Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

tionsweise unsere Arbeiter Nacht für Nacht einsperrt, 
sie werden nicht beseitigt, sie werden nur - verlegt." 
Das Proletariat relativiert die Ausbeutung im Reproduk- 
tionsbereich zur Ausbeutung am Arbeitsplatz vielmehr 
noch: es begreift sie als ökonomische Notwendigkeit der 
kapitalistischen Lohn-Abhängigkeit und damit tenden- 
ziell als bewußte Klassenfrage. So wurden Maßnahmen 
für bessere Wohnungen und geringere Mieten vom Klein- 
bürgertum durchgesetzt, und zwar immer dann, wenn 
es selbst durch diese extremen Notstände tangiert 
wurde. Ähnlich einzuschätzen sind die Erfolge im 
Kampf gegen die Luftverschmutzung: Soweit sich diese 
nicht direkt und ohne Kostenaufwand verhindern ließ, 
zog das Bürgertum die bessere Luft der westlichen 
Stadtteile vor und überließ dem Proletariat die Abgase 
der Industriezonen. 
Die Arbeiterklasse kämpfte stets um primäre Verände- 
rungen: um höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit. Die 
Bedingungen in den Wohnvierteln - vor allem die not- 
gedrungene Kommunikation und die von außen aufge- 
zwungene Solidarität - erfüllten oft eine positive Funk- 
tion: Sie ließ das Proletariat sinnlich erfahren, daß 
eine Änderung dieser Zustände nur möglich war durch 
die Abschaffung der Lohnarbeit selbst. Sie erkannten, 
daß ihr materielles Elend ein unterstützendes Moment 
der Befreiung sein konnte. 
"Die moderne Naturwissenschaft hat nachgewiesen" 
schreibt Engels, "daB die sogenannten ' schlechten 
Viertel', in denen die Arbeiter zusammengedrüngt 
sind, die Brutstütten aller jener Seuchen bilden" - zu 
denen die Bourgeoisie auch die dort entstehenden Auf- 
stünde zühlte - "die von Zeit zu Zeit unsere Städte 
heimsuchen" und weil diese Krankheiten auch in den 
"Juftigeren und gesunden Stadtteilen" wüten, "ent- 
brannten die menschenfreundlichen Bourgeois in edlem 
Wetteifer für die Gesundheit ihrer Arbeiter." 
Es wurden damals wie heute Vorschlüge gemacht, wie 
Kriminalitàt, Neurosen, Trunksucht und Aggression 
in den Wohngebieten zu verhindern seien, ohne ihre 
Ursachen in den Wohngebieten beseitigen zu müssen. 
Alle diese Vorschlüge wurden durch die Geschichte 
widerlegt; dennoch entzündet sich die Diskussion immer 
wieder von neuem; das stüdtische Kleinbürgertum leidet 
oft unter den gleichen Wohnbedingungen wie das Prole- 
tariat und gleicht sich ihm auch in den Arbeitsbedingun- 
gen mehr und mehr an. Gleichwohl ist die Richtung, in 
der eine Lösung der miserablen Verhältnisse gesucht 
wird, eine reaktionäre. 
Entscheidend für die ideologische Ausrichtung des 
städtischen Kleinbürgertums war u.a. der Franzose 
Proudhon. 
Die antikapitalistische Tradition des Kleinbürgertums 
reicht weit in die Geschichte, nur war der Wunsch zur 
Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhält- 
nisse begründet im Ziel der Restauration präindustrieller 
Produktionsweisen, d.h. im Ziel der Rekonstruktion 
der vorkapitalistischen Stellung des zünftigen Handwerks. 
So sieht Proudhon und mit ihm das proletarisierte 
Kleinbürgertum den Ursprung seines Elends in der 
kapitalistischen Gesellschaft nicht in der Sphäre der 
Produktion, sondern in der Sphäre des Austauschs 
begründet. "Der Kleinbürger Proudhon verlangt eine 
Welt, in der jeder ein apartes, selbständiges Produkt 
ARCH+ 15 (1971-3) 
anfertigt, das sofort verbrauchbar und auf dem Markt 
austauschbar ist; wenn dann nur jeder den vollen Wert 
seiner Arbeit in einem anderen Produkt wiedererhält, 
so ist der ’ ewigen Gerechtigkeit’ genüge getan und die 
beste Welt hergestellt" (16). 
Aus der leidenschaftlichen Bejahung des Privateigen- 
tums und des sozialen Ideals einer Gesellschaft selb- 
ständiger Warenproduzenten bzw. der Appellation an 
eine fiktive ewige Gerechtigkeit ist leicht die leiden- 
schaftliche Aufnahme der bourgeoisen Wohnverhält- 
nisse durch das Kleinbürgertum zu erklären. Die Ab- 
hängigkeit vom Kapitalismus wurde für sie besonders 
durch Verlust von Eigentum auf dem Wohnungssektor 
relevant. Ein deutscher Proudhon-Adept lamentiert 
1872: "Wir nehmen keinen Anstand, zu behaupten, daß 
es keinen furchtbareren Hohn auf die Kultur unseres 
gerühmten Jahrhunderts gibt als die Tatsache, daß 
in den großen Städten 90 % der Bevölkerung und darüber 
keine Stätte haben, die sie ihr eigen nennen können. 
Der eigentliche Knotenpunkt der sittlichen und Fami- 
lienexistenz, Haus und Herd wird vom sozialen Wirbel 
mit fortgerissen ... Wir stehen in dieser Beziehung 
weit unter den Wilden. Der T'roglotyte hat seine Hóhle, 
der Australier hat seine Lehmhütte, der Indianer sei- 
nen eigenen Herd - der moderne Proletarier hängt 
faktisch in der Luft" (17). 
Der reaktionäre Wunsch der Rekonstruktion präindu- 
strieller Verhältnisse übersieht die ungeheuerlichen 
Möglichkeiten, die in der industriellen Entwicklung 
zur Befreiung des Menschen selbst liegen. Der Wunsch 
des Kleinbürgers, obwohl er primär mit dem Elend 
des Proletariats argumentiert, ist vor allem die Re- 
stauration seiner ursprünglichen Besitzverhältnisse. 
Infolge der "Verletzung der ewigen Gerechtigkeit'!, 
einer Vorstellung innerhalb der Fiktion einer herr- 
Schaftslosen, auf der freien Vereinigung freier Ge- 
meinschaften beruhenden Gesellschaftsordnung, kon- 
zentriert sich innerhalb der völligen Fixierung auf die 
Sphäre der Distribution der Haß des Kleinbürgers auf 
eine Sparte von Kapitalisten: die Hausbesitzer. Als 
Kampfmittel gegen die "kapitalistischen Auswüchse" 
empfehlen sich somit Genossenschaften, Genossen- 
schaftsbanken mit billigem Kredit etc. - sogenannte 
Selbsthilfemaßnahmen, die sich vor allem als Stabi- 
lisierungsmomente der kapitalistischen Entwicklung 
entlarven und bestenfalls Minderheiten den gewünsch- 
ten Erfolg bescherten. Später hatten Selbsthilfemaß- 
nahmen, jedoch nun staatlich abgestützt, größere Wirk- 
samkeit: 
- für Minderheiten bescherten sie den gewünschten 
materiellen Erfolg 
für die Masse waren sie ideologisches Leitbild. 
An einzelnen Beispielen ist daher auch versucht wor- 
den, die Wohnungsfrage "aus dem Marktbereich zu 
lósen", und zwar über Genossenschaften dem Arbeiter 
ein Heim zu verschaffen ("Der Arbeiter würde Kapi- 
talist" Dr. Emil Sax 1869; "Aus Proleten werden 
Eigentümer" Paul Lücke 1958, "Das Eigenheim — 
Wunschtraum von Millionen" Wüstenrot 1970). 
Herrn Sax hat schon Engels geantwortet: 
"Für unsre großstädtischen Arbeiter ist Freiheit der 
Bewegung" (Mobilität) "erste Lebensbedingung, und 
Grundbesitz kann ihnen nur eine Fessel sein. Ver- 
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