Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

4. Anmerkungen zum Nationalsozialismus und zum 
"Wiederaufbau": Die Veründerung der Reproduktions- 
bedingungen und des Klassenbewußtseins. Ländliche 
Kleinsiedlung und kleinbürgerliches Volksbewußtsein. 
Ununterbrochene Eigentumsideologie und Sozialpartner- 
schaft 
4.1 Den Zielen der nationalsozialistischen Industrie- 
standort- und Wohnungsplanung entsprach es nicht, 
daß weiterhin Arbeiterwohnungen in der Stadt gebaut 
wurden. Verschleiert durch die Blut- und Boden-Ideo- 
logie forderte z.B. F. Seldte (44), daß die ländliche 
Kleinsiedlung als Lebensform für den deutschen Arbei- 
ter zu gelten habe. Sie schütze ihn z.B. "bei vorüber- 
gehender Arbeitslosigkeit vor den schlimmsten wirt- 
schaftlichen Sorgen" durch Anpflanzung und Verzehr 
von eigenem Gemüse (Kartoffelanbau als Krisenmilde- 
rung!). "Erhebliche Bedeutung kommt der Kleinsied- 
lung aber auch innerhalb der 4-Jahresplan- und Rü- 
stungsbauten zu. Hier ist die Kleinsiedlung berufen..., 
der Gefahr der erneuten Zusammenballung der Indu- 
striebevólkerung entgegenzuwirken. Gleichzeitig ... ist 
(sie) geeignet, eine Stammarbeiterschaft zu schaffen, 
die auch bei vorübergehender Beschrünkung der Be- 
schüftigung gesichert und bodenstándig bleibt." 
4.2 Der Faschismus versuchte mit Gewalt, die revo- 
lutionären Arbeiterorganisationen zu zerstören und 
deren Reproduktionsbedingungen, die "geführlichen 
proletarischen Viertel" aufzulósen (dieselbe Linie 
läßt sich fortführen bis Preusker und Lücke). Mit allen 
Mitteln versuchen Ideologen und Werbemanager, das 
noch vorhandene Klassenbewuftsein durch ein klein- 
bürgerliches "Volksbewufitsein" zu ersetzen. Da "jeder 
einzelne im Sinne der Volksgemeinschaft auf seinen 
hóchsten Leistungswert gebracht werden mu" (45) 
- die Sprache ist hier deutlich genug -, sei dafür zu 
sorgen, daB sich die VersüBung der Ausbeutung auch 
im Wohnbereich niederschlage: Neue Bedürfnisse eines 
bürgerlich-"gehobenen Lebensanspruchs'' werden dann 
zur wirksamen Ware, wenn sie "nach politisch bedingten 
Richtlinien durchgeführt, ... nach einem genauen Plan 
gelenkt werden! kónnen, und zwar durch vereinheit- 
lichte Produktion und Werbung und durch "Gesetze, die 
für das Wohnen des deutschen Menschen für die Zukunft 
zu gelten haben". 
4.3 Nach der Liquidierung des Nationalsozialismus 
bleibt die Wohnungswirtschaft trotz der katastrophalen 
Wohnungsnot profitorientiert und schließt in ihren ideo- 
logischen Formen nahtlos an die Tradition der voran- 
gegangenen Epoche an. 
Neben der elementaren Reproduktion von Arbeitskraft, 
die gewisse Grenzen nicht unterschreiten darf, dient 
der Wohnungsbau zur Bindung an immobiles Eigentum. 
Ernst Kuss, seit 1938 im Vorstand der Duisburger 
Kupferhütte, entwickelte 1946 einen Plan zur "Befrie- 
dung der Arbeiter". Er schrieb dazu: Durch Eigentum, 
vor allem ein Eigenheim, wandeln sich in erstaunli- 
cher Weise die Ansichten der vorher Besitzlosen. Ein 
sich so aus der Arbeiterschaft entwickelnder, befrie- 
deter Mittelstand, der die starken Krüfte des Volks- 
körpers umfaßt, ist der beste Schutz der Öffentlichkeit 
gegen die zersetzenden Kräfte des östlichen Kollekti- 
vismus... 
3(. 
Die Bedingungen, denen sich ein Anwärter auf ein 
Werks-Eigenheim unterwerfen muß, sehen nach 5jäh- 
riger Probezeit eine Prüfung auf Würdigkeit und voll- 
zogene Anpassung vor; eine Kündigung des Arbeitsver- 
hältnisses impliziert den Verlust des gewünschten 
Heimes. Auch im Wohnungsbaugesetz ist diese Tendenz 
verankert. 
Wohnungsbaugesetz $ 1 Abs. 2: Die Förderung des Woh- 
nungsbaus hat das Ziel, die Wohnungsnot, namentlich 
auch der Wohnungssuchenden mit geringem Einkommen, 
zu beseitigen und zugleich weite Kreise des Volkes durch 
Bildung von Einzeleigentum, besonders in Form von 
Familienheimen, mit dem Grund und Boden zu verbin- 
den. 
Jedoch ist der Versuch der Bindung an immobiles Eigen- 
tum nur ein Teil einer umfassenden Befriedungs- und 
Disziplinierungsstrategie, mit der der unter anglo- 
amerikanischer Geburtshilfe rekonsolidierte west- 
deutsche Kapitalismus die formierte Gesellschaft auf- 
zubauen beginnt. Durch einzelne Verbesserungen der 
Lage der Arbeiter sollen große Teile der Arbeiterklasse 
neben den bereits korrumpierten Schichten über die 
Verschlechterung ihrer Gesamtlage hinweggetäuscht 
werden. 
4.4 In diesem Zusammenhang scheint es uns wichtig, 
auf die Kampfaktionen der Arbeiter in dieser Epoche 
einzugehen und im folgenden die Gründe näher zu be- 
trachten. Obwohl sich die Gegensätze objektiv zuspit- 
zen, herrscht praktisch Arbeitsfriede (46). Die Zahl 
der Streikaktionen zwischen 1949 und 1956 gleichen 
denen aus der Zeit des faschistischen Terrors. In der 
Zeit von 1949 bis 1953 streikten nur rund 1/2 % der 
deutschen Arbeiter, 1954 und 1955 in einem relatiyen 
Aufschwung, sind es maximal 3 1/2 %. Nach 1956 bis 
1963 kann von Arbeitskampf nicht mehr die Rede sein. 
Die eine Seite der Gründe dieser Situation praktischen 
Arbeitsfriedens skizziert 1953 ein Artikel im Gewerk- 
schaftsorgan ’Der Holzarbeiter’ : 
"Wir können Hunderte von Fällen anführen, daß auch 
in der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung demo- 
kratische Rechte, wie sie von der Bundestagstribüne 
verkündet werden, für den Arbeitnehmer keine Gültig- 
keit haben, weil die wirtschaftliche Abhängigkeit vom 
Unternehmer so stark ist, daß der Arbeiter gar nicht 
wagt, diese Rechte für sich in Anspruch zu nehmen... 
der Unternehmer (macht) ihnen deutlich, ... daB er 
jeden entlassen will, von dem er weiß, daß er Mitglied 
... einer Gewerkschaft ist." 
Bei einer Arbeitslosenziffer von 10 % 1950 und konti- 
nuierlich abnehmend 7 % 1954 hat der Verlust des Ar- 
beitsplatzes erhebliche Konsequenzen, (Auf die Funk- 
tion der industriellen Reservearmee bzw. ihr Vorhan- 
densein im westdeutschen Kapitalismus wird in II und 
Ill eingegangen.) 
Der Druck am Arbeitsplatz selbst wird enorm gestei- 
gert (47). So ist vor allem in den vom US-Kapital be- 
herrschten monopolisierten Industriezweigen das Pro- 
duktionsergebnis je Arbeitsstunde 1954 zwischen 20 
und 50 % gegenüber 1936 gestiegen durch Intensivierung 
des Arbeitsprozesses. An der ungeheuerlichen Steige- 
rung der Betriebsunfallrate und der Berufskrankheiten 
ist u.a. das Ausmaß dieser Arbeitshetze abzulesen. 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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