Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

die Problematik, Planung - Politik auf die Frage des 
Verhältnisses von Sachkompetenz und politischer Ver- 
antwortung (5) oder die Frage der "Móglichkeit kollek- 
tiven Handelns bei nicht vorauszusetzendem Konsens" 
{6) reduzieren läßt. Analytische und formal logische 
Explikationen des Planungsbegriffs werden darum nicht 
irrelevant (7). Sie sind notwendige Prämissen, jedoch 
nicht erste Phasen der Theoriebildung, die ansetzt bei 
der Kritik der konkreten geschichtlichen Entwicklung 
der - in diesem Fall - kapitalistischen Gesellschaft der 
BRD (8). 
"Die veründerte Stellung der Staatsbürokratien in den 
spätkapitalistischen Industriegesellschaften ist (.. .) 
vor allem dadurch charakterisiert, daß sie nicht mehr 
von Fall zu Fall und unter dem Druck wechselnder In- 
teressengruppierungen in die Wirtschafts- und Sozial- 
prozesse eingreifen, sondern immer mehr in eine Po- 
sition zentraler, gesellschaftlicher Planungs- und 
Steuerungsinstanzen einrücken, deren fortlaufende Ak- 
tivität zur grundlegenden Voraussetzung für das Funk- 
tionieren des Kapitalverwertungsprozesses geworden 
ist" (9). 
Die fortschreitende Vergesellschaftung der Produktion 
und der Zwang zur Steigerung von Produktivität und 
wirtschaftlichem Wachstum haben Staat und Wirtschaft 
in ein neues Verhältnis zueinander gebracht. Beide sind 
nicht mehr als zwei getrennte Sphären zu begreifen 
("Nachtwüchterstaat"). Mit dem "Übergang zur wachs- 
tumsorientierten technologischen Entwicklungsfórderung 
ist die Trennungslinie zwischen privatem und offentli- 
chem Sektor weder funktional noch organisatorisch 
scharf auszumachen" (10). 
Das Kapitalverhältnis jedoch ist nicht aufgehoben. 
Staatliche Planung konstituiert nicht eo ipso ein neues 
"Gemeinwohl', bedeutet nicht die zentrale politische 
Bestimmung und Durchsetzung gesellschaftlicher Ent- 
5) Vgl. z.B. Thomas Ellwein, Politik und Planung, 
Stuttgart/Berlin/Kóln/Mainz o.J. (1968). 
6) F.W. Scharpi, Planung als politischer Prozeß, Die 
Verwaltung, 4. Bd., 1971, H. 1, S. 1. 
7) Vgl. etwa die "Vorstudien zu einer Theorie kommu- 
nikativer Planung" von M. Fester (Berlin 1970). 
3) Jene analytischen und damit notwendig ahistorischen 
Explitationen bereits als Theorie zu begreifen und 
ihnen Erklirungswert beizumessen, heift, ihren 
instrumentellen Charakter zu verkennen, über die 
Ontologisierung analytischer Konstrukte historische 
(politische) Probleme zu generalisieren und die ge- 
gebenen politischen Randbedingungen für invariabel 
zu erklären. Dies aber bedeutet praktisch den durch- 
aus interessierten Versuch, den Status quo zu erhal- 
ten und die gesellschaftliche Wirklichkeit nach dem 
Muster der immanenten (technischen) Rationalitát je- 
ner Konstrukte einzurichten. Zu einigen Versuchen 
einer Überführung formaler Modelle der bürgerlichen 
Nationalökonomie in eine "Theorie der Politik" vgl. 
B.S. Frey, Die ökonomische Theorie der Politik oder 
Die neue politische Ökonomie, Zeitschrift für die 
gesamte Staatswissenschaft, Bd. 126, 1970, S. 1-23. 
9) J. Hirsch, Wissenschaftlich-technischer Fortschritt 
und politisches System, Frankfurt 1970, S. 55 
10)J. Hirsch, a.a.0., S. 64. 
wicklungsziele. Staatliche Planung im organisierten 
Kapitalismus muß als der historisch notwendige und 
zugleich in sich widersprüchliche Versuch gelten, die 
Mehrwertproduktion langfristig und systematisch zu 
sichern. 
Die zunehmende Abhängigkeit privatwirtschaftlicher 
Profitchancen wie der Lebenschancen jedes einzelnen 
von der Strukturierung auch des räumlichen Gesamt- 
systems bzw. seiner Teile verlangt zur Erhaltung des 
Status quo und der Garantie wirtschaftlichen Wachs- 
tums die Planung und Organisation jener Systeme durch 
den Staat. Es geht nicht mehr lediglich um die Siche- 
rung von Raumansprüchen sozialstaatlicher Teilpla- 
nungen oder die staatliche Beihilfe zur Realisierung 
privatwirtschaftlicher Grundstücksinteressen. Mit dem 
Praktischwerden differenzierter sogenannter "raum- 
orientierter Entwicklungsplanung" gerit ein neuer Sek- 
tor des gesellschaftlichen Gesamtsystems in den Ak- 
tionsradius staatlicher Planung, die den Entwicklungs- 
bedingungen des organisierten Kapitalismus unterliegt. 
3. 
Kommunale Planung - funktionale Diffe- 
renzierung 
Die Vergesellschaftung der Arbeit macht Planung als 
dem Modus der Rationalisierung gesellschaftlicher 
Strukturen und Prozesse zur historischen Notwendig- 
keit. Die Funktionsbedingungen der staatlichen Admini- 
stration und mit ihnen die Regierungs- und Verwal- 
tungstätigkeit, die Struktur politischer Entscheidungs- 
prozesse haben sich im Vergleich zur interventionisti- 
schen Phase des Kapitalismus nochmals grundsätzlich 
gewandelt und konstituieren zugleich den neuen Wider- 
spruch von staatsmonopolistischem System und gesell- 
schaftlicher Rationalisierung durch Planung (11). 
Mit den veränderten Funktionsbedingungen des kapita- 
listischen Systems hat die liberalistische Planungs- 
feindlichkeit Sinn und Motivation verloren. Auf allen 
Ebenen der Verwaltung ist eine Ausweitung der Pla- 
nungsfunktionen und eine "schleichende Anpassung der 
Organisationsstruktur an (die) veründerten Aufgaben- 
stellungen" (12) zu beobachten. Auch die Kommunen 
sind bemüht, die Konsensbildung den neuen Bedingungen 
entsprechend zu organisieren. Die Anpassungsstrate- 
gien auch auf dieser Ebene lassen die immanent tech- 
nischen Schwierigkeiten der übexkommenen und den 
neuen Anforderungen nicht mehr entsprechenden Ver- 
waltungsbürokratie erkennen: hierarchische Organisa- 
tion, informationelle Überlastung der Entschei- 
dungskapazität der Verwaltungsspitze, mangelnde bzw 
zu späte Koordination der Fachplanungen, Qualifika- 
11) Von der Kritik der politischen Ökonomie her wird 
darum die Möglichkeit rationaler Planung zu be- 
stimmen und zu prüfen sein, inwiefern die Steige- 
rung "praktischer Kontingenz der gesellschaftlichen 
Strukturen und Prozesse! zum allgemeinen Mafi- 
stab der Rationalitit von Planung gemacht werden 
kann. Vgl. M. Fester, Vorstudien zu einer Theorie 
kommunikativer Planung, Bln. 1970. 
12) 
Vgl. R. Dilcher u.a., Planende Verwaltung und Qua- 
lifikation von Planern, Stadtbauwelt 29, 1971, S. 56. 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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