"Demokratie" und "Technokratie" werden hier bewußt
als ideologische Begriffe verstanden.
Marcuse sagt, die Technokratie liefere die "... große
Rationalisierung der Unfreiheit, sein Leben selbst zu
bestimmen. Denn diese Unfreiheit ... erscheint als
Unterwerfung unter den technischen Apparat, der die
Bequemlichkeiten des Lebens erweitert und die Arbeitsproduktivität
erhöht" (38). Diese Unterwerfung scheint
nicht mehr auf der Grundlage des traditionellen Klassenkampfes
aufgehoben oder verhindert werden zu können,
da der im Hinblick auf ihre ökonomischen Interessen
definierten "Klasse" (des Proletariats) nicht nur mit der
Steigerung des Lebensstandards und Arbeitsproduktivität
die traditionelle Organisationsbasis entzogen werde (wie
Rapaport feststellt), sondern auch deshalb, weil ein über
neue Manipulationstechniken forcierter Identitäts- bzw.
Loyalitätsdruck die alten Klassengegensätze zunehmend
verschleiert.
Als Ziel einer Demokratisierung sei die Emanzipation der
Individuen definiert als ein permanenter Befreiungsprozeß
von der Herrschaft der Menschen (bzw. Apparate)
über Menschen. Das Ergebnis eines gesellschaftlichen
Emanzipationsprozesses ist nicht planbar.
Habermas versteht unter Demokratie "...die institutionell
gesicherten Formen einer allgemeinen und öffentlichen
Kommunikation, die sich mit der praktischen
Frage befaßt: wie die Menschen unter den objektiven
Bedingungen ihrer immens erweiterten Verfügungsgewalt
miteinander leben können und wollen" (39). (Dabei
interpretiere ich die "institutionell gesicherten Formen"
als das Schaffen von Freiräumen, in denen Emanzipation
möglich wird; Emanzipation selbst 1äßt sich natürlich
nicht institutionell sichern.) Demokratie wird nicht durch
Technik als solche ausgeschlossen. Entscheidungen über
den Einsatz und die Nutzanwendung technischer Potentiale
muß vielmehr der demokratischen Willensbildung
und der gesellschaftlichen Kontrolle zugänglich gemacht
werden, wobei die verhärteten institutionellen Deligationssysteme
einer repräsentativen Demokratie aufgeweicht
werden müssen. Marcuse betont deshalb, daß Emanzipation
nur möglich sei, "... wenn die indirekte Demokratie
des korporativen Kapitalismus’ " durch die "direkte Demokratie,
bei der Wahlen und Repräsentanz nicht mehr
als Institutionen der Herrschaft dienen", ersetzt werden
(40).
Demokratisierung des Planungsprozesses
bedeutet dann, daß für den am Planungsprozeß beteiligten
und von der Planung betroffenen Bürger die Möglichkeit
und Fähigkeit der autonomen Verfügung über die
den individuellen Habitus bestimmenden Umweltfaktoren
zum Prüfstein zweckrationalen Handelns gemacht werden.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Anspruch, innerhalb
des "Subsystems zweckrationalen Handelns" optimale
Verfahren zur optimalen Befriedigung gesellschaftlicher
Bedürfnisse zu entwickeln, dann emanzipationsfeindlich,
wenn diejenigen, deren Bedürfnisse befriedigt
werden sollen, von den Entscheidungen über Maßnahmen
zur Bedürfnisbefriedigung ausgeschlossen werden.
Ein scheinbar noch so demokratisches Planungsergebnis,
mit demokratisierungsfeindlichen Methoden aus dem
Repertoire positivistischer Handlungswissenschaften erzeugt,
genügt der oben dargestellten Maxime zweckrationalen
Handelns im demokratisierten Planungsprozeß
nicht: Scheinmöglichkeiten zur Demokratisierung
mit diesen Methoden anzubieten bedeutet, die Fähigkeiten
zu demokratischem Verhalten unterdrücken.
Der naive Versuch, aus pragmatischem Ansatz unreflektiert
Fähigkeiten demokratischen Verhaltens einzuüben,
genügt der oben dargestellten Maxime ebensowenig:
Das Spiel mit den Verplanten domestiziert emanzipatorische
Forderungen, die aus dem Bewußtsein der
Hilflosigkeit gegenüber den herrschenden gesellschaftlichen
Gewalten entstehen könnten.
Teil B
BEISPIELE DER "NUTZERBETEILIGUNG" AM
PLANUNGSPROZESS
(Citizen Participation und Advocacy Planning
in den USA)
Im folgenden Teil der Arbeit sollen auf der Grundlage
der vorangegangenen theoretischen Darstellungen Beispiele
der "Nutzerbeteiligung" am Planungsprozeß als
"Versuche zur Demokratisierung" erörtert werden.
Il. "Citizen Participation” und "Advocacy
Planning"
In Europa beschränken sich, soweit mir bekannt ist, die
Ansätze und Modelle der "Nutzerbeteiligung am Planungsprozeß'"
noch vorwiegend auf "Laboratoriumsversuche",
unter denen die Planspiel-Simulationen (41)
wohl zu den fortschrittlichsten zählen.
In den Vereinigten Staaten werden dagegen seit einigen
Jahren Versuche unternommen, die von der Planung Betroffenen
aktiv am Planungsprozeß zu beteiligen - citizen
participation. Dabei artikuliert sich zunehmend ein
neues Selbstverständnis von Planern und vor allem Soziologen,
die sich als Anwälte der Betroffenen in einer
pluralistischen Gesellschaft begreifen - advocate planner.
Bevor ich anhand einiger, dem AIP-Journal entnommener
Berichte auf Probleme der citizen participation und
advocacy planning eingehe, sei noch auf eine Einschränkung
hingewiesen in der Übertragbarkeit der dargestellten
Thesen und Projekte auf die Verhältnisse in der BRD: In
den USA konzentriert sich die citizen participation vornehmlich
auf slum-clearing-Projekte, also auf die Sanierungsprobleme
großer amerikanischer Städte. Diese
Art der Planungsprobleme ist stark verflochten mit den
spezifischen Ursachen inneramerikanischer Konflikte wie
Korruption in der Bauwirtschaft, Rassismus, Bürgerrechtsund
Armenbewegung.
1.1 Citizen Participation Strategies (Burke) (42)
E.M. Burke versteht citizen participation als nationalen .
demokratischen Auftrag, der Tradition der amerikanischen
Demokratie verpflichtet. Die Problematik der Bürgerbeteiligung
sei gekennzeichnet durch die Diskrepanz der
geforderten Konkretion des Bürgerrechts auf Mitbestimmung
einerseits und andererseits durch das bislang Experten
vorbehaltene "Sachwissen'", das die kompetente
Mitbestimmung aller Beteiligten erschwere.
Zur Überwindung dieser Diskrepanz untersucht er aus
seinem scheißliberalen Blickwinkel fünf citizen partici-ARCH+
3 (1970) H. 9