Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

Es liegt nahe, den Abbau von Belegschaftsversamm- 
lungen und Produktionsberatungen auch im Zusammen- 
hang mit der vollen Ausnutzung des Arbeitstages der 
einzelnen Betriebe zu sehen. Die Arbeiterklasse trägt 
die beschleunigte wirtschaftliche Expansion nicht nur 
materiell - sondern bezahlt diese auch mit dem Abbau 
ihrer Kontrollfunktion im Staat. 
Das NÖSPL ist also System kompensatorischer Len- 
kungs- und Steuerungsmaßnahmen auf der Grundlage 
des Plans. Für die Periode von 1962-66 erwies es sich 
als wirksames Instrument im Sinne des Wachstums der 
Produktivkräfte als wichtigstem Maßstab: die Industrie- 
produktion stieg in diesem Zeitraum um 24 % (18). 
Seine eigentliche Bedeutung liegt aber darin, daß es 
diese Steigerungsrate unter Preisgabe sozialistischer 
Planungsmethoden wie der räumlich-proportionalen 
Entwicklung wie auch der Angleichung von Konsumtion 
und Produktion durchsetzte. 
C. Die räumliche Strukturentwicklung und 
die neuen Anforderungen an territoriale 
Planung und Leitung 
C.1 Dem Beginn der Territorialplanung vorausgesetzte 
Strukturentwicklung der Volkswirtschaft 
Kleine und mittlere Betriebe hatten das Industrieprofil 
auf dem Gebiet der DDR vor dem 2. Weltkrieg bestimmt; 
der Übergang zur groBindustriellen Produktion entsprach 
durchaus dem gesellschaftlichen Bedürfnis des sozia- 
listischen Staates, die Vorteile des kombinierten Ar- 
beitstags und die rationelle Konzentration der sachli- 
chen Bedingungen der Produktion zu nutzen. Aber stür- 
ker war noch die Grundforderung des sozialistischen 
Aufbaus: Herstellung nationaler Unabhüngigkeit des 
Wirtschaftssystems (denn nur diese konnte die politi- 
sche Unabhängigkeit garantieren) durch den Aufbau einer 
eigenen Schwer- und Grundstoffindustrie. 
Weder die Rolle der UdSSR als Garant des ungestórten 
nationalen Aufbaus noch die Beziehungen internationaler 
Arbeitsteilung innerhalb der RGW-Länder - beschrünkt 
auf den Austausch zu gegenseitigem Vorteil - stehen 
dazu prinzipiell in Widerspruch. 
Die Kritik gegenüber der räumlich disproportionalen 
Entwicklung kann u. E. keinesfalls im Grundprinzip des 
Wirtschaftsaufbaus - einmal Übergang zur grofindustriel- 
len Produktion als Basis, zum andern grundlegende 
wirtschaftliche Selbständigkeit und darauf aufbauende 
Spezialisierung im internationalen Maßstab - festge- 
macht werden. Bezugspunkt ist dagegen der besondere 
Charakter des großindustriellen Aufbaus - z.T. von 
historischen Umständen erzwungen, z.T. ungenügende 
Weitsicht der Partei der Arbeiterklasse. 
Wir beziehen uns zunächst auf die Selbstkritik aus der 
DDR selbst, die die ganze Problematik dieser Ent- 
wicklung aufzeigt: 
"Selbst wenn zwischen den Zweigen...der Volkswirt- 
schaft die Proportionen stimmen, kónnen im Wirtschafts- 
territorium Disproportionen bestehen. Diese kónnen 
entweder aus der kapitalistischen Vergangenheit über- 
nommen oder auch bei uns neu entstanden sein...eine 
Tatsache ist..., daß die territoriale Planung eine der 
kompliziertesten Aufgaben der Volkswirtschaftsplanung 
ist... Als die Arbeiterklasse die Kommandohöhen in 
Staat und Wirtschaft besetzte, mußten ihre Planungs- 
kader gewissermaßen etappenweise die Planung der 
Volkswirtschaft meistern lernen und dabei vom relativ 
Einfacheren zum Schwierigeren, Komplizierteren vor- 
dringen. Nicht zuletzt sei auch darauf hingewiesen, 
daß die Akkumulationskraft unserer Volkswirtschaft 
viele Jahre nicht ausreichte, um die z.T. sehr auf- 
wendigen Aufgaben in Angriff nehmen zu können, die 
eine komplexe Entwicklung von Wirtschaftsgebieten 
stellt" (19). 
Wichtig ist für die disproportionale Entwicklung nicht 
das Fehlen der Territorialplanung, sondern die Strate- 
gie der Konzentration aller Mittel auf die vorrangige 
Entwicklung der GroBindustrie. Der Verzicht auf terri 
toriale Überlegungen heift hier bewuBter Verzicht auf 
umfassende Entwicklung der Wirtschaftskraft der ein- 
zelnen Gebiete. 
Die vorrangige Ausrichtung auf das Zweigprinzip als 
vertikaler Wachstumsstrategie ist aber nicht nur Ne- 
gation der komplexen Entwicklung - sondern zugleich 
Abbau politischer Selbständigkeit der unteren politi- 
schen Ebenen des Gesellschaftssystems. Dies ist 
keineswegs im Gegensatz zum straffen zentralistischen 
Führungsprinzip gesetzt - im Gegenteil ist seine 
Voraussetzung - (daher auch nicht zu verwechseln mit 
der oben genannten politischen Selbständigkeit auf na- 
tionaler Ebene). Im folgenden wird sich diese von den 
ökonomischen Notwendigkeiten verstärkte Schwäche 
der untergeordneten Ebenen im systemtheoretischen 
Zusammenhang des demokratischen Zentralismus als 
bedeutender Faktor erweisen. 
Zunächst darf nicht übersehen werden, daß der Über- 
gang zum Territorialprinzip im Planungs- und Lei- 
tungssystem nicht räumliche Disproportionen überwin- 
den und vermeiden hilft. Die Einführung dieses Instru- 
mentariums beseitigt nicht die Strategie der Umver- 
teilung aller erwirtschafteten Mittel zur Investition in 
"wenigen spezialisierten und führenden Zweigen' (20). 
C.2 Was bedeutet der Übergang zur Territorialplanung? 
Es ist noch einmal darauf hinzuweisen, daß die grund- 
legenden Disproportionen am Anfang der Aufbauphase 
auf dem Fehlen ganzer Wirtschaftszweige beruhten. 
Entsprechend mufte die staatliche Planung zweigbe- 
zogene Planung sein. Die Proportionierung dieser 
Zweige war von vorrangiger politischer Bedeutung. 
Das Zweigprinzip der Planung entsprach 
insbesondere den Anforderungen der 1. Etappe des 
Wirtschaftsaufbaus, alle Investitionskosten und un- 
mittelbaren Folgekosten zu minimieren und die mittel- 
baren Folgekosten der Zukunft anzulasten. Die Rück- 
sichtnahme auf órtliche Gegebenheiten - wie auch das 
Ausnützen Ortlicher Vorteile - wurde dadurch auf ein 
Minimum reduziert. 
Dies konnte schon Ende der 40er Jahre nicht mehr über- 
sehen werden; die Häufung wirtschaftlicher Mißerfolge 
erwies die Unvollkommenheit der Planungs- und Lei- 
tungsmethoden. Erst recht waren es aber die wirt- 
schaftlichen Erfolge, die auf Erweiterung dieses In- 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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