Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

materiellen Voraussetzungen, seine Forderungen am 
bürgerlichen Komfort zu orientieren; auch existierten 
noch keine Werbemethoden der Konsumgüterindustrie, 
die das fehlende Bedürfnis geweckt haben könnten. 
(Erst die Notwendigkeit, neue Märkte durch neue Be- 
dürfnisse zu erschließen, veranlaßt das Kapital, durch 
entsprechende Methoden die in Lohnkämpfen gewonne- 
nen Groschen auf dem Weg über die Verwirklichung 
kollektiver Phantasiebilder wieder zu ersetzen.) 
2. 1871-1914. Die Auswirkungen der imperialistischen 
Wirtschaft auf die Reproduktionsbedingungen der Ar- 
beiter 
2.1 Die Verschärfung des Klassenkampfes von oben 
als Voraussetzung für den Ausgleich im europäischen 
Kapitalismus 
Die internationale gewaltsame Ausweitung des Kapita- 
lismus hatte sich schon in der vorimperialistischen 
Epoche auf die Klassenkümpfe der Arbeiter ausgewirkt. 
Doch wurden diese gerade im und nach dem deutsch- 
franzósischen Krieg entscheidend bestimmt durch die 
Auseinandersetzung der Industrienationen untereinander 
und mit den rückstündigen Lándern. Der Kapitalismus 
zerschlügt dort brutal die bestehenden Produktionsfor- 
men, ruiniert die Bauernschaft genauso wie das stáüdti- 
Sche Kleinbürgertum und schafft auch dort eine kapi- 
talistische Industrie mit ihrem Proletariat. 
Die Arbeiterbewegung, die in den ersten Jahren nach der 
Niederschlagung der Revolution von 1848 erstarrt war, 
begann sich in den 50er Jahren langsam wieder zu 
erholen. 1864 entstand schließlich als Antwort auf die 
weltweite Macht des Kapitals die I. Internationale, 
deren Inauguraladresse betont, daß "trotz des kolossa- 
len Wachstums der Industrie und des Handels die Not 
der Arbeiterklasse nicht geringer geworden sei und 
nicht radikal verbessert werden könne, solange der 
Kapitalismus bestehe. Zwei Erfolge der Arbeiterklasse 
in den letzten zehn Jahren wurden hervorgehoben: das 
Gesetz über den Zehn-Stunden-Tag in England und die 
Genossenschaften, die ursprünglich ebenfalls in Eng- 
land entstanden waren" (26). 
Zwanzig Jahre später - unter Bismarck - hatte die 
Arbeiterklasse auch in Deutschland einige Verbesse- 
rungen erreicht: das Kranken- und Unfall-Versiche- 
rungsgesetz. Gleichzeitig aber wurde es seiner poli- 
tischen Forderungen größtenteils beraubt durch die 
Ausnahmegesetze, die den notwendigen inneren Schutz 
der gesteigerten Industrieproduktion darstellten; nach 
außen hin errang das Deutsche Reich seine Wettbe- 
werbsfähigkeit durch die Schutzzollpolitik (1878). Die 
vier Milliarden französischer Kriegsentschädigung, die 
in überraschend kurzer Zeit gezahlt wurden, erzeugten 
in der deutschen Wirtschaft ein ungeheures Spekulations- 
fieber ('Gründerjahre"), das schlieflich zu der schwe- 
ren Krise von 1874 führte. Diese Krise rückte die 
Standes- und Klassengrenzen weiter auseinander und 
Schuf die Voraussetzungen zu einer erhóhten Stufe der 
Konzentration. 
Die doppelte Ausbeutung des Proletariats (stirker als 
in England oder in den USA) äußerte sich vor allem in 
den schnell steigenden Produktionszahlen einerseits 
und den erhöhten indirekten Steuern (für Zucker, Petro- 
ARCH+ 15 (1971-3) 
leum (Licht!), Bier und Tabak) andererseits. Die Ver- 
schärfung des Klassenkampfes von oben war Voraus- 
setzung für den Ausgleich im europäischen Kapitalis- 
mus. "Wenn ehemals England in industrieller Bezie- 
hung allen Ländern stark überlegen war, und sie mehr 
als hundert Jahre weit hinter sich zurückließ, so 
brauchte Deutschland später, in der Periode des mono- 
polistischen Kapitalismus, nur zwei Jahrzehnte dazu, 
um England zuvorzukommen' (27). 
Für die Industriearbeiter brachte diese Entwicklung 
nicht viel. Die folgende Tabelle zeigt die Löhne der 
besonders bevorzugten Kategorien von Lohnarbeitern, 
der Bergarbeiter im Ruhrgebiet, der Maurer und 
Drucker (Auszug von Kuczinski, zitiert nach "Illustrierte 
Geschichte der deutschen Revolution, Junius-Drucke). 
Jahr Maurer Buchdrucker 
Schichtlohn Stundenlohn | Wochenlohn 
Dortmund Dresden Berlin 
Bemerkungen 
1873 | 5,00 
1879 | 2,55 
1890 | 3,98 
1900 | 5,16 
1905 | 14,84 
19131 6.02 
0,37 
0,22 
0,36 
0,45 
0,51 
0.64 
i 
" 
26,00 
23,40 
26,25 
26,25 
28,13 
ca. 32,00 
Krise 1874 
Aufhebung der Ausnahmegesetzel 
Beginn der großen Streiks (29) 
Kampf der Gewerkschaften 
Zum Vergleich: Bergarbeiter in Saarbrücken 1912: 
4,83 M., in Aachen 5, 56, Oberschlesien 4,22 und 
Niederschlesien 3, 71 M. In der gleichen Zeit stiegen 
jedoch die Lebensmittelpreise und notwendigen Aus- 
gaben der Arbeiterfamilien ganz erheblich: Bis 1890 
sanken die Weltmarktpreise für Getreide, Fleisch 
usw., hervorgerufen durch die amerikanische und 
russische Konkurrenz. 1906 lie der Zolltarif die Le- 
bensmittelpreise weiter steigen. Auch stiegen mit der 
Erweiterung der Großstädte (Abriß, Neubau und Bo- 
denspekulation) die Wohnungsmieten; Ausgaben, die 
vom steigenden Nominallohn abgezogen werden müssen. 
So fiel der Reallohn der Dortmunder Bergarbeiter von 
1905 bis 1913 um 11 % (28). 
Zu den Arbeiterwohnungen der Gründerzeit schreibt 
Hegemann (30): "Eine Beschränkung der ausnutzbaren 
Bauflüche gab es nicht ... Auf dem Hintergelände wäre 
die preußische Regierung (verantwortlich für die Bau- 
ordnung) wohl auch ganz ohne Luft- und Lichtschüchte 
ausgekommen - gegen fensterlose Ráume machte sie 
keine Einwendungen - wenn sie nicht vor dem Feuer 
Angst gehabt hätte: Die von ihr geforderten Höfe (31) 
hatten gerade die Mindestbreite, die zum Umdrehen 
der Feuerspritze erforderlich war.' Der Berliner 
Polizeipräsident erlaubte mit einem neuen Bebauungs- 
plan noch sehr viel tiefere Grundstücke und ermöglichte 
damit eine entsprechend größere Aufnahmefähigkeit. 
So entstanden in Deutschland die Arbeiterhäuser mit 
oft 5-6 Hinterhöfen. "Als sich die Regierung nach mehr 
denn 30jähriger Wirksamkeit dieser Bauordnung dran- 
machte, sie ein wenig zu verbessern, kämpften die 
Grundbesitzer wie Löwen um das ’ wohlerworbene 
Recht’, auch künftig ihren Boden "so gemeinschüdlich 
auszuschlachten' und entsprechend teuer zu vermieten. 
77
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.