Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

tion mit mehreren Auftraggebern. Es handelt sich 
hier meist um Leistungen, die sich durch ihre Pro- 
jektgebundenheit zeitlich und inhaltlich begrenzen 
lassen, während die industrieeigenen Abteilungen per- 
manent produktionsbegleitend tätig sind und Planungs- 
stäbe der Bundes-, Länder- und Kommunalbehörden 
langfristig konstante Aufgaben zu erfüllen haben, 
Als fungibles technisch-wissenschaftliches Arbeits- 
potential, häufig in personell und fachlich flexibler 
Zusammensetzung, erstreben die Ingenieur-, Archi- 
tektur- und Planungsbüros nach außen längerfristige 
oder konstante Kooperationsverhältnisse. Im Prinzip 
halten sie sich aber für eine Gesamtheit potentieller 
Auftraggeber bereit, und es ist diese formale Stellung 
außerhalb der entscheidungssetzenden Systeme, die 
in vielen ihrer Mitglieder die Illusion erweckt, sie 
könnten unparteiisch und normativ zugleich tätig sein, 
gewissermaßen als Instanzen oberhalb der Interessen- 
gruppen. 
Dabei ist besonders jenen "freien Planungsgemein- 
schaften'', zu deren Aufgabenbereich es gehört, Vor- 
schläge für die Organisation und Gestaltung von ''Um- 
welt'' zu liefern, durchaus klar, daß wissenschaftli- 
che Neutralität und technische Rationalität als Arbeits- 
prinzipien nicht ausreichen. Wo sich technical und 
human engineering mischen, wie es in der Stadtpla- 
nung als Sozialplanung der Fall ist, wird eine allge- 
meine gesellschaftspolitische Relevanz - wenn auch 
nicht die Tragweite - solcher Tätigkeit zwangsläufig 
den Beteiligten bewußt. Wenn aber Verbesserungsvor- 
schläge und Reformideen, in den Planungsbüros pro- 
fessionell erzeugt, nicht nur Produktionsanlagen und 
Produkte, sondern auch noch die Organisation ge- 
sellschaftlicher Verhältnisse betreffen, dann steht 
fest, daß sich ihre Erzeuger nicht nur als Technolo- 
gen, sondern ebenfalls als Träger sozialer Konzepte 
auf dem Markt anzubieten haben. 
Mithin unterstellen sie sich der Selektion des poten- 
tiellen Käufers. Das Angebot wird durch die Nachfrage 
modifiziert, Hier nützt kein Schielen nach dem Unter- 
laufen der Akquisition und der vermeintlichen Chance, 
die Absicht politischer Veränderung per Gutachten ins 
Werk zu setzen: für insgeheime und unerwünschte In- 
tentionen des beauftragten Teams steht an der zweiten 
Schwelle sozialer Kontrolle immer noch ein Papier- 
korb bereit. So muß das Konzept der Beauftragten, 
statt fremde Interessen zu integrieren, seinerseits 
den Absichten des Auftraggebers einverleibt werden, 
Worauf beide Teile sich einigen müssen, wenn eine 
Zusammenarbeit zustande kommen soll, ist das Ver- 
hältnis von Programm und erwartetem Nutzen, von 
Aufwand und Effekt. Dieser Nutzen kann auf recht 
unterschiedlichen Ebenen erwartet werden - als di- 
rekter Profit durch die Produktion, als Verbesserung 
der Infrastruktur, als Stabilisierung bestehender Pro- 
duktionsverhältnisse. 
’Reformhaus’ im Verwertungszusammenhang 
Ein Beispiel für direkte Profitsteigerung aus Planungs- 
vorteilen, die dem baulichen Reformkonzept des Ser- 
vice-Hauses innewohnen, gibt das Arabella-Haus in 
München, dessen Projektant Josef Schörghuber sich 
nicht scheut, die Motive der Progressivität zu nen- 
nen: 
Frage: Das Arabella-Haus, das zur Zeit gewiß größte 
und komfortabelste Gemeinschafts-Wohnhaus in der 
Bundesrepublik, Herr Schörghuber, ist nach Ihren 
Vorstellungen konzipiert worden. Was hat Sie beein- 
flußt, ein derartiges Mammutbauwerk zu errichten? 
Gab es für Sie Vorbilder? 
Schörghuber: Für die Größe zeichnen wir nicht, das 
ist eine Sache der Stadtplanung. Für die Art der Nut- 
zung dieses großen Komplexes darf ich sagen, daß wir 
da sehr wohl zeichnen, daß also die Idee schon seit 
Jahren bestand, daß wir ein Haus, das dem Wohnen 
eher im Sinne des Hotelwohnens entspricht, konzipie- 
ren wollten, und es kam uns sehr gelegen, daß wir ein 
großes Objekt gefunden haben, weil sich diese diversen 
Funktionen von Wohnen und Hotelwohnen und Restau- 
rants nur in einem sehr großen Haus funktionell rich- 
tig und proportionell richtig verwirklichen lassen. 
Frage: Und als Sie dieses Haus planten, spielte die 
Installierung sogenannter Gemeinschaftseinrichtungen 
eine Rolle? Sie dachten da sicher zunächst auch an 
eine Art Hotelbetrieb, an einen Restaurant-Service, an 
viele Geschäfte. Ich frage Sie, wo sind diese Vorstel- 
lungen nun verwirklicht, und nehmen die Hauseinwoh- 
ner an diesen Gemeinschaftseinrichtungen entsprechend 
teil? 
Schörghuber: Die Mieter nehmen vielleicht nicht an 
allen Einrichtungen erwartungsgemäß teil. Ich kann 
natürlich auch nicht verlangen, daß ein Mieter unbe- 
dingt zum Arzt geht, wenn ihm nichts fehlt. Aber der 
Arzt ist nun in diesem Haus greifbar und da, er wohnt 
unter demselben Dach, Kliniken sind da usf. - er kann 
sich hier versorgen, und es ist ja der Gedanke der 
Liberalität in diesem Haus groß geschrieben: er kann 
- aber er muß nicht. Das ist das Entscheidende, glau- 
be ich, Während natürlich gewisse Grenzen gesetzt 
sind im Hotelleben - er hat keine Küche im Hotel, er 
hat vielleicht keinen Kühlschrank im Hotel - hat er bei 
uns die Wahl, täglich die Wahl, ob-er in eines der drei 
Restaurants geht oder ob er nun in seiner eigenen Kü- 
che sein Frühstück macht oder sein Essen bereitet. 
Frage: Herr Schörghuber, diese Gemeinschaftsein- 
richtungen, die nun vorhanden sind, scheinen mir 
aber stark kommerzialisiert, denn es gibt nicht etwa 
so etwas wie ein allgemein zugängliches Fernsehzim- 
mer oder einen allgemein zugänglichen Saal oder einen 
Club etwa, sondern man ist immer darauf angewiesen, 
stark kommerzialisierte Geschäfte zu besuchen. 
Schörghuber: Ja, vergessen Sie nicht, daß wir nicht 
ein Haus in einer großen Siedlung sind. Wir sind ein 
Haus oder, besser gesagt, ein Hotel, und wir möchten 
die Idee, die Sie gerade bringen, wie z.B. Gemein- 
schaftssaal, die möchten wir gar nicht groß verfolgen. 
Wir wissen aus der Erfahrung - aber da nicht bei uns 
daß Gemeinschaftseinrichtungen, wo sich also Leute 
in ein Zimmer setzen und gegenseitig anschauen und 
vielleicht stricken, die treffen nicht die Sache. Wir 
stehen auf dem Standpunkt, daß wir weder durch Ein- 
richtung noch durch Vertrag noch durch sanften Zwang 
den Mieter zu irgendeiner Gemeinsamkeit oder Haus- 
gemeinschaft zwingen wollen. Er soll sich frei fühlen 
24 Stunden am Tag, und er tut es, soviel wir wissen, 
auch. 
ARCH-+ 3 (1970) H. 11
	        

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