Volltext : ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

anderen Weise als die in den Produktionsprozeß einbeziehbare
 Reservearmee, in der oben bezeichneten Art
der Wechselwirkung mit den beschäftigten Arbeitermassen,
 in den Verwertungszusammenhang des Akkumulationsprozesses.


Diese zwei Bewegungsformen sind nun (auch wenn dies
im "Kapital" nicht explizit behandelt wird), auf zwei
Grenzarten des Strukturprozesses der kapitalistischen
Akkumulation bezogen, die die beiden Grenzarten
dieser Akkumulation darstellen (181).
Die Bewegung der oben aufgezählten ersten drei Kategorien
 der Reservearmee beziehen sich auf die periodische,
 als Krisentiefpunkt auftretende innere Grenze
 des kapitalistischen Akkumulationsprozesses. Es ist
eine elastische Grenze, die aber in jedem realen Krisenzyklus
 als bestimmte auftritt. (Sie wird in dem
Moment bestimmt, in dem sie überschritten - oder aufgehoben
 - wird.)

Der Strukturprozeß der kapitalistischen Akkumulation
bringt sie selbst hervor und von ihm wird sie auch
aufgehoben. Sie ist das "Hindernis", das schon auf dem
1. Darstellungsniveau des Akkumulationsprozesses aufgetaucht
 ist, das dort erreicht wird, "wo die das Kapital
 ernährende Mehrarbeit'' - durch die gestiegene
Lohnrate - nicht mehr in normaler Menge (d.h. nicht
mehr in einer, für eine bestimmte Stufe des Akkumulationsprozesses
 normale Menge) angeboten wird". In
jeder Krise (die hier nur als eine des Austausches zwischen
 Kapital und Arbeitskraft betrachtet wird) wird
dieses, vom Mechanismus des Prozesses selbst geschaffene
 Hindernis ( die Widersprüchlichkeit der kapitalistischen
 Akkumulationsbewegung) auf einer Stufe
überwunden und auf einer 'hóheren Stufenleiter" reproduziert.


Diese erste Bewegungsform der industriellen Reservearmee
 (die, wie gesagt, ihre "flüssige", '"latente'' und
"stockende' Kategorien umfafit) ist selbst kein Hindernis,
 sondern, wie Marx zeigt, Existenzbedingung der
auf hóheren Stufenleitern vor sich gehenden kapitalistischen
 Akkumulation. Die zweite Bewegungsform der
industriellen Reservearmee (die, die in der Kategorie
der "Sphüre des Pauperismus' dargestellt wird, die,
wie gesehen, Reservearmee ist und nicht ist) geht auf
eine unbestimmte Grenze zu, die ihr (und damit
auch der Prozeß der kapitalistischen Akkumulation)
äußerlich ist und die sie als gesetzmäßige Fortbewegung
 dieser Akkumulation nie überschreiten kann.
(Und da es sich um eine unbestimmte Grenze handelt,
wäre auch der Ausdruck eines ''sich Annäherns'" an
diese Grenze mißverständlich.)
"Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen
 entwickelt, wie die Expansivkraft des Kapitals.
Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee
 wüchst also mit den Potenzen des Reichtums.
Je gróBer aber diese Reservearmee, desto grófier der
offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute,
allgemeine Gesetz der kapitalistischen
Akkumulation" (182).

3.4 Die zweite Bewegungsform der industriellen Reservearmee
 und der "tendenzielle Fall der Profitrate"
Es ist nun zu sehen, daB diese zweite Bewegungsform
der industriellen Reservearmee (die bei Marx oft in einer
gemischten Form mit der ersten auftritt) ein genaues

ARCH+ 15 (1971-3)

Äquivalent zur Bewegungsform des "tendenziellen Falls
der Profitrate" darstellt.
Das strukturkonsequente Resultat des "tendenziellen
Falls" würe ebenso ein systemtranszendierendes
"konsolidiertes" Surpluskapital (oder ist der
Schein eines wachsenden Surpluskapitals) wie das
strukturkonsequente Resultat der zweiten Bewegungsform
 der Reservearmee eine systemtranszendierende
"konsolidierte' Surplusbevilkerung wire (oder der
Schein einer wachsenden Surplusbevölkerung ist).
Der Modus der Irrealität ist in einem Falle angebracht,
weil ja diese "Resultate" jenseits der Grenzen liegen,
innerhalb deren Kapital Kapital und Lohnarbeit Lohnarbeit
 bleibt. Für die Fortentwicklung dieser zwei
extremen Bewegungsformen der kapitalistischen Akkumulation
 (als Fortentwicklung der Basis der kapitalistischen
 Gesellschaftsformation) ist diese Grenze, an
der Kapital und Lohnarbeit ihre Bestimmtheit als solche
verlóren, weder strukturell bestimmt noch faktisch -
durch ein de facto-Überschreiten - bestimmbar. (Weil
ja der Prozeß der Fortentwicklung der Basis allein
diese Grenze auch nicht faktisch überschreiten kann.)
Andererseits ist das Scheinmoment hier im selben
Sinne angewandt wie im "Kapital", wo Marx (so in Bd.
3, S. 251) von "scheinbarer A rbeiterüberbevälkerung"
spricht, die also keine tatsächliche Überbevölkerung,
sondern eine für den kapitalistischen Produktionsprozeß
 überflüssig ist.
Es ist auch ersichtlich, da8 die "Tendenzen" (wenn
wir diesen Terminus hier in derselben Allgemeinheit
anwenden, wie er im "Kapital" erscheint) sowohl des
steigenden Surpluskapitals wie der steigenden Pauperi-Sierung
 aus der sich verschiebenden Wertrelation
des konstanten und variablen Kapitals innerhalb der
spezifisch kapitalistischen Fortbewegung der Akkumulation
 entspringen. Sie beruhen also wesentlich - und
in Übereinstimmung mit der Grundkonzeption der
Marx’ schen Theorie - nicht auf der Konkurrenz der
Einzelkapitalien, sondern auf dem Strukturproze der
Produktion. Oder, um eine Feststellung von Paul
Mattick (183) erweitert aufzugreifen: Der tendenzielle
Fall der Profitrate und der tendenzielle Fall der Be-Schüftigungsrate
 sind nur andere Ausdrücke für die
Akkumulation des Kapitals und die wachsende Produktivitit
 der Arbeit.

Es wäre aber auch falsch, sich an der Tatsache vorbeizudrücken,
 da8 im "Kapital" diese beiden Seiten des
Bewegungsgesetzes der Akkumulation oder, wie man es
analytisch differenzierter sagen kónnte, die beiden Extremformen
 des kapitalistischen Akkumulationsprozesses,
 eine verschiedene Realitütsbezogenheit zu
haben scheinen. Mit dem Ausdruck "Extremform"
wollen wir hier also diejenigen Bewegungsweisen der
kapitalistischen Akkumulation bezeichnen, die (als
Wachsen der konsolidierten Überbevälkerung und Fall
der Profitrate), im Unterschied zu den zyklischen, sich
auf die äuBeren Grenzen, auf die Extrempunkte des
Prozesses bezogen sind. Unter der verschiedenen Realitätsbezogenheit
 der beiden "Seiten" im "Kapital" meinen
 wir den noch zu spezifizierenden Unterschied zwischen
 dem als "allgemeines Gesetz" formulierten
Wachstum der konsolidierten Überbevólkerung einerseits
 (das als solches in der Wirklichkeit immer nur
im modifizierten Formen zur Auswirkung gelangen
kann) und dem zuweilen als reale Tendenz behandelten

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