Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

Nach dem oben über die notwendige organisatorische 
Differenzierung gesellschaftlicher Planung Gesagten 
ergibt sich, daß räumliche Funktionsbedingungen ge- 
sellschaftlicher Subsysteme allein von den Fachplanun- 
gen identifiziert und als Ziel resp. restriktive Bedin- 
gung in den Kontext z. B. kommunaler Planung einge- 
bracht werden. Damit stellen die Fachplanungen auch 
für die Planung räumlicher Strukturen die notwendige 
Voraussetzung dar. 
Jedoch - und dies ist die für eine Konstituierung von 
Raumplanung als einer spezifischen Funktion gesell- 
Schaftlicher Planung entscheidende Feststellung - reicht 
das Kommunikationsvermógen und die Regelkapazitát 
der als Subsysteme begriffenen Fachplanungen nicht 
aus, um die Probleme der räumlichen Organisation 
gesellschaftlicher Systeme zu bewältigen. Angesichts 
der technischen Differenziertheit der Elemente räum- 
licher Systeme sowie der Multifunktionalität 
räumlicher Strukturen und der daraus resultierenden 
Komplexität räumlicher Systeme erweist sich die or- 
ganisatorische und institutionelle Absicherung von 
Raumplanung im Zusammenhang einer die räumliche 
Dimension mit einbeziehenden gesellschaftlichen Pla- 
nung als eine Möglichkeit der notwendigen Ausweitung 
der Regelkapazität des Gesamtsystems (21). Daß das 
neue Subsystem neue Zielprobleme schafft und unter 
hoher politischer "Risikobelastung" steht, ist evident 
und wird sich zweifellos an der Intensitüt der Diskussion 
um die Parteilichkeit der Raumplanung deutlich zeigen. 
5. 
Funktionen der Raumplanung 
Diese organisatorische und institutionelle Absicherung 
konstituiert für Raumplanung im Zusammenhang kom- 
munikativer Prozesse (22) z.B. kommunaler Planung 
folgende praktische Funktionen (nicht Phasen): 
5.1. 
Registrierung der von den einzelnen Fachplanungen 
formulierten riumlichen Funktionsbedingungen der je- 
21) Wobei auf den Widerspruch von gesellschaftlicher 
Planung und kapitalistischer Produktionsweise zu- 
mindest nochmals hingewiesen sei, d.h. daß mit 
der Konstituierung von Raumplanung historisch 
keineswegs notwendig und in jedem Fall von einer 
Rationalisierung gesellschaftlicher Planung gespro- 
chen werden kann. 
22) Und von solchen wird hier grundsätzlich ausgegan- 
gen. D.h., daß hier nicht mit einer technischen 
Begründung von Raumplanung bestehende Macht- 
probleme verschwiegen und insgeheim der alte 
Superplaner wieder eingeführt werden soll. Daß 
angesichts der Vagheit und geringen Differenziert- 
heit der durch die Fachplanungen formulierten 
räumlichen Funktionsbedingungen für die Raum- 
planung ein erheblicher Manipulationsspielraum 
bleibt, ist selbstverständlich. Die entscheidenden 
Machtprobleme werden sich jedoch dort zeigen, wo 
es nicht um die Organisation und Verteilung der 
räumlichen, sondern der finanziellen Ressourcen geht. 
weiligen gesellschaftlichen Subsysteme (23). 
5.2. 
Identifikation der riüumlichen Ressourcen. Rüumliche 
Ressourcen sind die Teile eines fiktiven rüumlichen 
Gesamtsystems, deren Strukturen ohne nennenswerten 
zusätzlichen Aufwand formulierten räumlichen Funk- 
tionsbedingungen entsprechen können. Die Identifikation 
des Potentials an Flächen, Netzen und Räumen sowie 
deren Verfügbarkeiten erfolgt gemäß den durch die 
Fachplanungen formulierten räumlichen Funktionsbe- 
dingungen. 
5.3. 
Bilanzierung der räumlichen Ressourcen sowie der 
Ansprüche an sie. 
Die entsprechend den Forderungen der einzelnen Fach- 
planungen herzustellenden Funktionsbedingungen sind 
mit den identifizierten räumlichen Ressourcen zu bi- 
lanzieren (24). 
Periodische oder auch kontinuierliche Bilanzierung 
erfüllt die Funktion, in kommunikative Prozesse z.B. 
kommunaler Planung Informationen über die jeweilige 
Ressourcenlage einzubringen, laufende Prozesse zu 
kontrollieren und die Einhaltung von Proportionen zu 
sichern. 
5.4. 
Entwurf von Strategien zur Lösung der räumlichen 
Strukturprobleme gesellschaftlicher Planung (25). 
5.4.1. 
Organisation von speziellen Konsensbildungspro- 
zessen, in deren Verlauf sich die Forderungen der 
Fachplanungen zur Herstellung bestimmter räum- 
licher Funktionsbedingungen ändern, und im 
23) Das Legitimationsinteresse der Ressorts macht auf 
Grund der Differenziertheit räumlicher Subsysteme 
und Ressourcen ein gewisses raumwissenschaftli- 
ches Potential innerhalb der Fachplanungen erfor- 
derlich, so daß die räumlichen Funktionsbedin- 
gungen definiert und im Kontext spezieller Theo- 
rien räumlicher Systeme (z.B. spezielle Standort- 
theorien) begründet werden können. 
24) Im Unterschied zur Haushaltsplanung, die die fi- 
nanziellen Ressourcen und die Ansprüche an diese 
bilanziert, stellt sich das Problem der Bilanzie- 
rung in der Raumplanung technisch sehr aufwendig, 
weil räumliche Ressourcen nur bedingt gegenein- 
ander aufgerechnet werden können. 
25) 
Probleme der Herstellung der räumlichen Funktions- 
bedingungen gesellschaftlicher Subsysteme, die kon- 
stituiert werden vor allem dadurch, a) daß bei ge- 
gebener Multifunktionalität räuml. Systeme, jede 
Manipulation von deren Strukturen die Funktionsbe- 
dingungen der verschiedensten gesellschaftlichen 
Subsysteme verändern kann, b) daß jede Veränderung 
räumlicher Systeme eine Inanspruchnahme finan- 
zieller Ressourcen bedeutet und damit die Realisie- 
rungschancen aller anderen Ziele im Zusammen- 
hang z.B. kommunaler Planung verändert und c) daß 
die Manipulationen zur Veränderung räumlicher Sy- 
steme einen hohen technischen Aufwand erfordern, 
der vor allem von der Umweltgüteplanung, der Ver- 
kehrsplanung und der technischen Infrastrukturpla- 
nung betrieben werden muß, 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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