Volltext : Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 43, Bd. 2, 1883)

565
Ueber die Beseitigung und Verwerthung der
Abfallstoffe in den Städten.
(Hierzu 2 Fig.)
Die verschiedenen Vorschläge, welche man behufs Beseitigung
der Unrathstoffe in den Städten gemacht hat, und die Versüche,
welche in größerem Maßstabe mit dem einen oder andern System
angestellt sind, haben keineswegs diese hochwichtige Frage zu lösen
verstanden. Die hartnäckigen Kämpfe, welche verschiedenen Orts
geführt worden sind, ob Kanalisation, Abfuhr, Ueberrieselung,
Fäcalstoff-Fabriken, haben, selbst wenn auch einer oder der anderen
Methode zum Sieg verholfen wurde, um so mehr Widersacher
gefunden. Der Kampf wurde namentlich in Berlin so heftig ge—
führt, daß, wo die sachlichen Motive nicht ausreichen wollten, man
politische in den Vordergrund schob. Dies hätte wan eigentlich
wohl gar nicht nöthig gehabt, die einzelnen Methoden selbst bieten
so viel Angriffspunkte, daß eine sachliche Erörterung ausreichende
Momente giebt, um seine Position zu dem einen oder andern
System einzunehmen. Dem unbefangenen Beurtheiler werden die
Meinungen, welche in der Presse ihren Ausdruck in Verurtheilung
des in Berlin eingeführten Schwemmkanalisations-Systems mit
Ueberrieselung großer Flächen fanden, unbegreiflich erschienen sein,
da die Vortheile, welche die Kanalisation in den von derselben
okkupirten Stadttheilen für Auge und Nase bot, offenkundig waren;
außerdem noch das Bild der Verwandlung der so viel verschrieenen
sandigen Umgebung Berlins mit der Zeit in einen fruchtbaren
Garten verlockend erscheinen müßte, selbst wenn die Sache auch
etwas kostspielig sein sollte. Nachdem aber von verschiedenen be—
theiligten Seiten Klagen über die Nachtheile, welche die Kanalisa—
tion durch die abfließenden Rieselwässer herbeiführte, immer mehr
laut wurden, fühlte sich auch die obere Behörde veranlaßt, sich
näher mit der Wirkung der Schwemmkanalisation mit Ueberrieselung
und deren Folgen zu beschäftigen. Sie sandte einen Kommissar
in mehrere Städte, in welchen das Rieselsystem eingeführt ist, um
dort die Wirkung zu studiren. Es stellte sich nun heraus, daß,
wie z. B. in DTanzig, die Ueberrieselung durchaus zu keinen Klagen
Veranlassung gab, vielmehr dieselbe zum Segen für die Stadt
gereicht, indem aus einer unfruchtbaren Düne am Meeresstrande
unweit der Stadt ein fruchtbarer Garten geschaffen ist, welcher
die Stadt mit seinen Produkten an Gemüsen versorgt. Die Unter—
suchung des Rieselbodens ergab durch Augenschein, daß die Ueber—
rieseluig eine Wirkung bis 3 Fuß unter Oberfläche ausgeübt
hatte, überschüssiges Rieselwasser fast gar nicht vorhanden war,
sondern, soweit dasselbe nicht verdunstete, durch den äußerst durch—
lässigen sandigen Dünenboden fortsickerte. Die Anlage entsprach
also den daran gestellten Anforderungen. Wenn man nun einen
Schluß daraus ziehen wollte, daß die Ueberrieselung auch bei
inderen Städten, in deren Nähe Sandboden ist, zweckentsprechend
anzuwenden sei, so dürfte dies an der Hand der in Berlin ge—
machten Erfahrungen falsch sein. Der Boden, der in Berlin zum
Zweck der Ueberrieselung ausersehen ist, scheint, obgleich seine
saändigen Eigenschaften nicht wegzuleugnen sind, für Ueberrieselungs—
zwecke ungeeignet, da er zu wenig durchlässig ist, was man daraus
ersehen kann, daß ein großes Quantum Rieselwasser in Flußläufe
abfließen muß. Eine Uebersättigung der Rieselfelder ist daher
theils schon eingetreten resp. bald zu erwarten. Die gehofften Ein⸗
nahmen aus den Erträgen der zu Rieselfeldern aptirten Flächen
sind überhaupt weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Eine
Abnahme der Rieseljauche von Seiten Privater, welche sich event.
auch an die Rieselfelder anschließen könnte, findet fast gar nicht statt.
Die umliegenden Landschaften wehren sich gegen das ihnen aus
dem Ueberfluß Berlins zufließende Rieselwasser.
Die Bewohner Berlins fangen an, bedenklich den Kopf zu
schütteln, namenilich, nachdem von Seiten der Regierung Einspruch
erhoben ist gegen weiteren Ankauf' von Rieselguͤtern von Seiten
der Stadt““), dessen Berechtigung allerdings von der Letzteren noch
nicht ganz anerkannt ist, wie ein Protest beweist, aber unserer
Anficht nach in so fern gerechtfertigt erscheint, als die umliegenden
Bewohner von Berlin auch ein Einspruchsrecht haben, wie ein
Besitzer, welcher sich über die ihm unbegueme Zuführung von
Rinnsteinwafser beklagen würde. ——
Da nun die groͤßen Vortheile, welche die Einführung der
Kanalisation mit Ueberrieselung bieten sollte, in den Augen der
Berliner Bürgerschaft sehr zusammengeschrumpft sind und auch
vom sanitären Standpunkte Bedenken erhoben werden, treten die
cnormen Kosten in den Vorderarund und fordern aebieterisch dazu

Ueber die Beseitigung und Verwerthung der Abfallstoffe in den Städten.

566

auf, Nichts unversucht zu lassen, was zur Klärung dieser An—
jelegenheit beitragen könnte. Es drängt sich hier von selbst die
Frage auf: ob das abfließende Rieselwasser der Mäiillionenstadt
nicht eine vortheilhaftere Verwerthung finden könnte, als bisher.
Es ist einleuchtend daß die Wahl des Landwirthes über das
Maaß und die Art und Weise der zu bedüngenden Felder eine un—
eingeschränkte und naturgemäße sein muß, und die rationelle Dün—
jung dem Boden diejenigen Stoffe wieder zuführen soll, welche
nan demselben durch seine Erträge entnommen hat, die Einschrän—
ung dieser freien Wahl aber zur lokalen Monopolisirung führt.
dieraus erklärt sich der Mißerfolg der Berliner Ueberrieselungs—
nethode, was die pekuniäre Seite anbetrifft. Die wirksamen
Ddüngemittel bestehen bekanntlich aus Stickstoff, Phosphorsäure
ind Kali, alles Uebrige ist Ballast. Diese Stoffe sind in allen
tädtischen Abfallstoffen in ausreichendem Maaße vorhanden. Alle
»xganischen Substanzen, also auch die der Abfallstoffe, sei es in
düchenabfällen oder Exkrementen bestehend, gehen sehr bald in
immoniakalische Zersetzung über, wobei die in denselben enthaltene
VBerbindung an Phosphorsäure und Kali in leicht lösliche Form
ibergeführt wird und sich ihr wichtigster Bestandtheil für die
Düngung verflüchtigt — der Stickstoff. Die ökonomisch ziemlich
verthlose Jauche infiltrirt zum Theil die Kanäle und kommt
chließlich als Rieselwasser zur Verwendung, in welchem bei Weitent
rnicht mehr die wichtigen Bestandtheile, welche durch den Ernäh—
rungsprozeß der Städtebewohner in die Abtͤallstoffe gelangt sind,
yorgefunden werden.“)
Betrachten wir nun auch die Frage der Entledigung der
tädtischen Abfallstoffe vom sanitären Standpunkt:
Es ist mit unwiderleglicher Gewißheit nachgewiesen worden,
)aß die Infektionskrankheiten durch Gährungs- und Fäulnißprozeß
des Blutes hervorgerufen werden, und zwar durch Eindringen von
Pilzen kleinster Art. Man unterscheidet hier drei Sorten von
Pilzen, die Schimmelpilze, welche den Vermoderungsprozeß,
zie Sproßpilze, welche den Gährungsprozeß, und die Spalt—
dilze, welche die Fäulniß bewirken. Zur Erregung von Infektions—
rankheiten sind nur die letzteren in Betracht zu ziehen. Das
Vorhandensein und Wesen dieser Pilze ist evident nachgewiesen
ind hat die Wissenschaft dieselben zu züchten verstanden und damit
ingestellte Versuche an Thierkörpern haben den zerstörenden Einfluß
uuf den thierischen Organismus nachgewiesen. Es ist anderweitig
'estgestellt, daß diese kleinen Pilze in sehr verdünnten Flüssigkeiten
»on selbst allmälig absterben, sicherer aber bei einer Temperatur
von 1200 Celsius getödtet werden, im trockenen Zustande dagegen
ils Staub äußerst gefährlich werden können.
Das Ansammeln der Abfallstoffe in den Senkgruben, das
Auspumpen und Verfahren derselben in Tonnen, Verarbeiten in
»esonders dazu angelegten Fabriken, sowie schließlich die Ueber—
iedelung beseitigen die Gefahr der Jufektion nicht. Bei auftre⸗
enden Seuchen werden durch diese Manipulationen nur die In—
ektionsstoffe verschleppt und ist das Personal, welches mit der
Dandhabung beauftragt ist, im nicht geringen Maaße der Ansteckung
ausgesetzt
Das pneumatische Verfahren, d. h mittelst Luftdruck in
Röhrenleitungen die Abfallstoffe bei luftdichtem Verschluß auszu—
hyumpen und die Stoffe weiterhin zu verfahren und zu verarbeiten,
»eseitigt die Gefahr der Infektion auch nicht ganz, abgesehen davon,
»aß durch die Verfrachtung der Abfallstoffe mit dem nöthigen
Quantum Wasser verhältnißmäßig ungeheure Kosten entstehen.
Eine Jauche, welche mehr als 6 bis 7 pCt. feste Stoffe enthält,
'ann durch gewöhnlichen Luftdruck, wobei höchstens 2/2 Atmosphäre
effektiver Luftdruck erreicht wird, in Röhren bei den gewöhnlichen
Reibungswiderständen nicht mehr befördert werden.
Die Versuche, welche man in Berlin mit dem Liernur'schen
System der Absäugung in Röhren gemacht hat, haben aus diesem
»der jenem Grunde zu keinem befriedigenden Abschluß geführt,
nöglicher Weise haben dieselben auch nicht das Entgegenkommen
er Behörde gefunden, da man sobald die Versuche eingestellt hat,
ybgleich doch in anderen Städten, wie z. B. in Amsterdam, dieses
SZystem eingeführt ist. Der gewöhnliche Luftdruck, welcher durch
eine Luftpumpe erzeugt werden kann, ist, wie schon bemerkt, nie
größer, als der Druck der athmospährischen Luft gegen das Vacnum
her Luftpumpe, welchen man eine Atmosphäre nennt und der nach
Abzug der Reibung nur etwan!/ beträat. Vielleicht ist in Amster—

*) Man nimmt an, daß die im Mittel entfallende Menge aus den
donsumariikeln pro anno und Kopf der Bepölkerung einer großen Stadt an
Stickstoff 6,42 kg, an Phosphorsäure 4,332 kg und an Kali 2,18 kg enthält
ind im Ganzen 284 xg Trockensubstanz ausmacht. Weitere Versuche haben
rgeben, daß nach Abzug der durch Transpiration und Aspiration verloren
egangene Stoffe ca. 228 Kg feste Stoffe zu beseitigen wären, welche durch
ʒie Linaliaridi mit ca. 98 vCt. Wasser vermischt zur Ableitung gelangen
dür de

*) Nuthe und Havel
**) Die Regierung hat Einspruch gegen Anlage weiterer Radialsysteme
ohne ihre Genehmtqung erhoben, nicht aeden den Ankauf von Rieselgütern.
ie Red.
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.