Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

schafft ihnen eigene Häuser, kettet sie wieder an die 
Scholle, und ihr brecht ihre Widerstandskraft gegen 
die Lohnherabdrückung ... Der einzelne Arbeiter mag 
sein Häuschen verkaufen können, bei einem ernstlichen 
Streik oder einer allgemeinen Industriekrise aber wür- 
den sämtliche den betreffenden Arbeitern gehörende 
Häuser zum Verkauf auf den Markt kommen müssen, 
also gar keine Käufer finden oder weit unter Kostpreis 
losgeschlagen werden. Und wenn sie alle Käufer fän- 
den, so wäre ja die ganze Wohnungsreform ... wieder 
in nichts aufgelöst und es könnte wieder von vorn an- 
fangen" (18). 
Dies gilt auch besonders für Werkswohnungen, in de- 
nen die Abhängigkeit zum Unternehmen noch weit stär- 
ker ist. Nicht nur die hier verringerten Reproduktions- 
kosten gehen zu Lasten des Arbeitslohnes, sondern 
ebenfalls die Verzinsung des vom Unternehmer vorge- 
schossenen Kapitals. 
Die extremsten Auswüchse kapitalistischer Wohnver- 
hältnisse und die schlechten Reproduktionsbedingungen 
der Arbeitskraft mußten gemildert werden, wenn das 
industrielle Wachstum längerfristig gesichert werden 
sollte. 
So "leisteten einige Unternehmerpersönlichkeiten in 
der Fürsorge für ihre Arbeiter Vorbildliches" - wie 
uns die Schulgeschichtsbücher lehren -: 
Alfred Krupp begann 1861 mit der Errichtung von 
Wohnhäusern für seine Werksangehôrigen. 
Die Krupp-Siedlungen (19) erfüllen nach den Angaben 
des Initiators selbst folgende Funktionen: 
- Die Lage der Produktionsstandorte (20) zu den Roh- 
stoffen Kohle und Erz ist dem Unternehmen wichtiger 
als das vorfindliche Arbeitskräftepotential 
"Das Beispiel Essen zeigt, in welchem Mafie es móg- 
lich war, entsprechend der Ausweitung von Produk- 
tionskapazitäten (21) auch Arbeitssuchende heranzu- 
ziehen" (22), In 20,000 Wohnungen wurden 65,000 
Werksangehórige untergebracht. 
Facharbeiter bilden auch in Krisenzeiten den notwen- 
digen Produktionsrückhalt. Bei einsetzender Über- 
produktion werden zuerst die ungelernten Arbeiter 
entlassen, das Kapital sichert sich die Fachkräfte 
für den nächsten Boom, "Es handelt sich daher bei 
Kurzarbeit um Leute, die den Stamm der Belegschaft 
bilden ... deshalb dürfen auch nur solche Arbeiter 
angesiedelt werden, die voraussichtlich niemals zur 
Entlassung kommen" (23). So wurden bei der Welt- 
wirtschaftskrise über 100.000 Krupp-Arbeiter ent- 
lassen, während die Krupp-Nebenerwerbs-Siedlungs- 
bewohner ihr Pseudo-Landleben feierten: "das be- 
deutet Gemüse ... Schinken, Speck und Würstchen, 
die kein bares Geld kosten, weil das zu verkaufende 
zweite Schwein die Auslagen für beide Schweine 
wieder einbringt' (24). 
Die Disziplinierung dieser Facharbeiter bei Streik- 
gefahr braucht nicht näher erklärt werden, Engels 
kennzeichnet diese Funktion als "Erziehung einer 
Armee gegen das Proletariat". 
"Wenn es dem Unternehmer gelingt, die Finanzierung 
von billigen Arbeiterwohnungen auf dem Umweg über 
die Löhne zu erreichen, bleibt der Zwang zur Seß- 
haftigkeit permanent wirksam'' (25). Die vom Unter- 
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nehmen gestellten Darlehen (zum Bau oder Erwerb 
des Hauses) werden langfristig vom Lohn zurückbe- 
halten; sogar die Pfändung des Lohnes selbst wird 
angestrebt. Bleibt der Mieter bis zum Pensionsalter 
Arbeiter bei Krupp, so ist es ihm gegönnt, "seinen 
Lebensabend'' dortselbst mietfrei zu verbringen. 
Scheidet er vorher aus - wie das in der Kohlenkrise 
1965/67 massenhaft geschehen - so wird ihm die 
Wohnung fristlos gekündigt. Die direkte Bindung des 
Arbeiters an den Einzelunternehmer nimmt mit stei- 
gender Monopolisierung ab. Wenn das wirtschaftliche 
Wachstum eine gewisse Sättigung erreicht hat, be- 
steht die Notwendigkeit, durch Konzentration und 
Zentralisation die Konkurrenz kleinerer Unternehmer 
auszuschalten und gleichzeitig die Dienste des Staates 
und der kommunalen Verwaltung in Anspruch zu 
nehmen, wenn es z.B. darum geht, die Infrastruktur 
des neuen Produktionsstandortes zu verbessern (z.B. 
durch Transportmüglichkeiten und Versorgung mit 
Arbeitskrüften). Krupp, und vor ihm Gesinnungskon- 
sorten in Frankreich und England, haben durch ihre 
Privatinitiative späteren monopolkapitalistischen 
Befriedungsmafinahmen vorgegriffen. 
1.3 Die Ausbildung klassenspezifischer Wohnviertel 
und das Klassenbewußtsein 
Die Ablösung der Einzelkapitale (die bis dahin sehr 
chaotisch den Wohnbereich regelten) durch die allge- 
meine Konzentration bedeutet für den Städtebau eine 
heute noch deutlich ablesbare Formierung und Polari- 
sierung klassenspezifischer Wohnviertel. So läßt sich 
an vielen deutschen Städten nachweisen, daß jeweils 
im Osten neue Großindustrie angesiedelt wurde (die 
im Kernbereich keine Ansiedlungsmöglichkeiten mehr 
hatte), während sich im Westen das Bürgertum seine 
Viertel baute (Windverhältnisse). Der Innenstadtbe- 
reich verlagerte sich damit folgerichtig in östlicher 
Richtung, dorthin, wo die Masse der Arbeiterfamilien 
ihre Wohnungen und die zur Versorgung notwendigen 
Händler und Gewerbetreibenden ihre Betriebe hatten. 
Diese proletarischen Viertel waren Ausgangspunkte 
vieler Aufstände und Kämpfe (deren örtliche Bedingun- 
gen später noch aufgezeigt werden am Beispiel Wed- 
ding), die wieder primär gegen politische Unterdrük- 
kung und erst sekundär für Veränderungen im Repro- 
duktionsbereich geführt wurden. 
Warum hat es in den proletarischen Vierteln auch in 
dieser Epoche keine Kampfmaßnahmen gegen die se- 
kundäre Ausbeutung gegeben? Durch die industrie- 
standortbedingte Entmischung der Klassenstruktur fehlte 
es dem Proletariat an Motivation, sich dem bürgerli- 
chen Komfort zu integrieren. Es sah in den bürgerli- 
chen Wohnvierteln weniger das Ziel besserer Lebens- 
bedingungen als mehr den Klassenfeind, der durch den 
Besitz an Produktionsmitteln sich auch immer wieder 
die besseren Wohnungen aneignen konnte. 
So haben die Forderungen nach kürzerer Arbeitszeit 
und politischer Freiheit einen entschieden klassen- 
emanzipatorischen Charakter, wührend das Verlangen 
des Bürgertums sich meist auf die Wiedergewinnung 
verlorengegangener Privilegien oder die Ausweitung 
bereits vorhandener Rechte und Annehmlichkeiten rich- 
tete. 
Dem stádtischen Proletariat mangelte es schon an den 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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