Volltext : ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

"Fall der Profitrate'!.
Hier wäre allerdings darauf hinzuweisen, daß diese
Differenz nicht in allen drei Bänden des "Kapitals"
erscheint, was, wie wir es gleich sehen werden, auch
dem Aufbau des Werkes und der Ausgeführtheit des
dritten Bandes entspricht. Im ersten Band, wo die,
durch die Erscheinungsform verdeckte, aber in ihrem
Rücken wirksame "innere Natur des Kapitals" und die
"immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion''
in das Marx’ sche Begriffsnetz kommen, stehen die
beiden hier eindeutiger differenzierten "systemtranszendierenden"
 Bewegungsformen gleichgewichtig und
in der gleichen Realitütsbezogenheit nebeneinander,
oder genauer, sie sind die zwei #quivalenten Seiten
desselben gesetzlichen Strukturprozesses. - Dies ist,
nebenbei gesagt, auch in den "Grundrissen" der Fall.

Anders im dritten Band. Bevor wir aber den in diesem
Band auftretenden Unterschied der zwei Bewegungsformen
 uns ansehen, ist es ratsam, uns die Weise der
Darstellung und die Art der "Gestaltungen" des Kapitals,
 die in diesem Band auftreten, in die Erinnerung
zu rufen. Gleich auf der ersten Seite der Einleitung
dieses Bandes schreibt Marx über dessen Thema, die
Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozessen:
"Worum es sich in diesem dritten Band handelt, kann
nicht sein, allgemeine Reflexionen über diese Einheit
anzustellen. Es gilt vielmehr, die konkreten Formen
aufzufinden und darzustellen, welche aus dem Bewegungsprozeß
 des Kapitals, als Ganzes
betrachtet, hervorwachsen. In ihrer wirklichen
Bewegung treten sich die Kapitale in solchen konkreten
Formen gegenüber, für die die Gestalt des Kapitals im
unmittelbaren Produktionsprozeß, wie seine Gestalt
im Zirkulationsprozeß, nur als besondere Momente
erscheinen. Die Gestaltungen des Kapitals, wie wir sie
in diesem Buch entwickeln, nähern sich schrittweise
der Form, worin sie auf der Oberfläche der Gesellschaft,
 in der Aktion der verschiedenen Kapitale aufeinander,
 der Konkurrenz, und im gewöhnlichen Bewuftsein
 der Produktionsagenten selbst auftreten."
Helmut Reichelt (184) hat darauf hingewiesen, da die
se Konzeption des "ganzen Bewegungsprozesses' auf
eine Änderung des Aufbaus der ersten zwei Bünde hinausläuft.
 Reichelt meint damit augenscheinlich die
hier auftauchende veränderte Beziehung zwischen der
"Gestalt des Kapitals im Produktionsprozef" (jetzt als
besonderes Moment) und seine Bewegung und dem BewegungsprozeB
 des Kapitals als Ganzes (wo die wirkliche
 Bewegung der konkreten Gestalten des Kapitals
 sich abspielen soll). Wir meinen, daB es sich
dabei um eine Doppeldeutigkeit handelt, die sich aus
der Annäherung der Darstellung an der "Oberfläche
der Gesellschaft" ergibt: "Je mehr wir den VerwertungsprozeB
 des Kapitals verfolgen'' - schreibt Marx
auch in diesem Band des "Kapitals'" (S. 69) - "um so
mehr wird sich das Kapitalverhältnis mystifizieren,
und um so weniger das Geheimnis seines inneren
Organismus bloBlegen",

Es mag wohl vermutet werden, daß diese "Annäherung
an die Oberfläche' den Grund dafür hergibt, daß Marx
im dritten Band nicht ständig jene Unterscheidung
zwischen den zwei Aspekten der, auf dieser Oberfläche
sich abspielenden Konkurrenz der Kapitalien durchhält,
dessen Prinzip er selber aufstellt. Den Unterschied
nümlich zwischen 'das Kapital als es selbst und seine

D)

eigene Oberfläche, als prozessierende Einheit von Wesen
 und Erscheinung, die selber noch in der begrifflichen
 Darstellung zum Ausdruck kommt, und dann das
Kapital in der historischen Realität‘ (185).
In der Marx’ schen Darstellung der Basis der kapitalistischen
 Gesellschaftsformation, seines Strukturprozesses,
 ist die Behandlung der historischen Wirklichkeitsebene
 dieser ''Basisbewegung'' ausgeklammert.
Und dies mit gutem Grund: Die ungebrochene Hineinführung
 der inneren, gesetzmäßigen Bewegung der
ökonomischen Basis der kapitalistischen Gesellschaftsformation
 in die unmittelbare historische Realitätsebene
 dieser Gesellschaft (d.h. in die Ebene, wo die
bürgerliche Ökonomie sich im Scheine der Sachzwänge
bewegt) würde den Schein der deterministi
schen Verdinglichung, den das Marx’sche
Werk historisch durchbricht, nicht aufheben,
 sondern verfestigen. Oder, anders
gesagt: Die Übertragung der wesentlichen Gesetzmäßigkeit
 der inneren Strukturbewegung der Basis der kapitalistischen
 Gesellschaft in die verdinglichten Bewegungsformen
 ihrer Oberfläche würde gerade das Gegenteil
 der Marx’ schen Intention und Leistung bedeuten:
das Aufzeigen nämlich der fortgesetzten Herrschaft
dieser verdinglichten ökonomischen Bewegung über das
menschliche Wesen.

Darum die Marx' sche Abgrenzung: "In der Darstellung
der Versachlichung der Produktionsverhältnisse und
ihrer Verselbständigung gegeniiber den Produktionsagenten
 gehen wir nicht ein auf die Art und Weise, wie
die Zusammenhänge durch den Weltmarkt, seine Konjunkturen,
 die Bewegungen der Marktpreise, die Perioden
 des Kredits, die Zyklen der Industrie und des Handels,
 die Abwechslung der Prosperität und Krise, ihnen
als übermächtige, sie willenlos beherrschende Naturgesetze
 erscheinen und sich ihnen gegenüber als blinde
Notwendigkeit geltend machen. Deswegen nicht, weil
die wirkliche Bewegung der Konkurrenz außerhalb unseres
 Plans liegt, und wir nur die innere Organisation
der kapitalistischen Produktionsweise, sozusagen in
ihrem idealen Durchschnitt, darzustellen haben'' (186)
Sehen wir aber nun, wie die zwei Extremformen der
Strukturbewegung der kapitalistischen Akkumulation an
zwei Stellen des dritten Bandes dargestellt sind. Zum
Gesetz des "tendenziellen Falls" lesen wir: "So (d.h.
weil eine Reihe von Ursachen, auf deren Charakter wir
hier noch eingehen werden) wirkt das Gesetz nur
als Tendenz, dessen Wirkung nur unter bestimmten
Umständen und im Verlauf langer Perioden
schlagend hervortritt' (187).

Zum Gesetz der Pauperisierung: "Im selben Verhältnis
 daher, wie sich die kapitalistische Produktion entwickelt,
 entwickelt sich die Möglichkeit einer
relativ überzähligen Arbeiterbevölkerung, nicht weil
die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit abnimmt,
 sondern weil sie zunimmt, also nicht aus
einem absoluten Mißverhältnis, zwischen Arbeit und
Existenzmitteln ..., sondern aus einem Mißverhältnis
entspringend aus der kapitalistischen Exploitation der
Arbeit, dem Mißverhältnis zwischen dem steigenden
Wachstum des Kapitals und seinem relativ abnehmenden
 Bedürfnis nach wachsender Bevölkerung'' (188).
Auf der nächsten Seite lesen wir allerdings zum selben
Punkt: "Es folgt hieraus, daß je mehr die kapitalistische

ARCH+ 15 (1971-3)
            
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