Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Die Funktion der Wohnung im Lebenskreis des Menschen 
wird künftig entscheidend dadurch bestimmt, in welchem 
Grade und zu welchem Anteil die quantitativ zunehmende 
freie Zeit innerhalb oder aber außerhalb der Familie erlebt 
und gestaltet wird. 
Es ist durchaus denkbar, daß sich als Gegengewicht zu der 
durch die Bedingungen der modernen industriellen Gesell- 
schaft forcierte Wachheit und Rationalität der Verhaltens- 
orientierung bei einem erheblichen Teil der Menschen eine 
wachsende Wertschätzung des privaten Wohnbereichs durch- 
setzt. 
Dabei kommt es entscheidend darauf an, was künftig der 
Erlebnis- und Aktionsgehalt der "Privatheit" sein wird. 
Bisher war der erlebte und gestaltete Inhalt der Privatheit: 
gemeinsames Essen und Schlafen, passiv-rezeptives Ver- 
halten (Fernsehen) und ein erholsames und (regressives) 
Sichgehenlassen, das durch die Verpflichtung zu "reprä- 
sentativer'" und statusorientierter Geselligkeit regelmäßig 
in Abständen mehr oder weniger gestört wurde. 
Demgegenüber könnte Privatleben künftig zu einer eher 
aktiven Kompensation der weiter zunehmenden Versach- 
lichung und Rationalisierung der Berufswelt werden. Dabei 
dürften Spiele für Erwachsene - nicht mehr nur Skat, 
Romme und Kanasta - wichtig werden. Aber auch spiele- 
risch-kreatives Verhalten, wozu das häufige gemeinsame 
Ausschmücken und Umbauen der Wohnung gehören dürfte. 
2. Die künftige Wohngestaltung wird davon abhängig sein, 
welche Funktionen in Zukunft die Familie für die Thema- 
tisierung und den Ablauf des Lebens haben wird. 
Der Übergang von der bäuerlichen Großfamilie zur modernen, 
großstädtischen Kleinfamilie (Eltern mit durchschnittlich 
zwei Kindern) kann für die Industrienationen bereits heute 
als abgeschlossen gelten. Ein tiefgehender Wandel der 
Lebensorientierung und der persönlichen Zielwerte hat 
sich im Gefolge dieser Entwicklung vollzogen. Aber nicht 
nur die Größe der Familie, sondern vor allem das Gefüge 
der sich ergänzenden familiären Rollenmuster, die das 
Verhalten der Familienmitglieder untereinander bestimmen, 
befinden sich in einem tiefgehenden Wandlungsprozeß. 
Hier ist auf die hohe Abwesenheitsrate der Väter, vor allem 
aber auf die zunehmend häufige Berufstätigkeit der Mütter 
hinzuweisen (wahrscheinlich wird sich der Prozentsatz 
berufstätiger Mütter von gegenwärtig etwa 30 % von Jahr- 
zehnt zu Jahrzehnt um 10 bis 15 % steigern). Auch die 
Wohnraumplanung trägt diesen Tatsachen bereits seit 
Jahren mit Selbstverständlichkeit Rechnung. 
Es ist durchaus denkbar, daß die Wohnung durch das immer 
Häufigerwerden der Abwesenheit der Eltern und durch 
frühere Selbständigkeit”der-Kinder (Beispiel: Schweden 
heute) für viele Menschen zu einer emotional neutralisierten 
Schlafstätte wird, während sich ein erheblicher Teil des 
bisherigen Privatlebens in neuen Formen zwischenmensch- 
licher Kommunikation und unter erweiterten institutionellen 
Rahmenbedingungen in einer Art "Privat-Öffentlichkeit" 
vollziehen wird. Die Wohnung als Daseinsraum der Familie 
würde dann für einen erheblichen Teil der Menschen - 
neben dem gemeinsamen Frühstücken und Schlafen - vor- 
wiegend bei außeralltäglichen Anlässen bedeutungsvoll 
werden. 
Gleichfalls möglich ist es jedoch, daß die Erleichterung 
normativer und sozioökonomischer Zwänge dem Familien- 
leben neue Funktionen und vor allem eine neue Spontaneität 
verleiht und beispielsweise die Kinder wesentlich wichtiger 
werden läßt, als dies heute faktisch meist der Fall ist. 
3. Vor allem aber dürfte die Wohngestaltung in starkem 
Maße von der Rolle abhängen, die die Frau in der künftigen 
Gesellschaft übernimmt, bzw. die ihr zugebilligt wird. 
Es spricht viel dafür, daß die traditionelle Lebenssinn- 
gebung weiblichen Daseins ("die drei großen Ks") schon 
heute von ihrer bis tief in die Nachkriegszeit fast unbe- 
strittenen Akzeptierung von ihrer faktischen Motivations- 
kraft viel eingebüßt hat. 
David Riesman hat gezeigt, daß die spezifisch weiblichen 
Ideale, Zielwerte und Formen der Erziehung kaum die 
Erwartung eines selbständigen und schöpferischen Verhaltens 
weiblicher Personen ausdrücken. Diese repressive Deutung 
der Rolle der Frau aber war es hauptsächlich, die ihr den 
häuslichen Bereich als primäres Feld der Selbstverwirkli- 
chung und Entfaltung zugewiesen hat. Wenn der römischen 
Patrizierin als höchstes Lob auf den Grabstein geschrieben 
wurde: "Sie blieb im Hause und spann Wolle", so ist dies 
im Erleben und Denken der Menschen noch nicht so lange 
vergangen, wie es der große zeitliche Abstand erwarten 
1äßt. 
Mit der sich immer mehr manifestierenden Aufgeschlossen- 
heit gegenüber lebenspraktischen Resultaten der technischen 
und wissenschaftlichen Entwicklung kontrastiert eine weit 
konservativere Haltung in bezug auf die Entwicklungen 
und Innovationen im Bereich des Wohnens und Zusammen- 
lebens, in denen Wandlungen der gesellschaftlichen 
Institutionen, Rollen und Zielwerte zum Ausdruck kommen. 
Noch für längere Zeit werden die tiefgehenden Spannungen f- 
fortdauern, die zwischen den unsere Gesellschaft bestim- 
menden wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen 
Fortschritten einerseits und der Selbstinterpretation der 
Gesellschaft sowie der Selbstdeutung des einzelnen in dieser 
Gesellschaft bestehen. Diese Tatsache wird unter anderem 
durch die äußerst zurückweisende Einstellung vieler 
Menschen gegenüber jeglichen Bestrebungen dokumentiert, 
die sich auf eine Veränderung in den Bereichen des Städte- 
baus, der Wohnraumgestaltung, ja der Stilformen der 
Möblierung beziehen. 
In diesen Zusammenhang ist auch die gegenwärtig im 
Massenkonsum sich abzeichnende Abwendung vom Funk- 
Honalismus in der Gestaltung von Möbeln oder die 
Rückwendung zum Jugendstil einzuordnen. Hier melden 
sich starke Tendenzen an, auch die Gestaltung des 
Wohnens einmünden zu lassen in die Schaffung einer Art 
von Kontrast- und Gegenwelt gegen eine vielfach als 
übersachlich und überrational empfundene Wirtschaft, 
Technik und Wissenschaft. 
Dem entspricht, daß technisch realisierbare und in naher 
Zukunft sehr wahrscheinlich auch zwingend erforderliche 
Projekte, wie etwa der Bau von Städten auf künstlichen 
Inseln, Raumgitter und künstliche Wohngebirge, Städte 
als Gehänge aus Wohncontainern in affektiven Reaktionen 
als völlig utopisch und undenkbar zurückgewiesen werden. 
Und dies obwohl einige dieser Planungen - wie beispiels- 
weise unterirdische Bauten in Japan und Schweden - 
bereits in Angriff genommen worden sind. Auch Versuche 
mit aufblasbaren Gebäuden bis hin zu einer "Pneu-world" 
erscheinen der Majorität irrigerweise als groteske Spiele- 
reien. 
ARCH +2 (1969) H. 5
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.