Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

beseitigen ist. 
Erschwerend wirkt dabei auch, daß die ideologische 
Entfernung zwischen städtischem Industrieproletariat 
und den ländlichen Schichten sich durch die Sozialisie- 
rung der Großindustrie und die bloße Überführung der 
Landwirtschaft ins Kleineigentum zeitweise verschär- 
fen muß - was nur durch umfassende politische Arbeit 
aufzufangen ist. Jede Vernachlässigung der ökonomi- 
schen und politischen Entwicklungsaufgaben auf dem 
Lande muß die Basis des sozialistischen Aufbaus selbst 
treffen. Voraussetzung ist die Umverteilung der ma- 
teriellen Ressourcen wie der politischen Avantgarde 
und der technischen Spezialisten (11). 
In welchem Maße ist das möglich, wenn aus der be- 
schriebenen Lage die Konzentration aller Kräfte auf 
den Wiederaufbau der industriellen Zentren erfolgen 
muß? Sicher kann man diese Frage nicht stellen, ohne 
anzuerkennen, daß die Umverteilung ein in vielen 
Etappen langfristig anzugreifendes Problem ist, wäh- 
rend der schwerindustrielle Aufbau die grundlegende 
erste Aufgabe ist; aber auch nicht ohne zu sehen, daß 
der Ungleichzeitigkeit der Aufgabenbewältigung enge 
Grenzen gesetzt sind - um die Neuschöpfung von Dis- 
proportionen zu vermeiden. Aber auch wenn man die 
notwendige Ungleichzeitigkeit anerkennt, verdient die 
schnelle Bedeutungszunahme der Stadt größte Aufmerk- 
samkeit. 
Schon in den 1950 Gesetz gewordenen "16 Grundsützen 
des Stádtebaus" wird der Begriff "sozialistischer 
Stidtebau'" mit revolutionárer Umgestaltung gleichge- 
setzt, wird die Stadt als 'wirtschaftlichste und kultur- 
reichste Siedlungsform für das Gemeinschaftsleben der 
Menschen" postuliert. 
Auch in den vielfachen Erklärungen der SED, die den 
Wiederaufbau der Städte zur vordringlichsten Aufgabe 
machen, spiegelt sich nichts von der Problematik 
wider, wie denn die Beseitigung des Stadt/Land-Ge- 
gensatzes in Angriff zu nehmen sei. "Stadt" und "Land" 
erscheinen in programmatischen Schriften nie in dia- 
lektischer Einheit, sondern werden als getrennt zu 
behandelnde Phänomene gesehen (12). 
A. 6 Das Fehlen zusammenfassender Raumordnungs- 
vorstellungen 
Eine bewußt gelenkte Gebietsplanung wird erst nach 
1962 aufgebaut und in das volkswirtschaftliche Pla- 
nungsinstrumentarium integriert. Die strukturelle 
Entwicklung als Teil der sozialistischen Volkswirt- 
schaft schien anfangs örtliche, regionale wie nationale 
Gebietsplanung zu erübrigen, da sich aufgrund der 
Einheitlichkeit der Planung und des Fehlens antagoni- 
stischer Widersprüche theoretische Probleme der 
territorialen Verteilung erst gar nicht einstellen konn- 
ten. So mußte sich erst in den realen Auswirkungen 
zeigen, daß die Organisation der räumlichen Arbeits- 
teilung nicht naturwüchsig optimal ausfällt, solange 
die Bedingungen der Übergangsgesellschaft gelten. 
Die Fähigkeit zum Fortschritt der Übergangsgesell- 
schaft kann nur darin liegen, daß der Widerspruch 
zwischen Ziel und den wirkenden Kräften des Augen- 
blicks treibender Motor ist - anders ausgedrückt, daß 
die Politik das Primat gegenüber den realen Kräften 
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der Wirtschaft innehat. 
Auf der Ebene der Organisation räumlicher Arbeits- 
teilung heißt das, daß die Sicherung des langfristigen 
und umfassenden Wachstums das Primat vor sektora- 
lem, zeitlich und örtlich begrenztem Rekordwachstum 
haben muß, daß die Herstellung einheitlicher, Sozia- 
listischer gesellschaftlicher Beziehungen der entspre- 
chenden materiellen Basis bedarf. 
Dies ist der Wertmafistab,der im folgenden der ansatz- 
weisen Untersuchung der Territorialplanung zugrunde- 
gelegt wird. 
B. Der Übergang zum "Neuen ökonomi- 
schen System der Planung und Leitung" 
(NÖSPL) 
B.1 Die dem NÖSPL vorausgehenden Anforderungen 
an Planung und Leitung 
Die "Periode des planmäßigen Aufbaus 
einer demokratischen Friedenwirtschaft" 
(1945-50) ließ sich kurz zusammengefaßt charakterisie- 
ren. Trotz und wegen der von außen gesetzten Kompli- 
kationen waren die Anforderungen an Planung und Lei- 
tung relativ einfach. Die straffe zentralistische Führung 
der SED hatte das Fehlen sozialistischer Organisations- 
formen zu kompensieren. Dieser eindimensionale Lei- 
tungsmechanismus war nur deswegen aufrecht zu erhal- 
ten, weil er im wesentlichen den Anforderungen des 
simplen Grundschemas des Wirtschaftsaufbaus genügte. 
Die folgende "Periode der planmäßigen Er- 
richtung der Grundlagen des Sozialismus 
und des Sieges der sozialistischen Pro- 
duktionsverhältnisse" (1950-62) (13) ist kein 
derart in sich geschlossener Zeitabschnitt einheitlicher 
Prägung, wie der später verliehene offizielle Titel ver- 
muten läßt. Sie war die bedeutungsvolle Etappe, in der 
die Entscheidung fallen mußte, welche der beiden Kräfte 
- die fortbestehende bürgerliche oder die neue soziali- 
stische - die führende Rolle im Aufbau übernehmen 
würde. 
Sie brachte zunächst die Wendung zum vollen Sieg der 
neuen sozialistischen Produktionsverhältnisse - ge- 
kennzeichnet durch die Umformung der SED von der 
Bündnispartei zur Kampfpartei der Arbeiterklasse 1952, 
die die Qualifizierung der Arbeiterklasse für die ge- 
sellschaftliche Aneignung der Produktion in politischer, 
technischer und ökonomischer Hinsicht erst ermög- 
lichte. In diese Zeit fällt aber auch die folgenschwere 
Veränderung im politischen und wirtschaftlichen System 
der UdSSR, die mit dem Jahr 1953 beginnt, sich zu- 
nächst unter der Oberfläche entfaltet und mit ihrem 
Nachaußentreten 1956 sehr bald für die DDR bestimmend 
wird. 
Das damit verbundene Erstarken exclusiver, nicht ge- 
sellschaftlicher Interessen in der SED geht nicht kampf- 
los vonstatten; aber im Nachhinein zeigt sich das Auf 
und Ab der Auseinandersetzungen als kontinuierliche 
Schwächung der Macht der Arbeiterklasse - verbunden 
mit dem Aufrücken der DDR zu einem der bedeutend- 
sten industriellen Produzenten der Welt. 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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