Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

heißen. Die Bindung der bestehenden sozialen Einheiten 
an die materielle Basis kann nur über die politische 
Stärkung der Betriebsparteiorganisationen erfolgen: 
"Die Basis der Partei sind die Betriebsparteiorgani- 
sationen...alle Parteimitglieder, die in einem Betrieb 
oder einer Produktionsgenossenschaft tätig sind, dürfen 
nur der Parteiorganisation ihres Betriebes beziehungs- 
weise der Produktionsgenossenschaft angehóren...die 
Betriebsparteiorganisation (übernimmt - d. V.) die po- 
litische Arbeit in einem bestimmten Dorf oder in einem 
bestimmten Wohngebiet. ..'' (28). 
Diese Politik wurde 1952 vorangetrieben, dadurch daß 
Arbeiter der örtlichen Betriebe den entscheidenden 
Einfluß in den örtlichen Staatsorganen erhielten und 
über die Entsendung ihrer besten Parteikader in die 
Kreisleitungen der Partei die strenge Kontrolle aller 
ihrer Grundeinheiten durchgesetzt wurde (29). 
Dieser Exkurs auf die nun geschichtliche Entwicklung 
soll die Andersartigkeit der nach 1960 einsetzenden 
Stärkung der örtlichen Staatsorgane zeigen. Nun heißt 
es: 
"Die größtmögliche Teilnahme der werktätigen Bevöl- 
kerung an der Lenkung von Staat und Wirtschaft. . .ist 
- außerhalb der Betriebe - am besten in den Gemeinden, 
Kreisen und Bezirken unserer Republik, also in den 
regionalen Einheiten des gesamten gesellschaftlichen 
Lebens möglich'' (30) und 
"Das marxistisch-leninistische Denken hat zunächst 
die Einheit von Stadt und Betrieb zu betonen - beide 
sind als eigenverantwortliche Gemeinschaften staatlich 
geleitet und organisiert. Aber der Betrieb ist nicht 
selbst staatliches Machtorgan'' (31). 
Die führende Rolle der Arbeiterklasse wird nur noch 
durch "die einheitliche staatliche Leitung der Volks- 
wirtschaft" garantiert - sie hat ihre materielle Basis 
verloren. Dies um so mehr, als betriebliche Entschei- 
dungen nach dem Prinzip der einzelbetrieblichen wirt- 
schaftlichen Rechnungsführung zu fallen haben. 
Mit dem "Gesetz über die örtlichen Organe der Staats- 
macht'' 1957 wurde die Planung nach gebietsbezogenen 
Gesichtspunkten verstärkt. Die örtlichen Organe wur- 
den an der Planerstellung als Informationsübermittler 
der realen Verhältnisse und Möglichkeiten des Gebiets 
beteiligt. In diesem Sinne wurden die Kompetenzen 
schrittweise erweitert: 1958 mit dem "Gesetz über die 
Vervollkommnung und Vereinfachung der Arbeit des 
Staatsapparats", das die komplexe und territoriale 
Volkswirtschaftsplanung der Zweige sichert; 1967 und 
1968 mit zwei Beschlüssen des Staatsrats zur Weiterent- 
wicklung der Finanzwirtschaft der Gemeinden. 
Grundlage dieser wachsenden Kompetenzen ist die Be- 
schränkung der örtlichen Staatsorgane auf Planung und 
Durchführung der mit dem sozialen Leben verbundenen 
Aufgaben, während den örtlichen Betrieben ihre wirt- 
schaftliche Selbstverantwortlichkeit garantiert bleibt. 
Diese Partikularisierung materieller und institutioneller 
gesellschaftlicher Beziehungen muß im Nachhinein über- 
wunden werden. Dies geschieht einmal durch jeweils 
verbesserte zentrale Planentscheidungen, die aufgrund 
des verbesserten Informationssystems nachtrüglich 
vorgenommen werden kónnen; zum andern durch ver- 
tragliche Beziehungen zwischen den scheinbar gleich- 
berechtigten Partnern "Stadt" und "Betrieb", Bei der 
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größeren Macht der Betriebe wird den Städten das 
Recht zugestanden, auf Vertragsabschluß bestehen zu 
können; der Vertragsinhalt bleibt Gegenstand der Ver- 
handlungen. Es geht dabei überwiegend um infrastruk- 
turelle Bedürfnisse des Betriebs, für deren Erstellung 
die Stadt verantwortlich ist (32). 
C. 4 Die Ziele der räumlichen Strukturentwicklung und 
die Aufgaben der Territorialplanung 
Für die zu Ende der 60er Jahre beginnende Etappe des 
Aufbaus einer "hocheffektiven Wirtschaftsstruktur' 
stellen sich der gebietsbezogenen Volkswirtschafts- 
planung vor allem zwei Aufgaben: 
1. Überwindung der Knappheit an Arbeitskräften durch 
Ausnützen der regionalen Reserven 
Regionale Reserven werden für die größeren Klein- 
städte, die zu mittelgroßen Industriestandorten ausge- 
baut werden sollen, mobilisiert oder über Pendlerver- 
kehr den vorhandenen Industriezentren zugeführt. 
Freigesetzt werden sie durch Verringerung der in 
Stadt und Umland verteilten Betriebe und Zweige und 
durch weitere Mechanisierung der Landwirtschaft bis 
zur industriemäfigen Agrarproduktion. 
Die Verlagerung von Produktionen in kleinere Städte 
ländlicher Gebiete geht einher mit der weiteren Ent- 
völkerung des Landes. Die DDR wird als erster nach- 
kapitalistischer Staat ein Verhältnis von Stadt- zu 
Landbevölkerung erreichen, das dem der entwickelten 
kapitalistischen Länder gleicht - und es zum Teil noch 
übertrifft. 
Für die nördlichen Agrarbezirke wie Neubrandenburg, 
wo keine nach den gegebenen Kriterien entwicklungs- 
fähigen Städte sind, wird die weitere Abwanderung von 
Arbeitskräften in die Industriegebiete gefördert. 
Bezüglich der zweigmäßigen Entwicklung der regiona- 
len Produktion heißt dies: umfassende Nutzung der be- 
grenzten territorialen Ressourcen (natürliche Ressour- 
cen und Arbeitskräfte) durch deren Erschließung für 
wenige ausgewählte Zweige auf Kosten bestehender. Für 
die Überwindung der Knappheit an natürlichen Vorkom- 
men wird überwiegend der Weg der Substitutionsproduk- 
tion beschritten, was nicht in den Bereich der territo- 
rialen Maßnahmen fällt (33). 
2. Die Verteilung der materiell-technischen Struktur 
Auf 15 % der Fläche der DDR sind 49 % der Grundfonds 
der materiell-technischen Territorialstruktur konzentriert. 
"Im Vergleich zur überwiegenden Mehrheit der Produk- 
tionsanlagen sind ihre Kapazitäten dadurch charakteri- 
siert, daß eine noch geringere Mobilität ihres Standorts 
und eine geringere Flexibilität in der Anpassung an neue 
Bedingungen vorliegt. Das resultiert nicht zuletzt da- 
raus, daß diese Bereiche mit etwa 80 % einen hohen 
Anteil von baulichen Anlagen an den Grundfonds auf- 
weisen. Demgegenüber beträgt der Anteil in der Industrie 
nur 46 95" (34). 
Das Wertmaß der materiell-technischen Struktur be- 
ruht also auf den durch die Grundfonds zu deckenden 
Herstellungskosten, d.h. der verausgabten Arbeitszeit, 
Daß dies bei schnellem moralischem Verschleiß - ins- 
besondere unter den Bedingungen planmäßig beschleu- 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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