Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

entzwei: In horizontale Disparitäten auf der einen, ver- 
tikale Disparitäten qua Klassenunterschiede auf der 
anderen Seite, wobei er letztere - und hier reprodu- 
ziert sich gewerkschaftliche Ideologie - auf Probleme 
der Lohnquote reduziert. Der wirkliche Zusammen- 
hang zwischen Produktions- und Reproduktionsbereich 
ist hier nur noch zu erahnen. "Allerdings ist es wahr- 
scheinlich, daß die in der klassischen Phase des Kapi- 
talismus unterprivilegierten Gruppen und Schichten 
auch am ehesten die Leidtragenden derjenigen System- 
defekte sein werden, die die gleichmäßige Entfaltung 
der Produktivkräfte und der Freiheitschancen in allen 
Bereichen des gesellschaftlichen Lebens unterbinden. 
Im unteren Bereich der Einkommensskala kumulieren 
sich gleichsam die Effekte distributiver Benachteili- 
gung und horizontaler Disparität'' (193). 
Gegen Ende und mit dem Zerfall der Studentenbewe- 
gung werden die oben angesprochenen falschen, nicht 
oder nur auf Plausibilitätsebene vorhandenen Vermitt 
lungen zwischen Produktions- und Reproduktionsbe- 
reich auch organisatorisch und begrifflich in den ver- 
Schiedenen "Stadtteil"- und "Betriebsarbeitsansützen" 
deutlich. Unzureichend in der Aussage und jenseits 
der Grenze politischer Wirksamkeit blieben die Grup- 
pen, die entweder bei einem nur auf der Disparitäten- 
these und sozialpsychologischen Theoriefragmenten 
beruhenden Konzept blieben, oder aber ihre Zuflucht 
zu Konzepten der zwanziger Jahre nahmen. Eine adäqua- 
te Strategie der Arbeit im Reproduktionsbereich ist, 
wie wir oben ausführten, erst noch zu erarbeiten. Dies 
ist in dem folgenden Zitat erkannt und programmatisch 
formuliert: "Diese auf situative Benachteiligung be- 
schrünkten Initiativen scheinen allgemein dadurch 
charakterisiert, daf sie sich zwar gegenüber den 
krassesten Auswirkungen kapitalistischer Verfügungs- 
gewalt über das stidtische Leben zur Wehr setzen, 
darin bestürkt durch das Versprechen staatlicher und 
städtischer Administration zur Abhilfe "sozialer Mi8- 
stände' helfend einzugreifen. Solche Isolations- und 
Eindämmungsversuche verdecken aber eher die poli- 
tische Aufgabe: den Zusammenhang der von den ver- 
schiedenen Gruppen aufgegriffenen problematischen 
sozialen Lagen in ihrer Gesetzmäßigkeit zu erkennen 
und Perspektiven zu deren Außerkraftsetzung zu ent- 
wickeln" (194). 
3. 
Wir hatten schon dargestellt, daß sozialistische Arbeit 
im Reproduktionssektor sich notwendig an den beschrie- 
benen Veränderungsprozessen in ihrer konkreten Be- 
stimmtheit und in ihrer Bestimmung, d.h. in ihrer 
Rückwirkung auf die Faktoren, die sie bestimmt haben, 
orientieren muß. Die Arbeit im Reproduktionssektor 
ist bisher auch vor allem deshalb als negativ gegen 
ihre Träger gewendet worden, als sie nur den klein- 
bourgeoisen Mittelstand als unmittelbaren Aktionsträger 
und somit die Artikulation höchstens mittelständisch- 
korporativer Interessen zur Folge zu haben schien, die 
Arbeit selbst jedoch der Arbeiterschaft als eigentli- 
chem Adressaten galt. Wir haben nun aber aufgezeigt, 
daß das Kleinbürgertum in seiner klassischen Form als 
Träger kleinkapitalistischer, und nur in der Weise 
anti-monopolkapitalistischer Interessen sich wandelt 
zur Lohnabhängigen-Schicht, die, sozialökonomischen 
Depravationsprozessen ausgeliefert, sich sowohl 
quantitativ ausdehnt als auch strukturell der Industrie- 
rc 
arbeiterschaft angleicht. Dieser objektive (strukturell 
bedingte) Gegensatz zum Kapital liefert in diesem Be- 
zug also eher die Legitimation von Arbeit im Repro- 
duktionssektor als deren Negation. 
Die angestellte Intelligenz und speziell die Planer und 
Architekten sollen in diesem Zusammenhang noch ein- 
mal näher betrachtet werden: 
1. Die objektive Stellung der angestellten Intelligenz 
kann charakterisiert werden als wesentliche Innovations- 
instanz des entwickelten kapitalistischen Systems. Die 
relatıve Macht der angestellten Intelligenz besteht 
einerseits also in der Übernahme der innovativen Funk- 
tionen, durch die die langfristige Entwicklung und Lei- 
stungsfähigkeit des kapitalistischen Systems garantiert 
werden soll, andererseits in der Funktion als Ideologie- 
träger, als Legitimationsinstanz, über die die Wider- 
sprüchlichkeit kapitalistischer Entwicklung durch deren 
Subsumtion unter die Formel des wissenschaftlich- 
technischen Fortschritts und dessen Sachgesetzlichkei- 
ten verschleiert werden soll. Dies gilt allgemein wie 
im besonderen für Planer und Architekten. Ihr Arbeits- 
gegenstand, ein Teil des Reproduktionssektors, unter- 
liegt in besonderem Maße derzeitig kapitalistischer 
Krisenentwicklung. Zum einen, da sich die Formen 
der kapitalistischen Dauerkrise, auf allen gesellschaft- 
lichen Ebenen erscheinend, vor allem auf kommunaler 
Ebene artikulieren, zum anderen, in diesem Zusam- 
menhang, da sich der gesellschaftliche Grundwider- 
spruch im Reproduktionsbereich artikuliert in der 
Erscheinungsform als Konflikt zwischen der perpetuier- 
ten technologischen Perfektionierung des Produktions- 
bereiches und der relativen Depravation des Bereichs 
der gesellschaftlichen Reproduktion der Arbeitskraft. 
Das von Planern und Architekten geforderte innovative 
Handeln muf sich einerseits also beschrünken am Rah- 
men der durch die kapitalistische Verwertungsrationa- 
lität gesetzten Bedingungen, andererseits entwickeln 
sie (Planer und Architekten) jedoch im professionellen 
Bereich Losungsvorschlige, die, auf der Basis des 
bestimmten Widerspruchs und mit dem Ziel kollektiver 
Bedürfnisbefriedigung, objektiv antikapitalistischen 
und tendenziell sozialistischen Charakter tragen, ob- 
gleich sie weder subjektiv noch objektiv an marxistische 
Tradition anknüpfen. 
2. So entwickeln sich auch im Eigenverständnis der 
angestellten Intelligenz Widerstandsformen gegen ihre 
Funktionalisierung. Wie schon angerissen, steht die 
spezifische Qualifikation der angestellten Intelligenz 
als technischer Rationalität im Widerspruch zur kapi- 
talistischen Rationalität der Profitmaximierung, d.h. 
daß die objektivierten Formen wissenschaftlich-techni 
scher Potenzen als Widerspruch zwischen Produktiv- 
kräften und Produktionsverhältnissen in Widerspruch 
geraten zu den politisch-ókonomischen Bedingungen 
kapitalistischer Verwertung. In der Wahrnehmung der 
innovativen Funktionen, d.h. in der Konzeption wissen- 
schaftlich-technischer Programme von gesellschaftli- 
cher Relevanz bricht sich technische Rationalität am 
Rahmen der politisch-ökonomischen Strukturen kapita- 
listischer Herrschaftssicherung. Die zur Legitimation 
des Systems gedachten Funktionsträger erfahren also 
notwendig selbst die Legitimationskrise des Systems 
als die permanente Kollision technischer und kapitali- 
stischer Rationalität. Die Entwicklung eines Unbehagens 
und eines kritischen Widerstandes ist hier nicht mehr 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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