Volltext: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

eigentums fort, das er in der Form des Staatsei- 
gentums zum common property der Bourgeoisie- 
klasse, des Kapitals, machen möchte, In der Pra- 
xis fehlt jedoch die Courage, da der Angriff auf 
eine Eigentumsform - eine Form des Privateigen- 
tums an Arbeitsbedingungen - sehr bedenklich für 
die andere Form würde. Außerdem hat der Bour- 
geois sich selbst territorialisiert." (61) 
Das Zitat skizziert das objektive Klasseninteres- 
se des Kapitals auf Verstaatlichung des Bodens und 
deutet zugleich die politische Unmöglichkeit der 
Durchsetzung dieses Interesses an. 
a) Die Forderung nach Verstaatlichung des Bo- 
dens kann im Kapitalismus aus politischen Befrie- 
digungsgründen der Arbeiterklasse nicht gestellt 
werden. Wenn das Kapital die Forderung nach Na- 
tionalisierung des Bodens stellt, ist darin die Ge- 
fahr eingeschlossen, daf sich die Forderung aus- 
breitet und die Abschaffung des Eigentums an Pro- 
duktionsmitteln überhaupt gefordert wird. 
b) Die Kapitaleigentümer sind háufig identisch 
mit den Grundeigentümern. Sie kaufen oder verkau- 
fen den Boden wie jede andere Ware, ohne daf ih- 
nen die Unterschiede zum Bewußtsein kämen, aus 
welchen Quellen die Grundrente und der Profit 
gezahlt werden können. Dem Kapital erscheint der 
Kauf des Bodens, also der Kauf des Anrechts auf 
jährliche Zahlung der Grundrente (oder, wenn es 
den Boden selbst nutzt, die Einsparung der jährli- 
chen Grundrentenzahlung), gleichbedeutend mit 
dem Kauf zinstragender Papiere oder dem Verleih 
des Geldkapitals zum herrschenden Zinsfuß. So 
engagiert sich das Kapital zunehmend selbst als 
Grundeigentümer. Die vielfache Verflechtung von 
Kapital und Grundeigentum verhinderte bisher und 
verhindert weiter die radikale Teilreform der Bo- 
denfrage durch Nationalisierung. 
Das Kapital ''lóst" die Stadtbodenfrage statt des- 
sen in seiner Weise, indem es sich a) den Boden 
einzuverleiben und unterzuordnen sucht, also die 
Konzentration und Zentralisation des Bodeneigen- 
tums vorantreibt, und b), indem es das Kleingrund- 
eigentum, soweit es der Widerstand der Grundei- 
gentümerfraktion zuläßt, in seiner ausschließlichen 
Verfügungsmacht tendentiell einzuschränken und die 
privat angeeigneten Grundrenten in ihrer Höhe zu 
beschneiden versucht. 
a) Kapitale, die zu den stärksten Kapitalfraktio- 
nen zählen, insbesondere das Bank- und Versiche- 
rungskapital, aber auch Grundstücks- und Woh- 
nungsbaugesellschaften, bei denen häufig nicht fest- 
stellbar ist, in wessen Händen Kapitalmehrheit und 
Verfügungsmacht liegen, kaufen sich auf dem städti- 
schen Boden ein. 
Eine neuere Entwicklung sind hier die verschie- 
denen Formen von Anteilseigentum. Kapital und 
Staat propagieren das Anteilseigentum einerseits 
als Kapitalsammelstellen für Kleinanleger und 
andererseits bieten sie es den alten Haus- und 
Grundbesitzern als Alternative zu ihrem bisherigen 
kleinteiligen Einzeleigentum an. Die Beteiligung an 
einer gróferen Gesellschaft bedeutet, daB die tat- 
süchliche Verfügungsmacht, je nach juristischer 
Konstruktion und Größe der Gesellschaft. mehr 
ARCH+ 4 (1972) H. 16 
oder weniger stark vom Eigentumstitel getrennt 
und bei den Kapitalen zentralisiert wird, die cie 
Gesellschaften beherrschen und daß die Profite 
kleiner sind. 
Die Arbeit der Oberleitung mufi im Kapitalismus 
nicht von den Eigentümern der Produktionsmittel 
persónlich wahrgenommen werden, vielmehr kon- 
zentriert sich das Kapital, agiert mit Fortschrei- 
ten der kapitalistischen Produktion und tendentiel- 
lem Fall der Profitrate zunehmend in der Form 
von Gesellschaftskapital (Aktiengesellschaften und 
andere Gesellschaftsformen) und treibt die "Ver- 
wandlung des wirklich fungierenden Kapitalisten 
in einen blofien Dirigenten, Verwalter fremden Ka- 
pitals und der Kapitaleigentiimer in bloBe Eigen- 
tümer, bloBe Geldkapitalisten" voran (62). 
Von den Geldkapitalisten wird der Profit nur noch 
in der Form des Zinses "als bloße Vergütung des 
Kapitaleigentums" bezogen. "Da der Profit hier 
rein die Form des Zinses annimmt, sind solche 
Unternehmungen noch möglich, wenn sie bloßen 
Zins abwerfen." (63) 
Wenn den alten Haus- und Grundbesitzern also 
vorgeschlagen wird, Anteilseigentümer einer Ge- 
sellschaft zu werden, in der ihnen de facto mehr 
oder weniger die Verfügung über Boden und Ge- 
büude genommen ist und sich mit einem Profit zu 
begnügen, der nicht über dem herrschenden durch: 
schnittlichen ZinsfuB liegen braucht, dann setzen 
Sie sich gegen diese zwar mildere Form des Ver- 
lustes ihres Eigentums in den betroffenen Gebieten 
zur Wehr, 
Wie hoch der Profit sein kann, den Haus- und 
Grundbesitzer aus sanierungsreifen Mietsháusern 
ziehen, läBt sich näherungsweise aus einer Berech- 
nung von Th. Birlem entnehmen. 
Die hohe Profitrate bei Altbauten ist, neben der 
Verfügungsmacht, der wichtigste Grund für das 
empirisch feststellbare Sträuben der privaten Haus- 
und Grundbesitzer gegen Anteilseigentum, einen 
Verkauf und gegen die Sanierung durch die Gemein- 
den, Grundstücksgesellschaften oder Sanierungs- 
träger. Den anderen Gründen liegen z.T. histori- 
sche Erfahrungen zugrunde: Haus- und Grundbe- 
sitz hat die Inflationen dieses Jahrhunderts am 
besten überstanden, er gilt als die sicherste Kapi- 
talanlage und stellt für viele Eigentümer ihre Al- 
tersversicherung dar (angesichts der neuen Inflation 
trennen sie sich nicht von ihrem Besitz), z.T. sind 
sie ideologischer Natur: soziales Prestige und 
Identifikation mit dem Stadtteil (64). 
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