Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

bestimmt nicht durch die zur Erhaltung des indi- 
viduellen erwachsenen Arbeiters, sondern durch 
die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Ar- 
beitszeit." (37) Wenn aber die unproduktiven Dienste 
der Arbeiterfrau abgenommen werden (Kindertages- 
stütte, Waschsalon, Handwerker und elektrische 
Küchengeräte), wird ihre Arbeitskraft freigesetzt. 
"Die Arbeitskraft des Mannes wird in dem Maße 
entwertet, wie nicht mehr er allein, sondern ande- 
re Familienmitglieder ihre Arbeitskraft verkaufen. 
An die Stelle der "unproduktiven'' Dienste an sich 
selbst tritt Lohnarbeit für das Kapital." (38) "Der 
Ankauf der in 4 Arbeitskrüfte z. B. parzellierten 
Familie kostet vielleicht mehr als früher der An- 
kauf der Arbeitskraft des Familienoberhaupts, aber 
dafür treten 4 Arbeitstage an die Stelle von einem, 
und ihr Preis fällt im Verhältnis zum Vorschuß der 
Mehrarbeit der vier über die Mehrarbeit des einen. 
Vier müssen nun nicht nur Arbeit, sondern Mehr- 
arbeit für das Kapital liefern, damit die Familie 
lebe." (39) 
1.3.1.3 Ausdehnung des Einzugsbereiches der 
Zentren 
Eine wichtige Vorleistung zur Erhöhung der Zahl 
der Arbeitskräfte in den Zentren ist ein gut ausge- 
bautes Nahverkehrsnetz (40). Dies bezieht sich so- 
wohl auf die öffentlichen Verkehrsmittel als auf den 
Individualverkehr. 
Für die Verdichtungsräume stellen die ländlichen 
Gebiete Arbeitskraftreserven dar, die es zu er- 
schließen gilt. Der Manholtsche ''Gesundschrump- 
fungsplan der Landwirtschaft" sah für die Zeit von 
1958 - 73 im Bereich der EWG vor, daß die Hälfte 
der damaligen Bauern, 9 von 18 Millionen, die Land- 
wirtschaft verlassen müsse. In der BRD nahm die 
Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Ar- 
beitskräfte zwischen 1950 und 1970 von 5 auf 2,4 
Millionen ab, entsprechend 24,8 % und 8,8 % aller 
Beschäftigten (41). Die Agrarpolitik versucht die 
Bauern zu bewegen, dem drohenden Konkurs zu ent- 
gehen, indem sie ihre Betriebe freiwillig aufgeben 
oder nur noch als Nebenerwerbsbetriebe weiter be- 
wirtschaften und sich selbst, nach einer Umschu- 
lung, in den Zentren zu verkaufen. Verbesserte 
Verkehrsbedingungen in die Zentren sollen dem 
Bauern den Entschluß erleichtern, da er seinen Hof 
und die Dorfgemeinschaft nicht zu verlassen braucht. 
Das Kapital schätzt die landverdrängten Arbeits- 
kräfte sehr, weil sie, nach weit verbreitetem Urteil, 
über die Eigenschaften eines guten Arbeiters ver- 
fügen: kräftig und trainiert, fleißig, zuverlässig 
und bescheiden, ruhig, lernfähig und klug (42). Ne- 
ben den Arbeitskräften aus der Landwirtschaft rich- 
tet sich das Interesse der Kapitale in den Zentren 
auch auf die Arbeitskräfte, die in den ländlichen 
Kleinbetrieben beschäftigt sind. 
Erklärtes Ziel der Raumordnungs- und Städtebau- 
politik ist es, die Linie, von der aus man das Zen- 
trum in einer Stunde Fahrzeit erreichen kann, im- 
mer weiter hinauszuschieben. Maßnahmen, die in 
diese Richtung zielen, sind der Ausbau leistungs- 
fähiger Stadtstraßen, von Ring- und Tangentenstra- 
Ben und vor allem der AusfallstraBen. die Einfüh- 
1A 
rung von park-and-ride-Systemen; und die Verbes- 
serung des üffentlichen Nahverkehrs mit Schneller 
und pünktlicher Zugfolge. Zum letzten Punkt hebt 
der Stüidtebaubericht hervor, daB die Betriebskosten 
Teil der "strukturpolitischen Maßnahmen zur Stär- 
kung der Wirtschaftskraft" sind (43). 
Genauso, wie vor 100 Jahren der Bau der Berli- 
ner Ringbahn Voraussetzung für die Randwanderung 
der expansierenden Fabriken war, weil die Arbeiter 
erst durch die Ringbahn täglich die Fabrik errei- 
chen konnten (44), so heute der strahlenfórmige 
Ausbau der in die ländlichen Gebiete vorstoßenden 
Straßen und Schienen. 
1.3.1.4 Erhöhung des Wohn- und Freizeitwertes 
Für die Arbeitskraft, speziell die qualifizierte, 
verlieren tendentiell die alten Kriterien seiner 
Wohnortwahl an Gewicht. Während der Zeit der 
Arbeitslosigkeit galt es, überhaupt einen Arbeits- 
platz zu finden. Heute stehen häufig mehrere Ar- 
beitsmöglichkeiten zur Auswahl. Sind alle anderen 
Bedingungen gleich, gewinnt bei der Wahl das Kri- 
terium hoher geistiger und kultureller Attraktivität 
und großer baulicher und landschaftlicher Reize an 
Bedeutung. Regionen mit hohen sogenannten Wohn- 
und Freizeitwerten sind die Gewinner bei den Wan- 
derungsbewegungen. 
Die Zentren haben die Voraussetzungen zu schaf- 
fen, um die Arbeitskraft anzulocken. Zum einen 
werben sie in Anzeigenkampagnen mit ihren vor- 
handenen (oder auch nicht vorhandenen) Sehenswür- 
digkeiten, Kultureinrichtungen, Bildungsmöglich- 
keiten, Landschaftsreizen usw. um die Arbeitskraft. 
zum anderen müssen bauliche Veränderungen vor- 
genommen werden, die den Wohn- und Freizeitwert 
steigern. 
Dazu gehören: 
1. Die Verbesserung des Wohnungsangebots, be- 
sonders für die qualifizierte Arbeitskraft, billige 
Wohnungen in günstiger Lage. 
Die Bundesregierung sieht in ihrem langjährigen 
Wohnungsbauprogramm die jährliche Förderung von 
50.000 Wohnungen vor, die auf regionale Schwer- 
punkte konzentriert werden und die Arbeitskräften 
zur Verfügung stehen sollen, die zwar die Einkom- 
mensgrenzen des 2. Wohnungsbaugesetzes über- 
Schritten haben, aber "nicht in der Lage sind, die 
Miete freifinanzierter Neubauwohnungen zu tragen. 
(...) Die geförderten Wohnungen im Regionalpro- 
gramm sind für einen Personenkreis bestimmt, 
dessen Einkommen die neu gezogenen Einkommens- 
grenzen bis zu 40 % übersteigen darf.' Der Städtebau 
bericht der Bundesregierung begründet diese Förde- 
rung ausdrücklich damit, daß ''der Erfolg regional- 
und städtebaupolitischer Entwicklungsmaßnahmen 
wesentlich von der Ansiedlung qualifizierter Er- 
werbstütiger abhüngt." (45) Das zweite Wohnungs- 
baugesetz bringt weitere Verbesserungen für diese 
Einkommensschicht. Die alten Sanierungsgebiete 
eignen sich, nach dem Wiederaufbau, wegen ihrer 
günstigen Lage am besten als Wohngebiete für die 
begehrte qualifizierte Arbeitskraft. So ist wohl auch 
der Hinweis im Staádtebaubericht zu verstehen. da&8 
ARCH+ 4 (1972) H. 16
	        

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