appells 
haben. Entscheidend aber ist doch, wie die Alternative 
aussieht. Wenn diese Alternative als halbe Rückkehr zu 
vorindustriellen Lebensformen, als eine antitechnisch inten- 
tionierte "Kultur der Stille" (Marcuse) oder als starres 
Festhalten der heutigen Ordnung vorgestellt wird, besteht 
ihre einzige Wirkung darin, daß sie den Menschen von 
heute und morgen die Lähmung durch ein unglückliches 
Bewußtsein verschafft. 
So kann die Alternative nur in einem entschlossenen Voraus- 
denken und im systematischen Aufsuchen der Ansatzpunkte 
bestehen, von denen aus die Entfaltung humaner Lebens- 
formen auf der Basis einer gewaltig erweiterten technischen 
Daseinsbeherrschung wirksam begünstigt werden kann. 
Hierzu aber ist zunächst die Sammlung eines vielfältigen 
Wissens erforderlich. In diesem Zusammenhang haben wir 
vor zwei Jahren 200 Experten der Bundesrepublik und der 
USA aus unterschiedlichen Lebensbereichen zur Wahr- 
scheinlichkeitsbeurteilung von 124 Einzelprognosen ver- 
anlaßt. Ähnliche prognostische Analysen wurden bei Archi- 
tekten, bei Werbefachleuten, bei Studenten und bei 
Gymnasiasten durchgeführt. 
Die hierbei gewonnenen Ergebnisse vermitteln aufschluß- 
reiche Einsichten, wenn man jeweils die prozentuale 
Realisierungswahrscheinlichkeit berücksichtigt, die der 
Einzelprognose beispielsweise von der Gruppe der 200 
Experten zugesprochen wird. 
Hier nun zunächst Beispiele für Prognosewahrscheinlich- 
keiten, die sich auf vitale Aspekte des Daseins beziehen: 
Mehr als 65 % Wahrscheinlichkeit wird für das Jahr 1990 
folgenden Prognosen zugesprochen: 
Die Ersetzung natürlicher durch künstlich hergestellte 
Organe ist zu einer Routineoperation geworden 
Die Mehrzahl aller Patienten leidet an psychosomatischen 
Störungen 
Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt in den 
europäischen Ländern etwa einheitlich 85 Jahre 
In allen Sportdisziplinen werden Hochleistungen erreicht, 
die man vor 10 Jahren für biologisch nicht möglich hielt 
sowie 
Krebs wird durch sichere Heilmittel beherrscht. 
Demgegenüber lautet das Expertenurteil bei folgenden Pro- 
gnosen auf weniger als 30 % Eintrittswahrscheinlichkeit: 
- Die Menschen sind allgemein heiterer und unbelasteter 
als in den 60er Jahren 
Das Interesse an Gesundheit ist so stark geworden, daß 
kaum noch geraucht und getrunken wird 
Puritanische Haltungen setzen sich in Lebensführung und 
zwischenmenschlichen Beziehungen durch. 
Die zweite Dimension des Testprogramms gesamtgesellschaft- 
licher Prognosen bezog sich auf die Bereiche der normativen 
Verhaltensstabilisierung, der Lebenssinngebung sowie der 
Ordnung zwischenmenschlicher Beziehungen. 
Hier sind folgende Prognosen mit durchschnittlich 70 % 
geschätzter Eintrittswahrscheinlichkeit hervorzuheben: 
- Enthemmende, ruhigstellende und euphorisierende 
Mittel werden von der Mehrzahl der Menschen laufend 
benutzt 
Geistige Werte, Selbstbeherrschung und persönliche 
Distanz haben gegenüber Zielen wie Lebensgenuß, Ge- 
sundheit oder Bequemlichkeit stark an Bedeutung ver- 
loren 
Das Interesse an geistigen Gehalten und literarischen 
Leistungen ist nur noch auf kleine Menschengruppen 
beschränkt 
ARCH +2 (1969) H.5
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.