Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

Im Rahmen dieser Arbeit muß darauf verzichtet wer- 
den, die "Periode der planmäßigen Errichtung der 
Grundlagen" in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu 
behandeln. Uns kommt es hier darauf an, das NÖSPL 
in seinen hauptsächlichen Wesenszügen darzustellen - 
um die Behauptung, daß es die Entartung des Prinzips 
des demokratischen Zentralismus beinhalte, zu erhär- 
ten; dies ist zugleich unerläßlich, um das Instrument 
"Territorialplanung'' einzuordnen, 
B. 2 Die neuen Anforderungen an Planung und Leitung 
und der Lösungsweg des NÖSPL 
Das "Neue'' der Anforderungen ist nicht auf das Tech- 
nisch-Organisatorische zu reduzieren. Es hat zwei 
Seiten, deren vorrangige die politische und deren 
nachgeordnete die technisch-organisatorische ist. 
1. Die politische Seite der Planung und Leitung: 
Als Ausgangsbedingung des Planungs- und Leitungs- 
systems war die relative Schwäche der Arbeiterklasse 
und die notwendig starke Betonung des Zentralismus 
genannt worden. 
Die voll wirksame Initiative der Basis ist aber unab- 
dingbarer Bestandteil jeden Planungs- und Leitungs- 
systems auf der Grundlage des demokratischen Zentra- 
lismus; unabdingbar - als Übermittler von Informatio- 
nen gesellschaftlicher Aussagekraft für realistische 
zentrale Planentscheidungen und als antibürokratische 
Kraft gesellschaftlicher Entscheidungen auf unterer 
Ebene. Durch die Aktionsfähigkeit der Grundeinheiten 
werden gesellschaftliche Beziehungen hergestellt, die 
stärker als die bestehenden Ware-Geld-Beziehungen 
diese verdrängen sollen. 
Mit der in der 2, Hälfte der 50er Jahre durchgesetzten 
Schwächung der Grundeinheiten der Partei und der 
Massenorganisationen mußte daher die Unvollkommenheit 
in der Ermittlung der Planungsgrundlagen durch andere 
Methoden kompensiert werden. Die gesellschaftliche 
Kraft bestimmter Organisationsformen der Produktion, 
die gesellschaftlichen Potenzen bestimmter Orte und 
Gebiete, verfügbare Ressourcen und deren günstige 
Verwertung waren der Planungsspitze weitgehend un- 
bekannt. Ohne diese Kenntnis mußten auch zum Wohle 
der Bevölkerung intendierte Entscheidungen willkürlich 
bleiben. 
Dies zeigte sich bereits in der 1. Aufbauphase: das ein- 
fache System der Vorgabe von Ziffern der Bruttoproduk- 
tion, die keine Qualitätskontrolle zuließen, beruhte auf 
dem Unvermögen der Planungsspitze, qualitative Nor- 
men realistisch zu bestimmen. Der Übergang zu Pro- 
duktionskontrollen und -beratungen durch und in den 
betrieblichen Partei- und Gewerkschaftsgruppen hatte 
die Aufgabe, dieses Unvermögen auf zwei Wegen auszu- 
Träumen: 
1. die individuelle Bereicherung der Betriebsleitungen, 
die durch das Bruttokennziffernsystem geradezu 
gefördert wurde, zu verhindern, 
die qualitative Verbesserung der Produkte am Ar- 
beitsplatz zu studieren, im Betrieb anzuwenden und 
als zu verallgemeinernde Informationen nach oben 
weiterzugeben (14). 
Um aber die Entwicklung unter Ausnützung aller Mög- 
lichkeiten schneller voranzutreiben, wurde von Anfang 
an ein zweiter Weg beschritten: die Unvollkommenheit 
der Planung und Leitung sollte über individuelle wie 
kollektive materielle Anreize bei erfolgreichen quali- 
tativen wie quantitativen Leistungssteigerungen über- 
wunden werden, Mit dem Sieg Chruschtschows in der 
UdSSR wurde dieser 2. Weg - dazu in der Beschränkung 
auf den individuellen materiellen Anreiz - auch in der 
DDR als hauptsüchliches Instrument zur Verbesserung 
der Planentscheidungen durchgesetzt. Damit wurde die 
Funktionsfühigkeit der Basis - beschrünkt auf Leistungs- 
steigerung - zwar gefórdert, aber ihre Funktion als 
Übermittler von Informationen mit gesellschaftlicher 
Aussagekraft wie als Trüger politischer Entscheidun- 
gen wurde vernichtet. Die Verbesserung des Systems 
der Planung und Leitung auf der Grundlage des demo- 
kratischen Zentralismus war verlassen worden und 
beschränkte sich im weiteren auf administrative Maf- 
nahmen, mit deren Hilfe die Beziehungen zwischen 
Zentrale und Basis schematisiert wurden. 
2. Die technisch-organisatorische Seite der Planung 
und Leitung 
Die wirtschaftliche Selbständigkeit der Produktions- 
einheiten steht von nun an im Vordergrund - damit die 
Ware-Geld-Beziehung. Die gesamtgesellschaftliche 
Produktivität ergibt sich aus der Steigerung der einzel- 
betrieblichen, die durch einzelbetriebliche materielle 
Vorteile stimuliert wird. Dieses planmäßige Ausnützen 
nichtgesellschaftsbezogenen Verhaltens der einzelnen 
Betriebe ist der Kern des NÖSPL (15). 
Wichtig ist: das NÖSPL bietet eine Grundlage für ef- 
fektivere Planung, ist nicht Rückkehr zur Marktwirt- 
schaft; es sichert Planverhältnisse, die zwar auf der 
Existenz von Staatseigentum beruhen, aber nicht die 
gesellschaftliche Aneignung und Verteilung zur Grund- 
lage haben. Es ist die Vorherrschaft eines Interes- 
ses. (Das nähere Eingehen auf die Bedeutung solcher 
exclusiven Interessen gegenüber gesellschaftlichen ist 
hier nicht möglich.) (16) 
Für die folgenden Ausführungen ist wichtig zu sehen, 
daß diese Bedingungen nicht a priori auf gesamtgesell- 
schaftliche Rationalität ausgerichtet sind (- das Aus- 
nützen rechnerischer Vorteile durch einen Betrieb kann 
durch Nachteile für einen zweiten bedeuten). 
Diese neue Rationalität, die beschleunigtes Wachstum 
zum obersten Ziel hat, wählt ihre Mittel dem Zweck 
entsprechend 
a) reale Preisgestaltung nach dem Wertgesetz 
b) einzelbetriebliche Gewinn- u. Verlustrechnung 
c) Orientierung der Betriebe auf Kennziffern wie 
Rentabilität, Arbeitsproduktivität, Selbstkosten- 
senkung... im Rahmen des Wertgesetzes 
System der !'ökonomischen Hebel'' als umfassende 
Anwendung der materiellen Interessiertheit insbe- 
sondere für Werkleiter und Direktoren (17). 
Mit dem NÖSPL verbunden ist der kapitalintensive 
Wirtschaftsaufbau, die Konzentration aller Mittel und 
Kräfte auf den sein eigenes Wachstum fördernden Pro- 
duktionsmittelsektor. Disproportionen zwischen 1. Ar- 
beitsproduktivität und Durchschnittslöhnen und 2. Kauf- 
kraft und Warenfonds sind die Folge. 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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