Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

Die physische und psychische Auslaugung des Arbeiters, 
unterstützt durch Akkordsteigerungen, Zeitnehmer und 
Arbeitsplatzbewertungssystems ergibt zusammen mit 
der erstarkten Stellung der Unternehmer eine Existenz- 
unsicherheit des Arbeiters, die sich in Entlassungen 
bei Kritik resp. schwarzen Listen konkretisiert. 
4.5 Sozialpartnerschaft 
Aber nicht nur durch Disziplinierungsversuche soll die 
"Sicherung des Arbeitsfriedens" betrieben werden. Sie 
ist vor allem Inhalt des BVG vom Oktober 1952, eine 
Variante des nationalsozialistischen Gesetzes zur 
"Ordnung der nationalen Arbeit". 
Das Betriebsverfassungsgesetz trägt aber bereits Mo- 
mente der zweiten Seite des Versuchs von Unternehmer. 
Staat, Parteien und Gewerkschaften, die Arbeiter den 
Widerspruch von Kapital und Arbeit vergessen zu las- 
sen. 
Die auf dem Standard von 1945 betrachtete Lohnentwick- 
lung, die für sich genommen enorme Entwicklung des 
Wohnungssektors und die ausschließliche Konsumorien- 
tierung sollen über die realen Ausbeutungsverhältnisse 
hinwegtäuschen. Die Beteiligung am Besitz und Gewinn 
der privaten Unternehmen, also die Realisierung der 
Sozialpartnerschaft, gehört ebenso wie die gewünschte 
Bindung des Arbeiters an immobiles Eigentum zu den 
immer wiederkehrenden Versuchen, Minderheiten der 
Arbeiterschaft zu integrieren, d.h. das Arbeiterbe- 
wußtsein zu korrumpieren. 
Durch Miteigentum ohne Kontrollfunktion und spärliche 
Gewinnbeteiligung auf Kosten der Sozialleistungen soll 
neben der Partizipation am Eigentum eine Minderheit 
besitz- und unternehmerkonformes Bewußtsein entwickeln. 
Funktion dieser Minderheit ist es, durch exemplari- 
sches Aufzeigen der Interessengleichheit von Kapital 
und Arbeit auch dem Rest der Arbeiterschaft die system- 
konforme Perspektive schmackhaft zu machen, 
Exemplarisch sollen noch einige Daten zur Lage der 
Arbeiter in der Rekonstruktionsepoche angegeben wer- 
den. 
Die Entwicklung des Wohnungssektors scheint auf eine 
reale Verbesserung der Lage hinzuweisen. Dennoch be- 
steht auch 1954 noch eine erhebliche Wohnungsnot, die 
sich vor allem in der Zunahme der Notwohnungen und 
Notwohnräume äußert. Daß die Anzahl der in neuerstan- 
denen Wohnräumen untergebrachten Personen niedriger 
ist als der Neuzugang an Wohnräumen, ist erklärbar 
dadurch, daß von einem durchschnittlichen Lohnempfän- 
ger die hohen Mieten und Baukostenzuschüsse keines- 
falls aufgebracht werden konnten, daß also auch inner- 
halb der Aufhebung der Wohnraumbewirtschaftung nur 
die Bevölkerungsteile mit höherem Einkommen Neubau- 
wohnungen ihren Wünschen entsprechend beziehen konn- 
ten. 
Eine Untersuchung Anfang der 60er Jahre weist 12 Mio. 
Wohnraumbedürftige aus, insgesamt sind dabei 1/3 der 
Bevölkerung von faktischem Wohnungsmangel betroffen. 
Exemplarisch werden von einigen Großunternehmen Ge- 
winnbeteiligungen bzw. Beteiligungen am Aktien-Kapital 
der AG eingeführt. Obwohl die Ergebnisse für die Arbei- 
ter minimal sind, zeigt sich, daß diese an politischen 
Demonstrationen und Streiks nicht mehr beteiligt sind. 
ARCH+ 15 (1971-3) 
Die Arbeiter "stehen nicht mehr ... den Werksinteres- 
sen gleichgültig gegenüber, sondern identifizieren sie 
mit ihren eigenen". In ihren Forderungen nach Sozial- 
leistungen halten sich die mitbeteiligten Arbeiter merk- 
lich zurück. In diesem Zusammenhang sind auch die 
"freiwilligen Sozialleistungen" zu nennen, die faschi- 
stischen Ursprungs, konkreten Lohn- und Arbeitskümp- 
fen vorbeugen konnten. "So also schaffen die Monopoli- 
sten eine ókonomische Basis des Massenbetruges, die 
... der Ideologie des Reformismus ... als Nührboden 
dient." 
4.6 Lohnentwicklung 
Ein besonders günstiger Nährboden für reformistische 
Tendenzen in der Arbeiterschaft scheint die Lohnent- 
wicklung zu sein, wenn man sie isoliert betrachtet (48). 
Setzt man sie jedoch in Zusammenhang mit der Real- 
lohnhóhe vor dem II. Weltkrieg, wird klar, daB, ge- 
messen an den Lebenshaltungskosten, erst 1956 der 
Reallohn die Reallohnhóhe von 1938 erreicht hat. Zu- 
gleich steigen die Lohn- und Gehaltsabzüge vom Brutto- 
einkommen von 14. 8 % 1925 auf 24.3 % 1956. 
Als ein Disziplinierungs- und auch Befriedungsmoment 
ist der erfolgreiche Versuch der Orientierung an künst- 
lich geweckte und zu weckende Konsumbedürfnisse zu 
betrachten. Die vom Bundeswirtschaftsministerium 
mitgetragenen spezifischen Aufforderungen lassen sich 
in ihrem Erfolg an der Zunahme der Ratenkäufe ab- 
lesen, mit denen eine Verstärkung der Bindung an den 
Arbeitsplatz und erhöhte finanzielle Unsicherheit ver- 
bunden sind. Die Verlockungen des sogenannten Wirt- 
schaftswunders bringen dem Arbeiter vor allem zu- 
sätzliche physische und psychische Belastungen. 
Insgesamt läßt sich sagen, daß sich die ökonomische 
Lage der Arbeiter in der ersten Dekade nach 1945 we- 
sentlich gebessert hat (49), diese Verbesserung aber 
nicht über den Stand der letzten Jahre vor dem Krieg 
hinausging. Dagegen sind während dieser Epoche Ar- 
beitsintensität, Unfall- und Krankenrate, Existenz- 
unsicherheit und Dequalifikationserscheinungen erheb- 
lich angewachsen und haben dementsprechend die Re- 
produktionskosten der Arbeitskraft erweitert (Weiter- 
bildung, Versorgung, Versicherungen usw.). 
5. Soziale Strukturveränderungen und deren Bedin- 
sungen 
5.0 Hatten wir im Teil 1.3 auf die Polarisierung der 
Wohnviertel bzw. ihre homogene Zusammensetzung 
hingewiesen, so sind heute im Gegenteil kaum noch 
ausschließliche Arbeiterviertel festzustellen. Der An- 
teil der Bevölkerungsgruppe, die als Arbeiter im pro- 
duzierenden Gewerbe tätig ist, schwankt natürlich 
entsprechend dem Alter, der regionalen und sektoralen 
Lage und der baulichen Struktur der Wohnviertel, das 
relative und absolute Wachstum der nicht unmittelbar 
produktiven Berufe, i.e. der Angestellten in Wirtschaft, 
Handel/Verkehr und im Dienstleistungsgewerbe hat 
jedoch einen entscheidenden EinfluB auf die soziologische 
Schichtung in den Wohnvierteln gehabt (50). 
5.1 Soziale Strukturveränderungen als auch die ihnen 
als Basis dienende Produktivkraftentwicklung im Rah- 
men kapitalistischer Produktionsverhültnisse stellen 
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