Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

Planung der gesamten Betriebsorganisation 5) folgender- 
maßen verteilt (vgl. Bild 1, das mit den vier Planungsberei: 
chen zugleich deren gegenseitige Überlappung im Bereich 
des Objekts der Planung, also der Betriebsorganisation, 
angibt): Die Praxisplanung und die Nutzungsplanung 
übernehmen denjenigen Anteil, der die funktionalen Be- 
ziehungen — auf diesen Begriff wird unten ausführlich 
eingegangen — zwischen verschiedenen Ebenen des Be- 
triebsprozesses betrifft, nämlich einmal die Beziehung 
zwischen der Veränderung der Welt auf der einen und 
Es sei ausdrücklich hingewiesen auf die im Text gemachte 
Unterscheidung zwischen Betrieb, Betriebsorganisation und 
Betriebsprozeß. Unter der Betriebsorganisation wird nicht 
der Betrieb selbst verstanden, sondern die Art und Weise 
der Gliederung des Betriebs — organisations- bzw. system- 
theoretisch ausgedrückt: in einzelne (funktional aufeinan- 
der bezogene) Elemente und strukturelle Momente. Die 
Betriebsorganisation bestimmt somit den Betriebsprozeß. 
Wenn hier vor der Betriebsorganisation im Zusammenhang mit 
Planung die Rede ist, so ist zu unterscheiden zwischen der 
geplanten Organisation und der tatsächlich vorhandenen 
Organisation. Diese setzt nämlich die Implementbildung 
über jener voraus, Wie aber die Konzeptionsbildung — wo- 
von die Planung ein Spezialfall ist — „keine einfache, 
keine unmittelbare, keine totale Widerspiegelung” (Lenin, 
W.: Werke Bd. 38, Dietz Verlag, 1970, S. 172) der 
Realität ist, so ist die Implementbildung keine bloße Kon- 
kretisierung der Konzeption — weshalb übrigens der Ter- 
minus ‚Implementbildung’ adäquater ist als der Terminus 
‚Implementierung’. Die Konzeptionsbildung impliziert eine 
Abstraktion gegenüber der Realität, die Implementbildung 
eine Interpretation der Konzeption, hier: des Ergebnisses 
der Planung. Vgl. hierzu Feldtkeller, C.: Zur Theorie der 
Praxis, Arch+ 3 (1969) H. 7, S. 7 bis S. 13; sowie die Aus- 
führungen zum Subjekt-Objekt-Verhältnis im Exkurs am 
Schluss von Teil II. Im Praxisstudium und im Nutzungsstu- 
dium wird deshalb auch nicht von der (geplanten) Organi- 
sation ausgegangen, sondern von dem (konkreten) Betriebs- 
prozeß, und es wird versucht, die beobachteten Phänomene 
mit der tatsächlich vorhandenen, den Betriebsprozeß be- 
stimmenden Organisation, die aus ihm konzeptionell her- 
auszuschälen ist, in Zusammenhang zu bringen. Bewußt um- 
gangen wurde der Terminus ‚System’ — was einen implizit 
systemtheoretischen Ansatz nicht ausschließt (vgl. die Ver- 
wendung des für die Systemtheorie zentralen Begriffs der 
Funktion —, da seine Verwendung, um nicht zu Mißver- 
ständnissen zu führen, eine sehr ausführliche Klärung des 
Systembegriffs erfordert hätte. 
Unter Praxis sei verstanden der (gesellschaftlich in vielfälti- 
ger Weise vermittelte) Prozeß der Veränderung der Welt 
durch die bewußte zielgerichtete Tätigkeit. Dieser Praxisbe- 
griff sei unterschieden von jenem weitverbreiteten Praxisbe- 
griff, bei dem der Objektbereich auf den materiellen und/oder 
den außerhalb des Subjekts liegenden Bereich der Welt be- 
schränkt ist. Vgl.: Philosophisches Wörterbuch, Hrsg. G. 
Klaus u. M. Buhr, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 
1969: Stichworte ‚Praxis’ und ‚objektive Realität’. Der hier 
verwendete Praxisbegriff geht vielmehr auf Hegel und Marx 
zurück, die das Praktische’ als das ‚Theoretische’ und das 
Objekt der Praxis als ihr Subjekt übergreifend verstanden. 
Vgl. Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, Werke 3, 
Surkamp Verlag, S. 240; und Marx, K.: Thesen über Feuer- 
bach, Marx/Engels, Werke, Bd. 3, Dietz Verlag, 1969, S. 5 
bis S. 7. Der Objektbereich umschließt also den dem Subjekt 
gegenüberstehenden (objektiven) materiellen Bereich der 
Welt sowie den dem Subjekt gegenüberstehenden (objektiven) 
ideellen Bereich der Welt, den Bereich der Konzeptionen und 
Theorien, und das Objekt der Praxis umschließt ihr Subjekt 
in seinen materiellen und ideellen Aspekten. Dies ist im 
Grunde schon zum Ausdruck gebracht, indem gesagt wurde. 
den Tätigkeiten (durch welche die Veränderung der 
Welt erfolgt) auf der anderen Seite,6) zum andern die 
Beziehung zwischen den Tätigkeiten auf der einen und 
der baulichen Umwelt (in welcher die Tätigkeiten statt- 
finden) auf der anderen Seite.7) Die tätigkeitstech- 
nische Planung und die bau- bzw. fertigungstechnische 
Planung übernehmen denjenigen Anteil, der die funk- 
tionalen Beziehungen innerhalb der Tätigkeiten bzw. 
der baulichen Umwelt, sowie die Technik der jeweiligen 
Implementbildung 8) betrifft.9) In den Planungen der 
daß die Veränderung der Welt durch die bewußte zielgerich- 
tete Tätigkeit erfolgt. Darin ist enthalten, daß eine revolutio- 
näre Veränderung der Welt eine revolutionäre Veränderung 
der Tätigkeiten und damit des Subjekts und seiner Konzeptio- 
nen bzw. Theorien einschließt. Durch die Ausschlies- 
sung der. Konzeptionen aus dem Objektbereich und des 
Subjekts aus dem jeweiligen Objekt wird der Praxis- 
begriff gerade um das revolutionäre Moment verarmt. 
Ein weiteres Charakteristikum des hier verwendeten Praxis- 
begriffs ist dies, daß dieser Begriff hier nicht ausschließlich auf 
die Gesamtheit der praktischen Tätigkeiten der Gesellschaft 
bezogen ist, sondern auch auf Teilbereiche dieser Gesamtheit. 
Die verschiedenen Teilbereiche betreffen jedoch ein und die- 
selbe Welt und sind auf vielfältige Weise untereinander vermit- 
telt, wobei dem Bereich der materiellen Produktion eine pri- 
märe Funktion zukommt. Bei der Praxisplanung sind deshalb 
die Beziehungen des jeweiligen Praxisbereichs mit den übrigen 
Praxisbereichen, insbesondere dem der materiellen Produktion 
zu berücksichtigen. Vgl. schließlich die Anmerkung 36, in wel- 
cher der hier verwendete Praxisbegriff gegenüber dem in der 
Praxeologie verwendeten abgegrenzt wird. 
Insofern, als die bauliche Umwelt mit zu der durch die be- 
wußte zielgerichtete Tätigkeit sich verändernden Welt gehört, 
nämlich durch die Tätigkeiten — bei produzierenden Betrieben 
als Produktionsmittel — verbraucht wird, insofern ist die Nut- 
zung nicht als ein Aspekt neben der Praxis, vielmehr als ein 
spezieller Aspekt der Praxis zu sehen, der hier zum Zweck der 
Gliederung der Betriebsplanung aus ihr herausgehoben wird. 
Daraus ergibt sich schon, daß die Nutzungsplanung der Praxis- 
planung untergeordnet ist. Sie hat nur indirekt, nämlich über 
die Praxisplanung mit der gesellschaftspolitischen Zieldiskus- 
sion — soweit diese überhaupt geführt wird — zu tun. 
Vgl. Anmerkung 5. 
Letzteres scheint selbstverständlich für die bau- bzw. ferti- 
gungstechnische Planung, nicht aber für die tätigkeitstechni- 
sche Planung. Es ist also hervorzuheben, daß die geplanten 
Tätigkeiten nicht von selbst stattfinden, unddaß, soweit diese 
die vorhandenen Kenntnisse und Fertigkeiten der Nutzer über- 
steigen, im Rahmen der Implementbildung ein spezielles tätig- 
keitstechnisches Training erforderlich ist, das auf den vorhan- 
denen Kenntnissen und Fertigkeiten aufbaut. Im Fall der 
Schule betrifft dies die Lehrer, welche bezüglich der Tätigkei- 
ten leitende Funktionen ausüben müssen. Dabei sind sowohl 
die Praxisaspekte als auch die Nutzungsaspekte der Tätigkeiten 
einzubeziehen, Es sind zum einen die für die geplanten Tätig- 
keitsformen (Unterrichtsgespräch, Kleingruppenarbeit, team- 
teaching etc.) erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten 
zu erwerben. Daneben sind zum andern Kenntnisse zu er- 
werben über die physischen Bedingungen der Tätigkeiten 
sowie über die physischen Funktionen verschiedener 
Elemente und struktureller Momente der baulichen 
Umwelt, um nämlich die Nutzungsmöglichkeiten, 
die die bauliche Umwelt aufgrund ihrer Veränder- 
barkeit bietet, zum Vorteil der Praxis ausschöpfen zu kön- 
nen, Es ergibt sich ohne weiteres, daß die hier angegebenen 
Inhalte des tätigkeitstechnischen Trainings vor der Über- 
tragung neuer Organisationsmodelle auf die Regelschule(n) 
in die Lehrerausbildung übernommen werden müssen. 
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